{"id":10705,"date":"2016-01-14T10:25:34","date_gmt":"2016-01-14T09:25:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10705"},"modified":"2016-01-10T23:22:56","modified_gmt":"2016-01-10T22:22:56","slug":"rodes-verb-unn-grienes-verb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/01\/14\/rodes-verb-unn-grienes-verb\/","title":{"rendered":"Rodes Verb unn grienes Verb"},"content":{"rendered":"<p>Ist Introspektion des Teufels, oder ist es die einzige Art, richtige Sprachwissenschaft zu machen? Diese Entscheidung m\u00f6chten wir hier in unserem Blog auf keinen Fall treffen. Ab und zu entschlie\u00dfe ich mich aber dazu, mich selbst zu introspizieren. Und wie ich so in meinen Sprachfertigkeiten nachschaue, l\u00e4sst sich der Dialekt meist schwer unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Die letzte Introspektion, an einem verregneten Donnerstagabend, brachte Erstaunliches \u00fcber die niederl\u00e4ndisch-saarl\u00e4ndische* Syntax zutage.<\/p>\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen unterscheidet man, das lernen recht schnell auch Anf\u00e4nger, zwischen der sogenannten <em>groene <\/em>und <em>rode werkwoordsvolgorde. <\/em>Kommen in einem Nebensatz mehrere Verben vor, steht bei der &#8222;roten&#8220; Reihenfolge zuerst die konjugierte Form und danach das Partizip. Dies ist vor allem bei Hilfsverben wie <em>hebben <\/em>der Fall, kann aber auch bei Modalverben auftreten:<\/p>\n<div style=\"width: 228px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Verboden_hond_poepen.JPG\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b5\/Verboden_hond_poepen.JPG\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"289\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Rotes Partizip? (W. Hagens, PD)<\/p><\/div>\n<blockquote><p><span style=\"color: #ff0000\"><em><span style=\"color: #333333\">Dit is het boek dat hij<\/span> heeft geschreven.<\/em><\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ik weet niet wat ik<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">moet doen.<\/span><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Bei der &#8222;gr\u00fcnen&#8220; Reihenfolge steht wie im Deutschen zuerst das Partizip bzw. der Infinitiv, dann das konjugierte Verb:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #008000\"><em><span style=\"color: #333333\">Dit is het book dat hij<\/span> geschreven heeft.<\/em><\/span><\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ik weet niet wat ik<\/span> <span style=\"color: #008000\">doen moet.<\/span><\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend <span style=\"color: #008000\"><em>geschreven heeft <\/em><\/span>recht \u00fcblich ist, klingt die letzte gr\u00fcne Form <span style=\"color: #008000\"><em>doen moet <\/em><\/span>mit dem Modalverb am Ende sehr deutsch. Sie ist im Niederl\u00e4ndischen m\u00f6glich, aber nicht allgemein verbreitet, sondern eher <a href=\"https:\/\/taaladvies.net\/taal\/advies\/tekst\/36\/\" target=\"_blank\">dialektal (im Nordosten)<\/a>, oder sie geht mit einer besonders eindringlichen Bedeutung und Intonation einher.<\/p>\n<p>Die Bezeichnungen als <em>rot <\/em>und <em>gr\u00fcn<\/em> sind inzwischen fast historisch und entstanden eigentlich nur durch verschiedene Farben auf Dialektkarten. Inzwischen haben sich die Bezeichnungen verselbst\u00e4ndigt, und man sollte die Farbsymbolik keineswegs missverstehen: <em>R<\/em><em>ot <\/em>und <em>gr\u00fcn <\/em>stehen nicht f\u00fcr <em>verboten <\/em>und <em>erlaubt <\/em>oder f\u00fcr <em>falsch <\/em>und <em>richtig<\/em>. <a href=\"https:\/\/onzetaal.nl\/taaladvies\/advies\/de-afstand-die-is-gelopen-gelopen-is\" target=\"_blank\">Beide M\u00f6glichkeiten sind korrekt<\/a> und man hat die Wahl, sich f\u00fcr eine Lieblingsfarbe zu entscheiden.<\/p>\n<p>Das ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck f\u00fcr mich als Dialektsprecher, denn meine Verbstellung ist manchmal auch rot. Ein Beispielsatz:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #333333\"><em><span style=\"color: #333333\">Hij vraagt of hij<\/span> <span style=\"color: #ff0000\">mag komen<\/span><\/em>.<\/span> (NL)<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff0000\"><em><span style=\"color: #333333\">Er fr\u00f2\u00f2t, ob er <\/span>derf komme<span style=\"color: #333333\">. <\/span><\/em><\/span>(Saarl\u00e4ndisch)<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\"><em>*Er fragt, ob er darf kommen. <\/em><\/span>(Standarddt.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der deutsche Standard l\u00e4sst eine derartige Konstruktion nicht zu. Im Saarl\u00e4ndischen ist es die \u00e4ltere, basilektale Variante. Solche \u00c4u\u00dferungen h\u00f6re ich vor allem in der Generation meiner Eltern und aufw\u00e4rts, aber auch mir fallen sie ohne nachzudenken gelegentlich aus dem Mund.