{"id":10278,"date":"2015-10-14T09:10:27","date_gmt":"2015-10-14T07:10:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10278"},"modified":"2015-10-14T17:35:43","modified_gmt":"2015-10-14T15:35:43","slug":"wenn-es-ihnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/10\/14\/wenn-es-ihnen\/","title":{"rendered":"Wenn es Ihnen"},"content":{"rendered":"<p>Wer h\u00f6flich sein will, muss leiden. Im kommunikativen Umgang ist es eine Sache des guten Tons, dass man sich beim Sprechen ein wenig M\u00fche gibt, wenn man dem Gegen\u00fcber Wertsch\u00e4tzung vermitteln m\u00f6chte. Deshalb sind H\u00f6flichkeitsfloskeln oft relativ lang und umst\u00e4ndlich. Ein Paradebeispiel ist die Gru\u00dfformel, mit der man im Franz\u00f6sischen einen gesch\u00e4ftlichen Brief abschlie\u00dft: &#8222;Veuillez agr\u00e9er \u00e0 l\u2019expression de mes sentiments les meilleurs&#8220; (oder eine der zahlreichen Abwandlungen) \u2013 Sinngem\u00e4\u00df: &#8222;W\u00fcrden Sie bitte den Ausdruck meiner allergr\u00f6\u00dften Hochachtung entgegennehmen.&#8220;<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite hat man nun wirklich nicht st\u00e4ndig die Zeit und Mu\u00dfe, solche Satzmonstren zu \u00e4u\u00dfern. Erst recht nicht in der gesprochenen Sprache. Das erkennt man sehr sch\u00f6n an den verschiedensten M\u00f6glichkeiten, \u201cbitte\u201d zu sagen. Viele Sprachen nutzen dazu eines von zwei Hauptmustern. Die erste M\u00f6glichkeit ist eine Formulierung mit der Aussage, dass man selbst der Bittsteller ist, etwa mit Ableitungen von &#8222;ich bitte&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p><em>bitte <\/em>(Deutsch)<\/p>\n<p><em>prego <\/em>(Italienisch)<\/p>\n<p><em>p<\/em><em>rosz\u0119<\/em> (Polnisch)<\/p>\n<p><em>palun <\/em>(Estnisch)<\/p>\n<p><em>k\u00e9rem<\/em> (Ungarisch)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Subjekt ist hier l\u00e4ngst verschwunden, erst recht in pro-drop-Sprachen wie Italienisch oder Estnisch, in denen es sowieso bei eindeutig konjugierten Verben ganz wegfallen kann.<\/p>\n<p>Als zweite M\u00f6glichkeit \u00e4u\u00dfern andere Sprachen die Hoffnung, der Angesprochene m\u00f6ge Gro\u00dfz\u00fcgigkeit walten lassen und der Bitte stattgeben, zum Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p>please (Englisch, von &#8222;if you please&#8220;: &#8222;wenn es dir\/Ihnen beliebt&#8220;)<\/p>\n<p>s\u2019il te \/ vous pla\u00eet (Franz\u00f6sisch, ebenso)<\/p>\n<p>v\u00e6r s\u00e5 god (Norwegisch: &#8222;Sei so gut&#8220;)<\/p>\n<p>ole \/ olkaa hyv\u00e4\u00e4 (Finnisch, ebenso)<\/p>\n<p>faz \/ fa\u00e7a favor (Portugiesisch: &#8222;tu mir \/ tun Sie mir den Gefallen&#8220;, oder wie Spanisch &#8222;por favor&#8220;)<\/p><\/blockquote>\n<p>Oft gibt es mehrere Formen, abh\u00e4ngig davon, ob eine oder mehrere Personan angesprochen werden und gesiezt oder geduzt wird. Bei den Sprachen, die mit der ersten Person Singular (\u201dich bitte\u201d) arbeiten, ist das nicht notwendig.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich muss man unterscheiden zwischen dem \u201dbitte\u201d, wenn man selbst jemandem etwas gibt, und dem \u201dbitte\u201d, wenn man etwas haben m\u00f6chte. Das Muster mit den \u201dsei so gut\u201d-Phrasen ist in manchen Sprachen nur im zweiten Fall m\u00f6glich. Die skandinavischen Sprachen und Finnisch kennen das &#8222;sei so nett&#8220; aber auch dann, wenn man jemandem etwas anbietet oder \u00fcberreicht.<\/p>\n<p>Diesem Muster folgt, bis heute relativ transparent, nat\u00fcrlich auch das Niederl\u00e4ndische <em>alsjeblieft <\/em><em>\/ alstublieft <\/em>(\u201cwenn es dir\/Ihnen beliebt\u201d) und mit <em>wann ech gelift<\/em> auch das Luxemburgische \u2013 bei dieser enorm auff\u00e4lligen \u00c4hnlichkeit m\u00f6glicherweise gar als Lehn\u00fcbersetzung <a href=\"https:\/\/infolux.uni.lu\/wann-ech-gelift\/\" target=\"_blank\">aus dem Niederl\u00e4ndischen<\/a> oder zumindest aus dem Franz\u00f6sischen.<\/p>\n<p>Von <em>als het je belieft<\/em> zu <em>alsjeblieft<\/em> ist eine gro\u00dfe Portion Lautmaterial verloren gegangen. Das ist wenig \u00fcberraschend bei einer Formel, die man t\u00e4glich Dutzende Male verwendet. Und die Sprachgemeinschaft geht inzwischen schon deutlich weiter. In j\u00fcngster Zeit h\u00f6rt man h\u00e4ufig sowohl die geduzte Form <em>asje <\/em>[a\u0283\u0259] als auch die h\u00f6fliche Form <em>alstu <\/em>[asty]. Diese beiden Varianten spiegeln sich sozusagen in den l\u00e4ngst bestehenden Aussagen <em>dank je <\/em>und <em>dank u<\/em>.