{"id":10896,"date":"2016-01-07T17:37:59","date_gmt":"2016-01-07T16:37:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10896"},"modified":"2017-03-15T23:57:54","modified_gmt":"2017-03-15T22:57:54","slug":"beinahinsel-und-graumoencheneiland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/01\/07\/beinahinsel-und-graumoencheneiland\/","title":{"rendered":"Beinahinsel und Graum\u00f6ncheneiland"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatten \u00fcber Schutzsuchende, die nach Europa kommen, haben schon zahlreiche Superlative hervorgebracht. St\u00e4ndig ist die Rede von \u00dcberlastung, Flut, Katastrophe, Krise, Belastung und Grenzen. Erstaunlicherweise tritt dabei des \u00f6fteren auch ein recht seltenes W\u00f6rtchen in Erscheinung, das eigentlich eher aus dem Bereich der Relativierung kommt: <em>schier<\/em>. Hier und da wird gewarnt vor der &#8222;schier unl\u00f6sbaren&#8220; Aufgabe oder dem &#8222;schier endlosen&#8220; Strom von Fl\u00fcchtlingen, wird die &#8222;schier unertr\u00e4gliche&#8220; Belastung der Freiwilligen hervorgehoben.<\/p>\n<p>Dieses Adverb <em>schier <\/em>schr\u00e4nkt die Bedeutung des nachfolgenden Adjektivs ein, im Sinne von <em>fast <\/em>oder <em>so gut wie<\/em>. Ein historisch verwandtes <em>schier <\/em>kennt auch das Niederl\u00e4ndische. Es <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/schier2\" target=\"_blank\">geht zur\u00fcck<\/a> auf eine proto-indoeurop\u00e4ische Wurzel, die in Richtung <em>spalten <\/em>oder <em>schneiden <\/em>geht. Von dort aus bewegte sich die Bedeutung vermutlich \u00fcber <em>rasch <\/em>und <em>schnell <\/em>\u00fcber <em>bald<\/em> zu <em>beinah<\/em>. Es bekam in gewisser Weise eine zeitliche Komponente, die inzwischen wieder verschwunden ist. Dieses <em>beinah<\/em> ist im Niederl\u00e4ndischen vor allem im Begriff <em>schiereiland <\/em>vertreten: ein St\u00fcck Land, das fast eine Insel ist, aber eben nicht ganz. Die deutsche <em>Halbinsel<\/em> geht eher mathematisch vor, wobei man sich dabei einige Fragen stellen muss&#8230; Wenn das Land an drei Seiten von Wasser umgeben ist, und nur an einer Seite mit dem restlichen Festland verbunden ist, warum ist es dann keine <em>Viertelinsel<\/em>? Die niederl\u00e4ndische <em>Beinahinsel <\/em> ist vorsichtiger, aber damit vielleicht auch zutreffender.<\/p>\n<div style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Schiermonnikoog\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4b\/Schiermonnikoog_6.24951E_53.48739N.jpg\" alt=\"\" width=\"281\" height=\"210\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Schiermonnikoog: Eindeutig kein schiereiland. (NASA, PD)<\/p><\/div>\n<p>Nun ergriff den einen oder anderen Wutb\u00fcrger oder Politiker in der aktuellen Diskussion schon die schiere Panik, was ihm zu <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/cdu-politiker-bareiss-schiere-masse-an-fluechtlingen.694.de.html?dram:article_id=334221\" target=\"_blank\">Aussagen<\/a> trieb wie<\/p>\n<blockquote><p>Die schiere Masse an Fl\u00fcchtlingen erdr\u00fcckt uns<\/p><\/blockquote>\n<p>Bei diesem Zitat war dem Urheber selbstverst\u00e4ndlich nicht um Relativierung gelegen, sondern eher um bewusste \u00dcbertreibung. Es ging nicht darum, dass es <em>fast <\/em>eine Masse von Fl\u00fcchtlingen sei, sondern er wollte die Menge als wirklich \u00fcberw\u00e4ltigende darstellen. Und siehe da, es gibt ein zweites <em>schier<\/em>, n\u00e4mlich als Adjektiv statt als Adverb. Das etymologische W\u00f6rterbuch von Kluge zeigt \u2013 ebenso wie die niederl\u00e4ndische <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/schier1\" target=\"_blank\">Etymologiebank<\/a> \u2013 einen anderen Worthintergrund, dieses Mal nur germanisch. Es geht um <em>rein<\/em>, <em>klar <\/em>oder <em>hell<\/em>, auch um <em>wei\u00df <\/em>oder <em>hellgrau. <\/em>Der Politiker sprach von der <em>reinen Masse<\/em>. Besonders produktiv ist weder dieses farbliche <em>schier <\/em>noch das relativierende <em>schier <\/em>im Niederl\u00e4ndischen. Aber die farbliche Komponente gibt es in den Niederlanden noch heute, n\u00e4mlich bei der Insel <em>Schiermonnikoog<\/em>. Diese ist n\u00e4mlich gerade kein <em>schiereiland<\/em> sondern eine schiere Insel, also eine wahrhaftige. Sie ist aber benannt nach den grauen M\u00f6nchen, n\u00e4mlich den Zisterziensern die auf der Insel <a href=\"https:\/\/kloosterschiermonnikoog.nl\/\" target=\"_blank\">im Kloster<\/a> leben.<\/p>\n<p>Das <em>-oog<\/em> ist im \u00dcbrigen nicht das Auge der M\u00f6nche, sondern steht schlicht f\u00fcr <em>Insel.<\/em> Es ist \u00e4hnlich wie bei den deutschen Inseln nebenan (Spiekeroog, Wangerooge&#8230;) eine von vielen Formen mit gemeinsamem germanischem <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/eiland\" target=\"_blank\">Hintergrund<\/a>. Dazu z\u00e4hlt etwa auch die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Greifswalder_Oie\" target=\"_blank\">Greifswalder Oie<\/a>, die schwedische Insel <a href=\"https:\/\/runeberg.org\/svetym\/1315.html\" target=\"_blank\">\u00d6land<\/a> und die anderen skandinavischen Inseln mit\u00a0<em>\u00f6, \u00f8<\/em> oder <em>\u00f8y, <\/em>auch die F\u00e4r<strong>\u00f6<\/strong>er, und sogar das <em>ei-<\/em> im niederl\u00e4ndischen <em>eiland<\/em>. Eine kleine protogermanische Wurzel hat rund um die Nord- und Ostsee eine schier unvorstellbare Vielfalt an M\u00f6glichkeiten zur Bildung von Inseltoponymen mit sich gebracht. Dass einige L\u00e4nder auf dem europ\u00e4ischen Kontinent zur Abwehr von Gefl\u00fcchteten ihre Grenzen abriegeln und so tun wollen, als seien sie Inseln, das war bis vor Kurzem noch schier unvorstellbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatten \u00fcber Schutzsuchende, die nach Europa kommen, haben schon zahlreiche Superlative hervorgebracht. St\u00e4ndig ist die Rede von \u00dcberlastung, Flut, Katastrophe, Krise, Belastung und Grenzen. Erstaunlicherweise tritt dabei des \u00f6fteren auch ein recht seltenes W\u00f6rtchen in Erscheinung, das eigentlich eher aus dem Bereich der Relativierung kommt: schier. Hier und da wird gewarnt vor der &#8222;schier [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10102,720,3099,6940],"tags":[44141],"class_list":["post-10896","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-etymologie","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10896","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10896"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10896\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11876,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10896\/revisions\/11876"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10896"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10896"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10896"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}