{"id":10914,"date":"2015-12-18T10:38:02","date_gmt":"2015-12-18T09:38:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=10914"},"modified":"2019-06-26T15:14:26","modified_gmt":"2019-06-26T13:14:26","slug":"przewalskipferde-im-zisterzienserkloster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/12\/18\/przewalskipferde-im-zisterzienserkloster\/","title":{"rendered":"Przewalskipferde im Zisterzienserkloster"},"content":{"rendered":"<p>Vor Weihnachten kommt man ins Gr\u00fcbeln: Was schenke ich der Schwiegermutter? Welche Kleidergr\u00f6\u00dfe hat meine Frau? Wie heuchle ich glaubhaft Freude \u00fcber die j\u00e4hrliche Krawatte von Tante Angelika? In den Niederlanden und Flandern ist diese Gr\u00fcbelei an Weihnachten l\u00e4ngst vor\u00fcber, denn die Geschenke gab\u2019s ja schon <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/05\/braaf-geweest-lieve-kinderen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anfang Dezember<\/a>. Zum Gl\u00fcck, denn das wahre Gr\u00fcbeln geht dann erst richtig los. Kurz vor Weihnachten l\u00e4uft im Fernsehen n\u00e4mlich <em><a href=\"https:\/\/grootdictee.ntr.nl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Het Groot Dictee der Nederlandse taal<\/a>. <\/em>Morgen Abend ist es wieder soweit.<\/p>\n<p>Man sieht bei n\u00e4herem Hinsehen, dass es <em>het Groot Dictee <\/em>und nicht <em>het grote dictee<\/em> hei\u00dft. Wegfall der e-Flexion und Gro\u00dfbuchstaben zeigen ganz deutlich: Wir haben es mit einer Institution zu tun. Mit gro\u00dfem Pomp inszenieren das fl\u00e4mische und das niederl\u00e4ndische Fernsehen gemeinsam im Parlamentssaal der <em>Eerste Kamer<\/em> in Den Haag einen Wettstreit der Rechtschreibung. Per Vorrunde werden Kandidatinnen und Kandidaten ausgew\u00e4hlt, und es<\/p>\n<div style=\"width: 245px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Dries_van_Agt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/14\/Oud-premier_van_agt_torentje.jpg\/360px-Oud-premier_van_agt_torentje.jpg\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"313\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Dries van Agt im Jahr 2011. (Foto: Mark Rutte, CC-BY-SA-2.0)<\/p><\/div>\n<p>gewinnt, wer die wenigsten Fehler macht. Gleichzeitig schreibt eine Horde Prominenter das Diktat mit und zittert vor dem Urteil der \u00d6ffentlichkeit und der Jury unter dem Vorsitz des niederl\u00e4ndischen Ex-Ministerpr\u00e4sidenten Dries van Agt. Damit ein allzu fremder Akzent im Niederl\u00e4ndischen keine Nachteile mit sich bringt, wird der Text von einem Duo vorgelesen. F\u00fcr das n\u00f6rdliche Niederl\u00e4ndisch steht <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/06\/14\/ouwe-lullen-en-krasse-knarren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Fernsehveteran<\/a> Philip Freriks, f\u00fcr das s\u00fcdliche stand bis zum letzten Jahr Martine Tanghe, deren Abl\u00f6sung f\u00fcr die kommende Ausgabe einige <a href=\"https:\/\/deredactie.be\/cm\/vrtnieuws\/opinieblog\/blog\/catherine_ongenae\/1.2487814\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Spekulationen und Proteste<\/a> ausl\u00f6ste. Wer\u00a0<em>dicteetor <\/em>sein darf, ist ein Politikum.<\/p>\n<p>Nun kann man sich fragen, wozu das alles gut sein soll. Die niederl\u00e4ndische Orthographie ist doch an sich relativ schl\u00fcssig und nah an der Aussprache. Als 1990 das erste gro\u00dfe Diktat geschrieben wurde, damals noch ohne Flandern, hatten f\u00fcnf Jahre zuvor schon die Franzosen mit ihrem <em>Dico d\u2019Or <\/em>(\u201aGoldenes W\u00f6rterbuch\u2018) begonnen. Die franz\u00f6sische Orthographie, man muss es leider so hart sagen, ist nichts anderes als ein historisches Ungl\u00fcck, das heute niemand mehr auszur\u00e4umen wagt. Damit einen Wettbewerb zu veranstalten, liegt auf der Hand. Wie macht man darauf nun eine Herausforderung auf Niederl\u00e4ndisch?<br \/>\nDas Prinzip ist simpel. Zwar verfassen in jedem Jahr anerkannte Figuren der niederl\u00e4ndischsprachigen Literatur den jeweils diktierten Text. Aber die poetische Sch\u00f6pfungskraft als solche ist eher zweitrangig, solange darin ein Maximum an niederfrequenten Lexemen und \u00fcberdrehten Wortsch\u00f6pfungen vorkommen. Man reiht also am besten so viele fremdartige Lehnw\u00f6rter aneinander wie m\u00f6glich.<\/p>\n<div style=\"width: 327px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wildpferd\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/1e\/Przewalski_horse_Warsaw_zoo.JPG\/640px-Przewalski_horse_Warsaw_zoo.JPG\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"208\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Przewalskipferd. (Ala z, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Der Vorspann zur <a href=\"https:\/\/www.npo.nl\/het-groot-dictee-der-nederlandse-taal\/17-12-2014\/VPWON_1230118\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sendung vom Dezember 2014<\/a> nennt zum Beispiel ein paar Highlights aus den vorherigen Jahren: <em>tseetseevlieg <\/em>(entlehnt <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/tseetseevlieg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aus dem Tswana<\/a>), <em>przewalskipaard<\/em> (Polnisch) oder <em>cisterci\u00ebnzerklooster<\/em> (nach dem lateinischen Namen des franz\u00f6sischen Ortes C\u00eeteaux). Andere Bl\u00fcten im Text von 2014 waren etwa <em>kasuaris <\/em>(aus dem Malaiischen), <em>zeugmata <\/em>(griechischer Plural der Stilfigur <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Zeugma_%28stijlfiguur%29\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeugma<\/a>) oder das franz\u00f6sische Weingebiet M\u00e9doc.