<\/p>\n<div style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Lijst_van_werken_van_Theo_van_Doesburg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/cd\/Theo_van_Doesburg_056.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"510\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">&#8222;Asje-asje-alsjeblieft&#8220; k\u00f6nnte auch der Bettler von Theo van Doesburg sagen. (geheugenvannederland.nl, PD)<\/p><\/div>\n<p>Man kann davon ausgehen, dass die Kurzformen<em> asje\u00a0<\/em>und\u00a0<em>astu<\/em> kontextgebunden sind. Ein Kellner in Holland nutzte sie beispielsweise an einem gr\u00f6\u00dferen Tisch beim Austeilen der Getr\u00e4nke als lockeres \u201cbittesch\u00f6n\u201d bei jedem einzelnen Glas, das er hinstellte. \u00dcberreicht man jemandem ein gro\u00dfz\u00fcgiges Geburtstagsgeschenk, w\u00fcrde ein hingeworfenes <em>asje<\/em> wohl unpassend wirken.<\/p>\n<p>Die Kurzform dient zus\u00e4tzlich auch der Verst\u00e4rkung wenn man eine Bitte ganz dringlich wiederholt: <em>asje-asje-asjeblieft<\/em> (siehe <a href=\"https:\/\/twitter.com\/glennvanasperdt\/status\/637559531623587840\" target=\"_blank\">Twitter<\/a>; Deutsch wohl ungef\u00e4hr: <em>bittebittebitte<\/em>). Die ausf\u00fchrliche Form am Schluss noch einmal zu realisieren, scheint aber auch schon optional zu sein, wie eine andere <a href=\"https:\/\/twitter.com\/MusicFromKim\/status\/635548155002683392\" target=\"_blank\">Twitter<\/a>-Userin mit <em>asje asje asje <\/em>demonstriert. Die H\u00e4ufigkeit der Wiederholung ist dabei potenziell unendlich. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/nicky_ypl\/status\/632889834324013057\" target=\"_blank\">Ein User<\/a> bringt es auf f\u00fcnfmal <em>asje <\/em>plus einmal <em>alsjeblieft<\/em>.<\/p>\n<p>Intuitiv k\u00f6nnte man vermuten, dass ein einzelnes <em>asje<\/em> nur m\u00f6glich ist, wenn man jemandem etwas gibt und nicht, wenn man etwas haben will. Es w\u00e4re naheliegend, dass man sich mehr Sprechaufwand macht, um etwas zu erreichen als wenn man nur formelhaft einen Dank erwidert. Aber auch hierf\u00fcr gibt es schon Gegenbeispiele auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/concertfreakie\/status\/630115596441645056\" target=\"_blank\">Twitter<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Volg me asje ik ben fan van je, en je muziek!<\/p><\/blockquote>\n<p>Ob so eine \u00c4u\u00dferung im m\u00fcndlichen Umgang auch m\u00f6glich ist, m\u00fcssen diejenigen beantworten, die h\u00e4ufiger mit progressiven Sprechern in Kontakt sind. Twitter f\u00f6rdert schlie\u00dflich schon durch die begrenzte Anzahl von Zeichen solche Verk\u00fcrzungen. An sich scheint aber eine ungezwungene \u00c4u\u00dferung wie \u201cWil je asje het raam dichtdoen?\u201d nicht unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Der Clou bei <em>asje <\/em> und <em>alstu<\/em> liegt vor allem darin, wie genau die Formel verk\u00fcrzt wird. Bei <em>bitte<\/em> f\u00e4llt beispielsweise das Subjektpronomen <em>ich <\/em> weg, vielleicht auch andere Satzteile wie <em>dich darum. <\/em>\u00c4hnlich sind <em>if <\/em>und <em>you <\/em>beim Englischen <em>if you please <\/em>verzichtbar. Auch das niederl\u00e4ndische <em>dank<\/em> <em>u <\/em>hat die Hauptaussage bewahrt und nur das <em>ik <\/em>getilgt. \u00dcbrig bleibt immer das wichtigste bedeutungstragende Element, hier also eine Verbform. Das Niederl\u00e4ndische macht es bei <em>asje <\/em>und <em>astu <\/em>genau umgekehrt und streicht das Verb. \u00dcbrig bleibt <em>wenn du <\/em>oder <em>wenn es Ihnen<\/em>.\u00a0Deutlicher k\u00f6nnte man kaum machen, dass es nur noch um eine pragmatische Konvention geht. Denn <em>ob <\/em>es den Angesprochenen beliebt, ist den Sprechern bei den allermeisten Bitten im t\u00e4glichen Leben v\u00f6llig schnuppe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer h\u00f6flich sein will, muss leiden. Im kommunikativen Umgang ist es eine Sache des guten Tons, dass man sich beim Sprechen ein wenig M\u00fche gibt, wenn man dem Gegen\u00fcber Wertsch\u00e4tzung vermitteln m\u00f6chte. Deshalb sind H\u00f6flichkeitsfloskeln oft relativ lang und umst\u00e4ndlich. 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