{"id":12589,"date":"2016-06-01T10:40:35","date_gmt":"2016-06-01T08:40:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12589"},"modified":"2017-01-08T13:25:04","modified_gmt":"2017-01-08T12:25:04","slug":"niederlaenderschaft-vs-deutschtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/06\/01\/niederlaenderschaft-vs-deutschtum\/","title":{"rendered":"Niederl\u00e4nderschaft vs. Deutschtum"},"content":{"rendered":"<p>Ob man nach Deutschland oder \u00d6sterreich schaut, in die Schweiz, nach Belgien oder in die Niederlande \u2013 die Debatten drehen sich in immer schnellerem Tempo um die Frage des \u201eWir\u201c. Wer sind \u201ewir\u201c, und wer m\u00fcssen \u201edie anderen\u201c sein, damit wir \u201euns\u201c erkennen?<\/p>\n<p>Dieser Nabelschau (nl. <em>navelstaren<\/em>) setzt die NRC-Redaktion einen <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/next\/2016\/05\/28\/nederlander-zijn-heeft-dus-niks-met-huidskleur-t-2494929\" target=\"_blank\">gemeinsamen Kommentar<\/a> entgegen, der vielleicht etwas glatt geraten ist, aber eine interessante sprachliche Frage aufwirft. Die Redaktion schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Nederlanderschap is een levende identiteit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Deutschsprachige stellt das wieder einmal vor die Frage: <em>het <\/em>oder <em>de <\/em>Nederlanderschap? Im Deutschen sind Substantive auf <em>\u2013schaft <\/em>immer feminin, im Niederl\u00e4ndischen dagegen gibt es je nach Substantiv mal das eine und mal das andere Genus: <em>het landschap <\/em>aber <em>de boodschap<\/em>. Die etymologische und grammatische <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/schap2\" target=\"_blank\">Entwicklung von <em>-schap <\/em><\/a>ist verwickelt und war bei den <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/03\/19\/wasserschaft-und-deichgraefinnenschaft\/\" target=\"_blank\">Wasserschaften<\/a> schon einmal Thema. <em>Het Nederlanderschap <\/em>ist jedenfalls Neutrum, wie man auch am <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Rijkswet_op_het_Nederlanderschap\" target=\"_blank\"><em>Rijkswet op het Nederlanderschap<\/em><\/a> sehen kann. Das Gesetz legt fest, wer unter welchen Umst\u00e4nden die niederl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrger<u>schaft<\/u> erhalten kann.<\/p>\n<div style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Paspoort\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/19\/Nederlanden_paspoort_2011.jpg\" width=\"209\" height=\"286\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Beweis juristischer Nederlanderschap. (Blagomeni, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p><em>Nederlanderschap <\/em>bezeichnet im Rahmen des Gesetzes einen rechtlichen Zustand: Man ist B\u00fcrger\/in der Niederlanden, oder eben nicht. Niemand kann ein bisschen die Staatsb\u00fcrgerschaft haben, oder nur phasenweise (wohl aber noch eine Zweite zugleich \u2013 was aber die niederl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrgerschaft nicht reduziert, sie bleibt trotzdem vollst\u00e4ndig). Die NRC-Redaktion schreibt dagegen, \u201eNederlanderschap is geen ingeperkt gegeven.