{"id":12312,"date":"2016-05-17T10:01:16","date_gmt":"2016-05-17T08:01:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12312"},"modified":"2018-03-10T01:45:19","modified_gmt":"2018-03-10T00:45:19","slug":"viele-fritten-in-gent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/05\/17\/viele-fritten-in-gent\/","title":{"rendered":"Viele Fritten in Gent"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/_vla016196601_01\/_vla016196601_01_0065.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"http:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/_vla016196601_01\/_vla016196601_01_0065.php alignleft\" title=\"Zelfportret van Erasmus, getekend in 1509\" src=\"http:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/_gid001200701_01\/_gid001200701ill0011.gif\" alt=\"illustratie\" width=\"41\" height=\"45\" \/><\/a> Es gab viele Fritten, gro\u00dfartiges Bier, eine unfassbar sch\u00f6ne Altstadt und einen f\u00fcr einen Berliner fast schon tropischen Winter. Mein Auslandssemester in Gent war ein Fr\u00f6hliches. Selbstredend beschr\u00e4nkte sich meine Tagesgestaltung aber nicht nur darauf, irgendwo zwischen Schelde und Leie mit einem Eimer voller Fritten neben mir biertrinkend lauthals meine Begeisterung f\u00fcr die Stadt kundzutun, w\u00e4hrend ich die n\u00e4chste Flasche Sonnencreme auf meiner Nase ausleere.<\/p>\n<p>Ich hatte auch noch Dinge zu erledigen. Ich versuchte also immer wieder die Spuren des krankhaften Frittenkonsums zu verwischen und ging in die Uni. Dort hatte ich unter anderen die Kurse \u201cAfrikaanse Taal- en Letterkunde\u201d und \u201cInleiding tot de Vlaamse Gebarentaal\u201d gew\u00e4hlt. Da diese F\u00e4cher an der FU selten beziehungsweise gar nicht angeboten werden, fand ich diese Kurse besonders exotisch.<\/p>\n<p>Vlaamse Gebarentaal, also fl\u00e4mische Geb\u00e4rdensprache, war die wohl seltsamste Wahl, die man als Austauschstudent ohne Vorkenntnisse in irgendeiner Geb\u00e4rdensprache h\u00e4tte treffen k\u00f6nnen. Afrikaans hingegen wurde auch von anderen \u2013 gr\u00f6\u00dftenteils ebenfalls deutschen\u00a0\u2013 Austauschstudenten besucht. Zum Anfang schien Afrikaans die wohl bessere Wahl gewesen zu sein, denn ich musste erstens nicht so fr\u00fch aufstehen und zweitens musste ich daf\u00fcr nicht allzu sehr auf meine Mimik und Gestik achten. Selbstredend war genau das Gegenteil bei der Einf\u00fchrung in die fl\u00e4mische Geb\u00e4rdensprache der Fall. Die Vorlesung, die wie die meisten anderen an der UGent 3 Stunden dauert,\u00a0 begann um 8 Uhr und ich musste eine Menge auf meine Finger schauen. Die Vorlesung fand zwar auf Niederl\u00e4ndisch statt, aber es gab auch Abschnitte, in denen man sich in Geb\u00e4rdensprache \u00fcben sollte. Und wie bereits erw\u00e4hnt: Diese Uhrzeit st\u00f6rte.<\/p>\n<div id=\"attachment_12420\" style=\"width: 287px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/05\/CF_L_gr.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12420\" class=\"wp-image-12420\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/05\/CF_L_kl-224x300.jpg\" alt=\"CF_L_kl\" width=\"277\" height=\"371\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/05\/CF_L_kl-224x300.jpg 224w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/05\/CF_L_kl.jpg 383w\" sizes=\"auto, (max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12420\" class=\"wp-caption-text\">Foto: C.F.Loschke<\/p><\/div>\n<p>Ich versuchte mich zu disziplinieren und Abends weniger meine Euphorie wegen der Sch\u00f6nheit der Stadt oder der Erfolge der KAA Gent (der <em>Buffalo&#8217;s<\/em>) in der Champions League zu freuen. Ich br\u00fcllte also weniger, schlief Mittwochs fr\u00fcher ein und begann mich besser darauf vorzubereiten, donnerstags in der Vorlesung zu sitzen. Meistens wurde dort, bevor es zum Teil der \u201eGeb\u00e4rdensprachpraxis\u201c ging, sehr viel \u00fcber die Geschichte der geh\u00f6rlosen Menschen in Flandern und der Welt gesprochen. Der rote Faden dieser Geschichte lie\u00dfe sich am besten mit Ignoranz, Bevormundung und Diskriminierung seitens der H\u00f6renden beschreiben. Es war nicht so, dass ich mir das nicht im Vorhinein h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Doch es zu h\u00f6ren veranlasste mich dazu, diese Geschichte mit einer der Geb\u00e4rden, die wohl selbst wir H\u00f6renden alle kennen, kommentieren zu wollen.