{"id":12040,"date":"2016-03-14T15:20:34","date_gmt":"2016-03-14T14:20:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12040"},"modified":"2017-01-08T13:27:38","modified_gmt":"2017-01-08T12:27:38","slug":"aufmarsch-der-partei-ohne-artikel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/03\/14\/aufmarsch-der-partei-ohne-artikel\/","title":{"rendered":"Aufmarsch der Partei ohne Artikel"},"content":{"rendered":"<p>Die Landtagswahlen in Deutschland haben auch in den westlichen Nachbarl\u00e4ndern Schlagzeilen gemacht. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es sein muss, einem weniger vertrauten Publikum die Besonderheiten des deutschen F\u00f6deralismus und der Parteienlandschaft zu erkl\u00e4ren (auch wenn die Belgier selbst einiges gew\u00f6hnt sind). Klar ist, dass in den drei Bundesl\u00e4ndern die bisherigen Koalitionen weder <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/04\/04\/durchstudieren-und-durchregieren\/\" target=\"_blank\">durchregieren<\/a> noch <a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20160313_02179953\" target=\"_blank\">voortregeren<\/a> k\u00f6nnen.<\/p>\n<div style=\"width: 330px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:2013-07_Alternative_f%C3%BCr_Deutschland_Bocholt.JPG\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/5\/50\/2013-07_Alternative_f%C3%BCr_Deutschland_Bocholt.JPG\/640px-2013-07_Alternative_f%C3%BCr_Deutschland_Bocholt.JPG\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"222\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Eher das Gegenteil eines Aufmarschs. (Z. van Dijk, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Der fl\u00e4mische <em>Standaard <\/em><a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20160313_02179953\" target=\"_blank\">titelt sogleich<\/a> vom <em>opmars<\/em> der AfD. Ein reichlich ironischer Begriff im Vergleich mit dem Deutschen. Man wei\u00df nicht so recht, ob die Redaktion absichtlich zu dem Ausdruck gegriffen hat. Auf Deutsch steht <em>Aufmarsch <\/em>in der Gegenwartssprache \u2013 angelehnt nat\u00fcrlich an historische Zusammenh\u00e4nge \u2013 f\u00fcr Demonstrationen extremistischer Parteien oder Vereinigungen, in letzter Zeit z.B. von <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/01\/vlagida-und-die-luegenpresse\/\" target=\"_blank\">Pegida<\/a>. Die Verbindung mit der AfD ist also nicht v\u00f6llig aus der Luft gegriffen. Das Niederl\u00e4ndische hat bei dem Begriff aber noch eine zus\u00e4tzliche Bedeutungsm\u00f6glichkeit, die Van Dale als <em>groeiend succes <\/em>umschreibt. Es kann also auch eine zweifellos demokratische Partei auf Niederl\u00e4ndisch <em>in opmars zijn<\/em>, ohne dass sie gleich einen <em>Aufmarsch <\/em>veranstalten muss.<\/p>\n<p>Die AfD scheint die Presse in den Lage Landen nicht nur vor lexikalische, sondern auch vor grammatische Herausforderungen zu stellen. Liest man eine kleine Auswahl von Artikeln aus den Tageszeitungen <em><a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20160313_02179953\" target=\"_blank\">De Standaard<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.demorgen.be\/buitenland\/duitse-populisten-forceren-doorbraak-b39bdbd8\/\" target=\"_blank\">De Morgen<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/next\/2016\/03\/14\/de-onvrede-heeft-nu-een-politieke-basis-1600710\" target=\"_blank\">NRC<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.trouw.nl\/tr\/nl\/4496\/Buitenland\/article\/detail\/4262424\/2016\/03\/13\/Merkels-welkomstpolitiek-verdeelt-Duitsland-diep.dhtml\" target=\"_blank\">Trouw<\/a> <\/em>und <a href=\"https:\/\/www.telegraaf.nl\/buitenland\/25383167\/__Tik_voor_Merkels_CDU__.html\" target=\"_blank\"><em>De Telegraaf<\/em><\/a>, dann f\u00e4llt ein seltsames Ph\u00e4nomen auf: Die AfD hat sehr h\u00e4ufig keinen Artikel, obwohl er syntaktisch m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n<blockquote><p>In Rijnland-Palts kreeg AfD zowat elf procent van de kiezers achter zich. (De Morgen)<\/p>\n<p>In Saksen-Anhalt stemde zelfs een op de vijf voor AfD. (Trouw)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun ist diese kleine Textauswahl keine ernstzunehmende Korpusanalyse, aber die Verteilung in der kleinen Auswahl ist doch erstaunlich. Den anderen Parteien widerf\u00e4hrt der Verlust des Artikels viel seltener:<\/p>\n<table style=\"height: 183px\" width=\"520\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"256\"><\/td>\n<td width=\"256\"><span style=\"text-decoration: underline\">Nennung mit Artikel<\/span><\/td>\n<td width=\"256\"><span style=\"text-decoration: underline\">Nennung ohne Artikel<\/span><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"256\">AfD<\/td>\n<td width=\"256\">14<\/td>\n<td width=\"256\">21 (60%)<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"256\">CDU<\/td>\n<td width=\"256\">17<\/td>\n<td width=\"256\">2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"256\">SPD<\/td>\n<td width=\"256\">13<\/td>\n<td width=\"256\">2<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Sonderf\u00e4lle sind <em>die Gr\u00fcnen <\/em>und <em>die Linke<\/em>, deren Artikel auch im Deutschen st\u00e4rker in den Namen hineingeschmolzen ist. Hier findet man gelegentlich auch einmal eine Nennung mit der deutschen Form, und \u00f6fter <em>de Groenen<\/em> (nicht aber die artikellose Form <em>Groen<\/em> der fl\u00e4mischen Schwesterpartei).