\u201c Hier ist nicht die Rede von einer rechtlichen Kategorie, sondern von einer Gruppenzugeh\u00f6rigkeit, einer Selbstzuschreibung, einer (Teil-)Identit\u00e4t. Wie sehr sich jemand niederl\u00e4ndisch f\u00fchlt, kann also graduell sein und sich ver\u00e4ndern. Bei einer deutschen \u00dcbersetzung stellt uns das vor Probleme. Man kann sich mit <em>das Niederl\u00e4ndisch-Sein<\/em> oder <em>das sich-Niederl\u00e4ndisch-F\u00fchlen <\/em>mit holprig nominalisierten Phrasen behelfen, die einigerma\u00dfen die Bedeutung von <em>Nederlanderschap<\/em> wiedergeben. Weniger komplizierte Ableitungen mit Suffixen erscheinen alle irgendwie k\u00fcnstlich: <em>Niederl\u00e4ndischheit <\/em>oder <em>\u2013keit<\/em>, <em>Niederl\u00e4nderschaft<\/em>, <em>Niederl\u00e4ndischtum<\/em>\u2026 alles keine besonders gl\u00fccklichen L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Auf Niederl\u00e4ndisch l\u00e4sst sich diese zweite Bedeutung \u201adas Gef\u00fchl, Niederl\u00e4nder\/in zu sein\u2018 wahrscheinlich mit <em>Nederlanderschap<\/em> ausdr\u00fccken, weil die erste Bedeutung \u201aniederl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrgerschaft\u2018 schon gel\u00e4ufig ist. Im Deutschen ist beides ungewohnt. In Deutschland gibt es zum Beispiel ein <em>Staatsangeh\u00f6rigkeitsgesetz<\/em>, in dem die Komponente <em>deutsch<\/em> nicht genannt ist. Auch \u00d6sterreich verzichtet auf Wortbildung mit dem Landesnamen in seinem <em>Bundesgesetz \u00fcber die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft <\/em>und die Schweiz spricht vom <em>Schweizer B\u00fcrgerrecht<\/em>. Wie w\u00fcrde man in einem entsprechenden Artikel die selbst gew\u00e4hlte oder gef\u00fchlte Zugeh\u00f6rigkeit auf Deutsch ausdr\u00fccken? <em>Deutschschaft, Deutschheit<\/em> oder <em>Deutschhaftigkeit<\/em> wirken ungeschliffen. V\u00f6llig inakzeptabel w\u00e4re das <em>Deutschtum<\/em>, das l\u00e4ngst ideologisch und historisch verbraucht ist. Der Begriff ist schlie\u00dflich verbunden mit Vorstellungen, die ein Zusammenspiel von verschiedenen Identit\u00e4ten oder Zugeh\u00f6rigkeiten v\u00f6llig ausschlie\u00dft und absolute, exklusive Loyalit\u00e4t zu genau <em>einem<\/em> Nationalit\u00e4tskonstrukt verlangt. Das Problem liegt darin, dass die Nachsilbe &#8211;<em>schaft <\/em>oder auch &#8211;<em>tum <\/em>sowohl Eigenschaften (das So-Sein) oder auch ein Kollektiv von Menschen (die alle so sind) ausdr\u00fccken kann. Im Begriff <em>Deutschtum <\/em>verschmelzen diese beiden Bedeutungen v\u00f6llig: Nur wer so ist wie alle anderen und sich nicht unterscheidet, kann auch Teil des Kollektivs sein.<\/p>\n<div style=\"width: 332px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Vlaams_schaap\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/9\/90\/VlaamsSchaap-ooi_met_4-ling.JPG\/640px-VlaamsSchaap-ooi_met_4-ling.JPG?uselang=de\" width=\"322\" height=\"242\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Vlaams schaap i.p.v. Vlaamsschap. (Stevenja, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Ein wichtiger Unterschied zwischen Niederl\u00e4ndisch und Deutsch scheint darin zu liegen, dass das Niederl\u00e4ndische solche Nominalisierungen auf Basis der bereits abgeleiteten Personenbezeichnung bildet, also mit <em>Nederland<strong>er <\/strong><\/em>und nicht mit <em>Nederland<strong>s<\/strong><\/em>. Damit wird es naheliegender, diese Vorstellung als individuell, personenbezogen zu verstehen. Die Endung &#8211;<em>er <\/em>ist dabei offenbar ein wichtiges Kriterium. Johanna Ridderbeekx half mir mit ihrem muttersprachlichen Gef\u00fchl weiter und war kategorisch: <em>IJslanderschap <\/em>funktioniert, <em>*Noorschap <\/em>dagegen nicht. Auf Deutsch k\u00f6nnen wir von einer Personenbezeichnung wie <em>Deutscher <\/em>keine weitere Ableitung bilden: *<em>Deutscherschaft,<\/em> <em>*Deutscherheit <\/em>oder gar *<em>Deutschertum <\/em>ist eindeutig ungrammatisch. Damit liegt bei <em>Deutschtum <\/em>die Interpretation kollektiver Eigenschaften anstelle eines individuellen Gef\u00fchls viel n\u00e4her. Und die <em>Schweizerschaft <\/em>als Gemeinschaft aller Schweizer findet sich nur in alten Quellen, weil der Begriff inzwischen lieber als praktische Verk\u00fcrzung von <em>Schweizer Meisterschaft <\/em>in verschiedenen Sportarten benutzt wird.<\/p>\n<p>Offenbar kann man \u00fcbrigens <em>Nederlanderschap <\/em>durchaus mit <em>Surinamerschap<\/em> verbinden, jedenfalls sprachlich und auch identit\u00e4r. (Juristisch mag es Einschr\u00e4nkungen bei der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft geben, dazu fehlt mir das Fachwissen.) In Suriname gibt es parallel zu den Niederlanden ein <em><a href=\"https:\/\/www.dna.sr\/media\/18346\/wet_op_nationaliteit_en_ingezetenschap.pdf\" target=\"_blank\">Wet tot regeling van het Surinamerschap<\/a>. <\/em>Eine Google-Suche nach <em>Vlaamsschap <\/em>liefert nur Bilder von <em>Vlaamse schapen<\/em>, nicht aber Resultate \u00fcber das Gef\u00fchl, Fl\u00e4misch zu sein. <em>Vlamingschap <\/em>trifft man im <a href=\"https:\/\/gtb.inl.nl\/iWDB\/search?actie=article&amp;wdb=WNT&amp;id=M080691\" target=\"_blank\">Woordenboek der Nederlandsche Taal<\/a> an, sonst aber im gegenw\u00e4rtigen Sprachgebrauch recht selten. Vielleicht deshalb, weil \u00fcbertrieben betonte\u00a0<em>Vlamingschap\u00a0<\/em>einem sogleich den Vorwurf einbringt, <a href=\"https:\/\/gtb.inl.nl\/iWDB\/search?actie=article&amp;wdb=WNT&amp;id=M016583&amp;lemmodern=flamingant\" target=\"_blank\">Flamingant<\/a> zu sein. Nur Jacques Brel <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=1agGuQrH4sAC&amp;pg=PA64&amp;lpg=PA64&amp;dq=Vlamingschap&amp;source=bl&amp;ots=XPqcrhPn2V&amp;sig=em07nnxDVrgfekG1rYhfGoUxcVQ&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=0ahUKEwjJpd3dyIHNAhWKcBoKHdSQDH84ChDoAQgnMAA#v=onepage&amp;q=Vlamingschap&amp;f=false\" target=\"_blank\">war der Meinung:<\/a> \u201eNederlands spreken is geen bewijs van Vlamingschap.\u201c Kein Zweifel: Es k\u00f6nnte auch ein Zeichen von <em>Nederlanderschap <\/em>oder <em>Surinamerschap <\/em>sein. Wer sich gleich ganz belgisch f\u00fchlen m\u00f6chte, greift dazu eher auf die franz\u00f6sische <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Belgitude\" target=\"_blank\"><em>Belgitude<\/em><\/a> zur\u00fcck. Auf Deutsch funktioniert es jedenfalls grammatisch nicht besonders fl\u00fcssig, dass jemand <em>Deutschheit <\/em>mit <em>T\u00fcrkischheit<\/em> vereint und daraus ein ganz eigenes Selbstbild bastelt. Wie es scheint, machen wir es den Menschen auch sprachstrukturell nicht gerade leicht, sich dazugeh\u00f6rig zu f\u00fchlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob man nach Deutschland oder \u00d6sterreich schaut, in die Schweiz, nach Belgien oder in die Niederlande \u2013 die Debatten drehen sich in immer schnellerem Tempo um die Frage des \u201eWir\u201c. Wer sind \u201ewir\u201c, und wer m\u00fcssen \u201edie anderen\u201c sein, damit wir \u201euns\u201c erkennen? 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