<\/p>\n<p>Es gab mehrere Gastbeitr\u00e4ge, zum Beispiel \u00fcber die Erstellung eines Korpus der VGT (Vlaamse Gebarentaal). Dabei wurde immer wieder erw\u00e4hnt, dass die Sprache trotz der nur ca. 6000 Sprecher verschiedene \u201eDialekte\u201c umfasst. \u2013 So viel zu dem Gedanken, den man als ignoranter Ohrenmensch das ein oder andere Mal hat, dass man Zeichensprache doch total einfach universell gestalten k\u00f6nne. Denn ein anderer Beitrag handelte von der Kultur hinter der Sprache. Es gibt taube Menschen (dove Mensen) und Taube Menschen (Dove mensen). Viele sehen ihr schlechtes H\u00f6rverm\u00f6gen nicht unbedingt als Behinderung sondern eher als pers\u00f6nliche Eigenschaft an und schreiben diese Eigenschaft nicht klein sondern gro\u00df. Es gibt auch <u>T<\/u>aube Menschen, wie etwa h\u00f6rende Kinder tauber Eltern, die\u00a0 die <u>T<\/u>aube Kultur auch als Teil von sich ansehen. Genauso kann es aber auch einfach nur <u>t<\/u>aube taube geben. Was die Sprachpraxis anging, musste man sich immer wieder darauf konzentrieren, wie man seine Augenbrauen bewegt. Die Augenbrauen sind n\u00e4mlich die Ausrufe- und Fragezeichen dieser Sprache. Ich war fasziniert. Diese Uhrzeit allerdings\u2026<\/p>\n<p>Irgendwann r\u00fcckte die Pr\u00fcfung n\u00e4her und ich versuchte mir mehr Geb\u00e4rden anzueignen. Beispielsweise das kleine <em>d<\/em> aus dem Handalphabet, das an die Stirn gehalten \u201eDeutsche\/r\u201c oder \u201eDeutschland\u201c bedeutet und an eine Pickelhaube erinnern soll. Oder der auf der Stelle hin und her wackelnde Zeigefinger, der die Rute eines Hundes darstellt. Neben der \u201eAussprache\u201c und der Grammatik setzte ich mich immer intensiver mit dem Unterrichtssystem und der Inklusion tauber Menschen auseinander und wieder einmal fielen mir diese Geb\u00e4rden ein, an die ich schon in Bezug auf die Vergangenheit dachte. Ich war darin versunken.<\/p>\n<div class=\"lyte-wrapper\" style=\"width:640px;max-width:100%;margin:5px;\"><div class=\"lyMe\" id=\"WYL_kGME4oaJC2I\"><div id=\"lyte_kGME4oaJC2I\" data-src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FkGME4oaJC2I%2Fhqdefault.jpg\" class=\"pL\"><div class=\"tC\"><div class=\"tT\"><\/div><\/div><div class=\"play\"><\/div><div class=\"ctrl\"><div class=\"Lctrl\"><\/div><div class=\"Rctrl\"><\/div><\/div><\/div><noscript><a href=\"https:\/\/youtu.be\/kGME4oaJC2I\" rel=\"nofollow\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FkGME4oaJC2I%2F0.jpg\" alt=\"YouTube-Video-Thumbnail\" width=\"640\" height=\"340\" \/><br \/>Dieses Video auf YouTube ansehen<\/a><\/noscript><\/div><\/div><div class=\"lL\" style=\"max-width:100%;width:640px;margin:5px;\"><br\/><span class=\"lyte_disclaimer\">ACHTUNG: Daten nach YouTube werden erst beim Abspielen des Videos \u00fcbertragen.<\/span><\/div><\/p>\n<p><span style=\"color: #999999\">Wie schwierig Geb\u00e4rdensprache sein kann, erfuhr auch der Schriftsteller <a style=\"color: #999999\" href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Dimitri_Verhulst\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dimitri Verhulst<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck zu einer etwas anderen Uhrzeit: Die Pr\u00fcfung. Ich sa\u00df vor der Professorin und verwunderte sie ein wenig, weil ich die Geb\u00e4rde f\u00fcr Berlin \u2013 \u00fcbrigens eine Faust am Kopf\u00a0\u2013 benutzte und sie sie nicht kannte. Dann war sie noch verwunderter, weil ich als Berliner damit nicht wirklich etwas zu tun h\u00e4tte und es noch weniger anwenden kann.\u00a0 Sie fand es am\u00fcsant, denke ich. Den Kurs habe ich bestanden und einen Geb\u00e4rdensprachkurs m\u00f6chte ich auf jeden Fall auch demn\u00e4chst in Berlin besuchen.<\/p>\n<p>Aber Afrikaans war auch fein!<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Von <strong>Carl Friedrich Loschke<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab viele Fritten, gro\u00dfartiges Bier, eine unfassbar sch\u00f6ne Altstadt und einen f\u00fcr einen Berliner fast schon tropischen Winter. Mein Auslandssemester in Gent war ein Fr\u00f6hliches. 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