{"id":11960,"date":"2016-03-16T11:41:53","date_gmt":"2016-03-16T10:41:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=11960"},"modified":"2016-03-18T11:40:01","modified_gmt":"2016-03-18T10:40:01","slug":"der-absentiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/03\/16\/der-absentiv\/","title":{"rendered":"Der Absentiv"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11961\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/openclipart.org\/detail\/235818\/happy-shopping-girl\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11961\" class=\"wp-image-11961\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/03\/Happy-Shopping-Girl-300px.png\" alt=\"Happy Shopping Girl\" width=\"200\" height=\"238\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11961\" class=\"wp-caption-text\"><em><strong>Sie war einkaufen.<\/strong><\/em> <br \/>(Quelle: openclipart.org)<\/p><\/div>\n<p>&#8222;Ich bin dann mal weg&#8220; \u2013 so lautet der Titel von Hape Kerkelings Bestseller, der vor zehn Jahren erschien. Dass man &#8218;mal weg&#8216; ist, das signalisieren auch Aussagen wie <em>Ich bin einkaufen<\/em> oder <em>Ich bin angeln<\/em>. Durch die direkte Verbindung des Verbs <em>sein<\/em> mit einem Infinitiv kann man angeben, dass man f\u00fcr eine bestimmte Zeit nicht vor Ort ist bzw. sein wird. Man begibt sich irgendwo hin, um dort die Handlung, die der Infinitiv angibt, auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die gleiche Konstruktion gibt es auch im Niederl\u00e4ndischen: <em>Jeroen is boksen<\/em> (Jeroen ist boxen) oder <em>Hij was vissen<\/em> (Er war angeln).<\/p>\n<p>Auch ein Satz wie <em>Jeroen is boksen<\/em> kann n\u00e4mlich als Antwort auf die Frage <em>Waar is Jeroen?<\/em> (Wo ist Jeroen) verwendet werden. Diese Antwort ist nicht angemessen, wenn Jeroen im Nebenzimmer auf einen Sandsack eindrischt. Er muss die Wohnung\/das Haus verlassen haben, um sich beispielsweise in einem Fitnessstudio auszutoben. Und wenn man jemandem am Telefon die Auskunft erteilt <em>Anna is zingen<\/em>, dann singt auch sie nicht im gleichen Raum oder in der gleichen Wohnung wie derjenige, der diese Auskunft gibt. Sie ist dann beispielsweise irgendwo bei einer Chorprobe. Die genaue Interpretation ergibt sich aus dem Kontext und aus dem Kontextwissen von Sprecher\/in und H\u00f6rer\/in.<\/p>\n<p>Das &#8218;mal eben weg sein&#8216; wird in dieser Konstruktion weder im Deutschen noch im Niederl\u00e4ndischen explizit ausgedr\u00fcckt, es ist Teil der Konstruktionsbedeutung. Daher hat der niederl\u00e4ndische Linguist Casper de Groot diese Konstruktion einst <strong>Absentiv<\/strong> getauft, ein Begriff der sich inzwischen in der sprachwissenschaftlichen Literatur weitgehend durchgesetzt hat (wenn auch nicht alle davon \u00fcberzeugt sind, dass man eine grammatische Kategorie &#8218;Absentiv&#8216; ansetzen sollte, vgl. zum Beispiel den Blogbeitrag von <a href=\"https:\/\/www.sprachforschung.org\/ickler\/index.php?show=news&amp;id=1278\" target=\"_blank\">Theodor Ickler<\/a>).<\/p>\n<p>Die Absentiv-Interpretation ergibt sich \u00fcbrigens auch, wenn der Infinitiv noch um ein Objekt erg\u00e4nzt wird: <em>Hans ist Pommes holen<\/em>. Im Niederl\u00e4ndischen gibt es eine Besonderheit in den zusammengestzen Zeiten der Vergangenheit, denn hier wird die Infinitivform <em>wezen<\/em> statt des Partizipiums <em>geweest<\/em> verwendet: <em>Ik ben wezen vissen<\/em>, <em>Jeroen was wezen boksen<\/em>.<\/p>\n<p>Das Verb <em>sein<\/em> wird beim Absentiv offensichtlich nicht als &#8217;normales&#8216; Kopulaverb verwendet (wie in <em>Er ist Professor<\/em> oder <em>Er ist blau<\/em>), die das Subjekt mit dem Pr\u00e4dikat verbindet, indem dem Subjekt eine bestimmte Eigenschaft zugeschrieben wird. Die Absentiv-Konstruktion wird manchmal als &#8218;elliptisch&#8216; interpretiert, was soviel hei\u00dft wie: hier fehlt eigentlich etwas. Dabei kann man vor allem an ein Fortbewegungsverb wie <em>fahren<\/em> oder <em>gehen<\/em> denken: <em>Hans ist Milch kaufen gegangen<\/em>. Im Niederl\u00e4ndischen w\u00fcrde man dieses Fortbewegungsverb dann im Infinitiv verwenden: <em>Hans is melk gaan kopen<\/em>.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheint dies insbesondere in Flandern die einzige M\u00f6glichkeit zu sein. Den typischen Absentiv mit <em>sein<\/em> + Infinitiv kennen Flamen offenbar nur als nordniederl\u00e4ndische Variante, die sie selber kaum oder gar nicht verwenden. Das ist zumindest die Auskunft, die mir diverse Sprecher\/innen des s\u00fcdlichen Niederl\u00e4ndisch in letzter Zeit gegeben haben. Ich habe es nicht untersucht und kann daher keine Aussagen \u00fcber die tats\u00e4chliche Distribution der beiden Ausdrucksm\u00f6glichkeiten machen.<br \/>\nDass es hier aber anscheinend Variation gibt und der &#8218;echte&#8216; Absentiv vielleicht eher dem niederl\u00e4ndischen Niederl\u00e4ndisch zuzurechnen ist, erscheint mir interessant. Und ich frage mich, ob es eine solche regionale Variation auch im Deutschen gibt. Ist <em>Mein Mann ist einkaufen<\/em> allgemeines Standarddeutsch?<\/p>\n<p>Hierzu passt auch, dass die dritte gro\u00dfe westgermanische Sprache, das Englische, diese Konstruktion nicht kennt. Auf Englisch w\u00e4re <em>Anna is sing<\/em> schlicht ungrammatisch und falsch. Im Englischen muss der &#8218;weg sein&#8216;-Aspekt explizit ausgedr\u00fcckt werden, beispielsweise durch <em>out<\/em> oder <em>off<\/em>, kombiniert mit einem Gerundium (also der <em>-ing<\/em>-Form des Verbs): <em>John is off boxing.<\/em><\/p>\n<p>Zur regionalen Verteilung der verschiedenen Absentiv-M\u00f6glichkeiten gibt es bestimmt irgendwo Untersuchungen, die ich nur bislang noch nicht kenne. Und ich habe jetzt auch keine Zeit, nach ihnen zu fahnden. Denn ich bin jetzt mal weg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich bin dann mal weg&#8220; \u2013 so lautet der Titel von Hape Kerkelings Bestseller, der vor zehn Jahren erschien. 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