<\/p>\n<p>Besonders die letzten beiden Schlagw\u00f6rter zeigen recht deutlich, worum es eigentlich geht. Die Rechtschreibung ist zwar das vordergr\u00fcndige Messinstrument, und bisweilen gibt es nat\u00fcrlich auch ur-niederl\u00e4ndische Zweifelsf\u00e4lle: Wohin mit dem <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/11\/23\/buchstaben-mit-loechern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Trema<\/a>, wann braucht man einen Bindestrich und dergleichen mehr. Satzzeichen werden \u00fcbrigens immer mit diktiert, man braucht also keine <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/12\/14\/kommaneuken\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommaregeln<\/a> zu kennen. Was man vor allem braucht, ist ein m\u00f6glichst breiter Wortschatz \u2013 und zwar am besten ein bildungsb\u00fcrgerlicher. Man muss nicht unbedingt besonders gut mit Rechtschreibregeln umgehen k\u00f6nnen, um die Schreibweise eines einzelnen Fremdworts auswendig zu beherrschen. Kreatives Sprachgef\u00fchl ist auch nicht gefragt, schlie\u00dflich ist der Text vorgegeben. Man sollte nur besonders viele seltene W\u00f6rter kennen und wissen, wie sie im Einzelfall geschrieben werden.<\/p>\n<div style=\"width: 302px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sint-Bernardusabdij_(Bornem)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/3\/37\/Bornem_abdij_01.JPG\/640px-Bornem_abdij_01.JPG\" alt=\"\" width=\"292\" height=\"219\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Zisterzienserabtei Sint Bernardus in Bornem, Belgien. (Quesste, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>\u00c4hnlich wie bei Quizsendungen und anderen TV-Formaten, bei denen es vermeintlich oder tats\u00e4chlich um Wissen geht, kann man sich zuhause am Wohnzimmertisch selbst versichern: Ich geh\u00f6re zu den Gebildeten. Wer etwas falsch macht, sch\u00e4mt sich \u2013 und zwar vor sich selbst oder im schlimmsten Fall vor dem gesamten Fernsehpublikum zweier Nationen. Alles in allem eine dick aufgetragene Inszenierung, auf schweren Sesseln und untermalt mit Musik von Bach, mit einer glasklaren Essenz: Wer die Sprachnorm besitzt, hat die Macht in der Hand. Zwischen Richtig und Falsch liegt eine messerscharfe Trennung, und auf welcher Seite man steht, sagt einem das <em>Groene Boekje.<\/em><\/p>\n<p>Ob man so eine Fernsehsendung braucht? Inzwischen gibt es auch eine <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/07\/05\/bastardisierte-mischsprache\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">papiamentische<\/a> Variante nach demselben Prinzip: Bei der <a href=\"https:\/\/www.gocuracao.nl\/kathryn-pruneti-wint-papiaments-dictee.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausgabe im Februar 2015<\/a> war das Hauptthema ebenfalls ein exotisches Lehnwort, in dem man sich gut verheddern kann, n\u00e4mlich\u00a0<em><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/08\/een-woord-reist-op-de-vleugels-van-een-vervelende-vlieg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">chikungunya<\/a>.<\/em> Diktate auf Sranan wurden auch schon veranstaltet, im vergangenen Jahr gab es dabei allerdings <a href=\"https:\/\/www.waterkant.net\/suriname\/2014\/11\/18\/sranantong-dictee-2014-eindigt-onduidelijk-en-chaotisch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konflikte<\/a> um unklare orthographische Regeln. Frankreich, das Land der fest verriegelten T\u00fcren der Eliten, hat sein Fernsehdiktat bereits vor zehn Jahren aufgegeben. Es ist zwar weder zeitgem\u00e4\u00df noch unverzichtbar und richtet mit seinem aristokratisch-strengen Sprachbild vielleicht mehr Schaden an als es n\u00fctzt, aber das Publikum in Flandern und den Niederlanden scheint es weiterhin unterhaltsam zu finden &#8211; ganz im Gegensatz zu den <a href=\"https:\/\/nederl.blogspot.nl\/2015\/12\/taal-op-de-tv.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kollegen in der Linguistik<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Weihnachten kommt man ins Gr\u00fcbeln: Was schenke ich der Schwiegermutter? Welche Kleidergr\u00f6\u00dfe hat meine Frau? Wie heuchle ich glaubhaft Freude \u00fcber die j\u00e4hrliche Krawatte von Tante Angelika? In den Niederlanden und Flandern ist diese Gr\u00fcbelei an Weihnachten l\u00e4ngst vor\u00fcber, denn die Geschenke gab\u2019s ja schon Anfang Dezember. 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