{"id":10663,"date":"2015-11-02T08:45:55","date_gmt":"2015-11-02T07:45:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10663"},"modified":"2015-10-28T18:18:05","modified_gmt":"2015-10-28T17:18:05","slug":"been-appelboom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/11\/02\/been-appelboom\/","title":{"rendered":"Been &amp; Appelboom"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel f\u00fcr diesen Beitrag ist eine Art trompe-l\u2019\u0153il. Das etwas willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte W\u00f6rterpaar sieht wie Niederl\u00e4ndisch aus, ist aber gleichzeitig auch Berlinisch. Bei <em>Bein <\/em>und <em>Apfelbaum <\/em>ist man sich an Maas, Spree und Schelde ganz einig: Es muss <em>Been <\/em>und <em>Appelboom <\/em>hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Trick funktioniert nat\u00fcrlich nur mit dem \u201d&amp;\u201d in der Mitte, denn mit einem <em>en <\/em>oder <em>und<\/em> w\u00e4re der Effekt dahin. Trotzdem ist es kein gro\u00dfes Geheimnis und auch kein spektakul\u00e4res Wunder, dass Berlinisch und Niederl\u00e4ndisch sich an manchen Stellen auff\u00e4llig \u00e4hneln.<\/p>\n<p>Einige \u00c4hnlichkeiten sieht man an einem kleinen Gedicht. (In Berlin hat man nicht nur eine Leidenschaft f\u00fcr die normierte <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/13\/berliner-traufhoehe\/\" target=\"_blank\">Traufh\u00f6he<\/a>, sondern man reimt auch gern):<\/p>\n<div style=\"width: 312px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Kurt_Tucholsky_1896_Schulanfang.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/8\/80\/Kurt_Tucholsky_1896_Schulanfang.jpg\" alt=\"\" width=\"302\" height=\"455\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Kurt Tucholsky lie\u00df sich zum Gl\u00fcck auch nach seiner Einschulung den Berliner Dialekt nicht v\u00f6llig austreiben. (R. v. Soldenhoff \/ I. Giel, PD)<\/p><\/div>\n<blockquote><p>Icke, dette, kiekemal,<\/p>\n<p>Oogen, Fleesch und Beene,<\/p>\n<p>wenn du mir nich\u2019 lieben tust,<\/p>\n<p>lieb ick mir alleene.*<\/p><\/blockquote>\n<p>In der ersten H\u00e4lfte kann man einiges recyclen, um daraus eine niederl\u00e4ndische \u00dcbersetzung zu machen:<\/p>\n<blockquote><p>Ik, dit, kijk eens,<\/p>\n<p>ogen, vlees en benen&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es f\u00e4llt auf, dass die meisten berlinisch-niederl\u00e4ndischen Wortpaare einen sehr &#8218;gew\u00f6hnlichen&#8216; Teil des Wortschatzes betreffen. Also Begriffe, die sehr h\u00e4ufig vorkommen und die sehr allt\u00e4gliche Konzepte benennen: <em>Ik \/ ick, ook \/ ooch, kopen \/ koofen, dat \/ det (dit), geen \/ keen<\/em> uvm.<\/p>\n<p>Niederl\u00e4ndisch und Berlinisch gehorchen in diesen F\u00e4llen gemeinsamen Lautregeln: Kein Diphthong dort, wo es im hochdeutschen Standard \u00fcblich ist (<em>auch<\/em>, <em>kein<\/em>&#8230;), [k] statt [\u00e7] in <em>ich<\/em>, auslautendes \u2013t bei <em>wat <\/em>statt <em>was<\/em>&#8230;<\/p>\n<p>Woher kommt diese \u00c4hnlichkeit? Nicht unbedingt nur durch die Niederl\u00e4nder, denen wir das <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/05\/06\/jan-boeman\/\" target=\"_blank\">holl\u00e4ndische Viertel<\/a> in Potsdam verdanken, oder den Flamen im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fl%C3%A4ming\" target=\"_blank\">Fl\u00e4ming<\/a> und in <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/30\/querdenken-en-dwarsliggen\/\" target=\"_blank\">Lichterfelde<\/a>. Sicher haben sie das eine oder andere Lehnwort mitgebracht, einen ganzen Dialekt konnten sie der Stadt doch nicht einimpfen.<\/p>\n<p>Aber urspr\u00fcnglich geh\u00f6rte Berlin ebenso wie ein gro\u00dfer Teil Brandenburgs einmal zum niederdeutschen Dialektgebiet. Erst nach und nach wurde die Stadt von S\u00fcden her dialektal assimiliert, vor allem durch Zuzug aus dem Raum der mitteldeutschen Dialekte. So hei\u00dft es in einer Neuauflage zum althergebrachten Mundartw\u00f6rterbuch <em><a href=\"https:\/\/digital.zlb.de\/viewer\/metadata\/14706997\/1\/-\/\" target=\"_blank\">Der richtige Berliner<\/a><\/em>:<\/p>\n<blockquote><p>Wohl folgt die Sprache des Berliners den niederdeutschen Regeln und der Berliner Wortschatz gruppiert sich um einen sehr starken plattdeutschen Kern, doch ist es nicht das Platt allein, wovon die Sprache des Berliners lebt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Berlinisch ist nicht nur heute wieder ein Dialekt mit Migrationshintergrund \u2013 er war es schon lange. Die W\u00f6rter, die sich aus der plattdeutschen Zeit am besten gehalten haben, sind genau diejenigen, die man oft benutzt und die sich deshalb gut einpr\u00e4gen k\u00f6nnen. Hinzu kommt, dass man an solchen einfachen, aber frequenten W\u00f6rtern das Berliner-Sein gut nach au\u00dfen markieren kann.<\/p>\n<p>Seit einiger Zeit bef\u00fcrchtet man in Berlin, dass die schw\u00e4bische Kolonisierung aus dem S\u00fcden den alten Stadtdialekt kaputtmachen k\u00f6nnte (\u201d<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/10\/28\/am-strand-der-spree\/\" target=\"_blank\">Schrippen statt Wecken<\/a>\u201d). Die \u00dcbereinstimmungen mit dem Niederl\u00e4ndischen w\u00e4ren dann bald dahin. Doch es gibt Hoffnung. Die zuk\u00fcnftigen Generationen werden Begriffe wie <em>wallah <\/em>oder <em>lan <\/em>in Berlin wahrscheinlich ebenso kennen wie in Amsterdam oder Antwerpen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>*Die letzten beiden Verse gibt es in verschiedenen Versionen, zum Beispiel auch:<\/p>\n<blockquote><p>Nee, mein Kind, so hee\u00dft det nich.<br \/>\n\u201dAugen, Fleisch und Beine!\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>oder auch:<\/p>\n<blockquote><p>Die Berliner allzumal<br \/>\nsprechen jar zu scheene.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel f\u00fcr diesen Beitrag ist eine Art trompe-l\u2019\u0153il. Das etwas willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte W\u00f6rterpaar sieht wie Niederl\u00e4ndisch aus, ist aber gleichzeitig auch Berlinisch. Bei Bein und Apfelbaum ist man sich an Maas, Spree und Schelde ganz einig: Es muss Been und Appelboom hei\u00dfen. Der Trick funktioniert nat\u00fcrlich nur mit dem \u201d&amp;\u201d in der Mitte, denn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3099,6940],"tags":[44141],"class_list":["post-10663","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sprachvergleich","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10663","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10663"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10663\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10782,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10663\/revisions\/10782"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10663"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10663"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10663"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}