<\/p>\n<p>Wenn man genauer die Verteilung nach Herkunftsland der Zeitungen aufschl\u00fcsselt, wird noch ein Ph\u00e4nomen sichtbar (hier sind wieder nur CDU, SPD und AfD gerechnet, die anderen kommen zu unregelm\u00e4\u00dfig vor):<\/p>\n<table style=\"height: 158px\" width=\"521\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"256\"><\/td>\n<td width=\"256\">Nennung mit Artikel<\/td>\n<td width=\"256\">Nennung ohne Artikel<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"256\">Niederlande<\/td>\n<td width=\"256\">31<\/td>\n<td width=\"256\">6<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"256\">Belgien<\/td>\n<td width=\"256\">13 (davon 2 AfD)<\/td>\n<td width=\"256\">19 (davon 15 AfD)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der Gro\u00dfteil der Parteibezeichnungen ohne Artikel geht auf das Konto der belgischen Zeitungen. Und diese wiederum verzichten vor allem bei der AfD auf den Artikel, bei den anderen Parteien viel seltener. Der Text im <em>NRC Handelsblad <\/em>aus den Niederlanden wiederum ist der einzige, der ausnahmslos immer einen Artikel verwendet (was aber in anderen Beitr\u00e4gen derselben Zeitung wieder weniger konsequent gehandhabt wird). Man m\u00fcsste eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl von Texten vergleichen, um zu testen, ob diese Tendenz zum Unterschied zwischen Belgien und den Niederlanden sich verfestigt.<\/p>\n<div style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/0f\/2015-02-01_AfD_Bundesparteitag_Bremen_by_Olaf_Kosinsky-104.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/0\/0f\/2015-02-01_AfD_Bundesparteitag_Bremen_by_Olaf_Kosinsky-104.jpg\/436px-2015-02-01_AfD_Bundesparteitag_Bremen_by_Olaf_Kosinsky-104.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"218\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Auch nicht gerade ein Aufmarsch. (O.Kosinsky, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Gro\u00dfe Teile der Zeitungsartikel sind von Nachrichtenagenturen \u00fcbernommen. Auch kleinere Zeitungen nutzen sicherlich in der Auslandsberichterstattung \u00fcber deutsche Regionalpolitik eher Texte von Agenturen, als selbst welche zu schreiben. Man kann also davon ausgehen, dass diese besondere (Nicht-)Verwendung von Artikeln in der niederl\u00e4ndischsprachigen Presse noch weiter verbreitet ist.<\/p>\n<p>Doch wie kommt es \u00fcberhaupt zu diesem Unterschied? Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung k\u00f6nnte im Namen der Partei <em>Alternative f\u00fcr Deutschland <\/em>liegen. Auf Niederl\u00e4ndisch sagt man eher <em>het alternatief<\/em>, auf Deutsch dagegen <em>die Alternative<\/em>, d.h. das Wort hat in den beiden Sprachen ein anderes Genus. F\u00fcr die Variante <em>het AfD <\/em>hat sich in diesen f\u00fcnf Texten keine einzige Zeitung entschieden, w\u00e4hrend <em>de AfD <\/em>durchaus vorkommt. Nur ein einzelner Autor bei <em><a href=\"https:\/\/www.demorgen.be\/buitenland\/hoe-het-afd-een-partij-werd-waar-zelfs-de-oprichter-niks-mee-te-maken-wil-hebben-b3cca886\/\" target=\"_blank\">De Morgen<\/a> <\/em>greift wiederum ganz konsequent zu <em>het AfD<\/em>. Sollte die Variante ohne Artikel also ein Effekt des Konflikts zwischen den beiden Genera sein? Und wenn ja: Warum gehen belgische Zeitungen damit anders um als niederl\u00e4ndische?<br \/>\nW\u00fcsste die AfD von dieser grammatikalischen Erscheinung, sie w\u00e4re sicher schnell mit einer Erkl\u00e4rung bei der Hand: Die L\u00fcgenpresse g\u00f6nnt der armen Partei der aufrechten K\u00e4mpfer gegen den Mainstream noch nicht einmal mehr einen Artikel vor dem Namen. Wenn das nicht wieder ein willkommener Baustein im Opfermythos ist!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Landtagswahlen in Deutschland haben auch in den westlichen Nachbarl\u00e4ndern Schlagzeilen gemacht. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es sein muss, einem weniger vertrauten Publikum die Besonderheiten des deutschen F\u00f6deralismus und der Parteienlandschaft zu erkl\u00e4ren (auch wenn die Belgier selbst einiges gew\u00f6hnt sind). 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