<\/p>\n<p>Ganz unabh\u00e4ngig von roten oder gr\u00fcnen S\u00e4tzen gibt es \u00dcbereinstimmungen zwischen Saarl\u00e4ndisch und Niederl\u00e4ndisch in Konstruktionen mir drei Verben, sobald eines davon ein <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/05\/das-hat-gesessen\/\" target=\"_blank\">Modalverb<\/a> ist:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"color: #333333\"><em>Hij vroeg of hij ook had mogen komen<\/em>. <\/span>(NL)<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\"><em>Er fr\u00f2\u00f2t, ob er aach h\u00e4tt derfe komme. <\/em><\/span>(Saarl\u00e4ndisch)<\/p>\n<p><span style=\"color: #333333\">*<em>Er fragt, ob er auch h\u00e4tte d\u00fcrfen kommen. <\/em><\/span>(Standarddt.)<\/p><\/blockquote>\n<p>In S\u00e4tzen wie diesem kennt das Standarddeutsche mit Konstruktionen wie &#8222;h\u00e4tte kommen d\u00fcrfen&#8220; eine recht verwickelte Umstellung im Satzbau, um die sich Saarl\u00e4ndisch und Niederl\u00e4ndisch nicht scheren. Damit ist es aber noch nicht getan, denn auch im Niederl\u00e4ndischen gibt es nat\u00fcrlich neben den roten und gr\u00fcnen S\u00e4tzen noch <a href=\"https:\/\/www.tekstblog.nl\/rode-en-groene-volgorde-op-het-taal-en-tongval-colloquium\/\" target=\"_blank\">dialektale Variation<\/a>. Die niederl\u00e4ndischen und deutschen Dialekte gehen im Verh\u00e4ltnis zu den Standardformen dabei interessante Allianzen ein. Ein Beispiel mit einem <span style=\"color: #ff00ff\">Vollverb <span style=\"color: #333333\">im Partizip<\/span><\/span>, einem <span style=\"color: #ff9900\">Hilfsverb<\/span> und einem <span style=\"color: #808000\">Modalverb<\/span>:<\/p>\n<blockquote><p><em><span style=\"color: #333333\">Ik geloof dat hij het<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gezien<\/span> <span style=\"color: #808000\">moet<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">hebben<\/span>.<\/em> (NL, <span style=\"color: #008000\">groene volgorde<\/span>)<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ik geloof dat hij het<\/span> <span style=\"color: #808000\">moet<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">hebben<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gezien<\/span>.<\/em> (NL, <span style=\"color: #ff0000\">rode volgorde<\/span>)<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ik geloof dat hij het<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gezien<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">hebben<\/span> <span style=\"color: #808000\">moet<\/span>.<\/em> (NL, <a href=\"https:\/\/rudhar.com\/lingtics\/verbordr.htm#Toch4-1\" target=\"_blank\">in Friesland m\u00f6glich<\/a>)<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ich glaube, dass er es<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gesehen<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">haben<\/span> <span style=\"color: #808000\">muss<\/span>.<\/em> (Standarddt.)<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ik geloof dat hij het<\/span> <span style=\"color: #808000\">moet<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gezien<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">hebben<\/span>.<\/em> (NL, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/03\/04\/dat-ze-zouden-gewonnen-hebben\/\" target=\"_blank\">in Flandern m\u00f6glich<\/a>)<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #333333\">Ich glaab, dass der das<\/span> <span style=\"color: #808000\">muss<\/span> <span style=\"color: #ff00ff\">gesiehn<\/span> <span style=\"color: #ff9900\">hann<\/span>.<\/em> (Saarl\u00e4ndisch)<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier steht das Standardniederl\u00e4ndische pl\u00f6tzlich alleine da, egal ob rot oder gr\u00fcn. Die Friesen halten es eher wie die Deutschen, w\u00e4hrend die Saarl\u00e4nder es den Belgiern nachtun. Letztendlich kommt es also im Saarl\u00e4ndischen nicht immer nur auf die rote oder gr\u00fcne Reihenfolge an. Man k\u00f6nnte eher sagen: Saarl\u00e4ndische Modalverben sind &#8222;rote Verben&#8220;, die eine rote Satzstellung erm\u00f6glichen. Alle anderen Verben sind wie im Standarddeutschen &#8222;grien&#8220; (im intensiven Dialekt hat das Saarl\u00e4ndische kein [y]) und manchmal sind sie sogar belgisch-bunt. In standardn\u00e4heren Kontexten und bei vielen j\u00fcngeren Sprechern ist die niederl\u00e4ndisch-typische, rote Variante inzwischen sowieso selten geworden. Sie sprechen durchweg gr\u00fcn. Macht aber nichts, solange wir mit Wandel und Dialekten weiterhin ein sch\u00f6nes, buntes Sprachspektrum zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"color: #808080\">*Abgesehen davon, dass es &#8222;das Saarl\u00e4ndische&#8220; nicht gibt (dar\u00fcber kl\u00e4rt z.B. <a href=\"https:\/\/pfl.wikipedia.org\/wiki\/Saal%C3%A4nnische_Dialegde\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a> auf), gibt es das hier beschriebene Ph\u00e4nomen sicher auch in anderen Dialekten. Aber dann w\u00e4re es ja keine Introspektion mehr. In meinem Fall, um ganz pr\u00e4zise zu sein, handelt es sich um das saarpf\u00e4lzische Rheinfr\u00e4nkische.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Introspektion des Teufels, oder ist es die einzige Art, richtige Sprachwissenschaft zu machen? Diese Entscheidung m\u00f6chten wir hier in unserem Blog auf keinen Fall treffen. Ab und zu entschlie\u00dfe ich mich aber dazu, mich selbst zu introspizieren. 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