{"id":12675,"date":"2016-07-09T09:01:54","date_gmt":"2016-07-09T07:01:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12675"},"modified":"2016-07-08T10:20:00","modified_gmt":"2016-07-08T08:20:00","slug":"ein-kind-des-feldlagers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/07\/09\/ein-kind-des-feldlagers\/","title":{"rendered":"Ein Kind des Feldlagers"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich geistig gegen die politischen Wirren seiner Zeit wappnen will, dem sei die Lekt\u00fcre der <em>Essais<\/em> (erstmals 1580) <a href=\"https:\/\/www.amisdemontaigne.fr\/\" target=\"_blank\">Michel de Montaignes<\/a> w\u00e4rmstens empfohlen. Neben dem Esprit, mit dem diese Texte verfasst wurden, \u00fcberzeugen sie durch ihre tiefe Humanit\u00e4t. Sie gestehen dem Menschen vor allem eines zu: seine Widerspr\u00fcchlichkeit. Montaigne ist Anh\u00e4nger des antiken Skeptizismus, es kann seiner Meinung nach nicht nur eine, nein es muss viele Wahrheiten geben. Daher h\u00e4lt er sich an das Konzept der <em>epoch\u00e9<\/em>, den bewussten Verzicht auf ein ausgesprochenes Urteil oder eine Festlegung der eigenen Meinung. Freiheit des Denkens ist das Ziel. Diese Tatsache \u00fcberrascht, wenn man erw\u00e4gt, dass der im Jahre 1533 geborene Montaigne ein Altersgenosse Wilhelms von Oranien war. Die B\u00fcrgerkriege in Frankreich und den Niederlanden w\u00e4hrend des 16. Jahrhunderts, oft mit dem Kampf f\u00fcr den Glauben begr\u00fcndet, sollten doch jedem eine Stellungnahme aufn\u00f6tigen, m\u00f6chte man meinen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der computergest\u00fctzten Textforschung. Die <em>Digital Humanities<\/em> scheinen dem Ja-\/Nein-Schema des Computers verpflichtet. Wurde ein Text von einem bestimmten Autor verfasst oder nicht? Wir warten nat\u00fcrlich auf endg\u00fcltige Antworten. <a href=\"https:\/\/mike-kestemont.org\/\" target=\"_blank\">Mike Kestemont<\/a> von der Universit\u00e4t Antwerpen hat mit stilometrischen Mitteln herausgefunden, dass ein neuer Kandidat f\u00fcr die Verfasserschaft des anonym \u00fcberlieferten <em>Wilhelmus<\/em> in Frage kommt. Nicht Marnix von St. Aldegonde, der von vielen als Autor dieses bekanntesten Streitliedes des niederl\u00e4ndischen Aufstandes angesehen wurde, das seit 1932 die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=pNSfD5hjpk4\" target=\"_blank\">Nationalhymne der Niederlande<\/a> ist, sondern der relativ unbekannte Petrus Datheen (geb. 1531\/32) k\u00f6nnte der Verfasser sein. Kestemont kann nachweisen, dass Datheens Werke stilistisch viel mehr \u00dcbereinstimmungen mit dem <em>Wilhelmus<\/em> aufweisen als die aller anderen Autoren, die bisher als m\u00f6gliche Schreiber genannt wurden. Nachdem er diese Tatsache im Mai 2016 auf der ersten <a href=\"https:\/\/www.meertens.knaw.nl\/cms\/nl\/nieuws-agenda\/louis-peter-grijp-lezing\" target=\"_blank\">Louis-Peter-Grijp-Lesung der KNAW<\/a> verk\u00fcndete, begann sofort eine <a href=\"https:\/\/www.neerlandistiek.nl\/2016\/05\/toevallig-op-petrus-datheen-stuiten\/\" target=\"_blank\">breite Diskussion<\/a>, ob Datheen der wahre Verfasser sein k\u00f6nne. Dabei hatte Kestemont sich eines endg\u00fcltigen Urteils klug enthalten. Bis nicht weitere historische Argumente auftauchen, kann die Autorschaft nicht v\u00f6llig bewiesen werden. Selbst der Computer verschafft uns also kein Entweder-oder.<\/p>\n<p>Diese historischen Argumente gibt es allerdings. Petrus Datheen verlie\u00df mit neunzehn Jahren das Karmelitenkloster in Ypern und schloss sich der calvinistischen Bewegung an.<\/p>\n<div style=\"width: 168px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:PetrusDathenus.gif\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/95\/PetrusDathenus.gif\" width=\"158\" height=\"180\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Petrus Datheen (1531\/32-1588); (fiktives) Portr\u00e4t aus dem 18. Jht (CC-PD-Mark)<\/p><\/div>\n<p>Vor den Glaubensverfolgungen in den Niederlanden fl\u00fcchtete er unter anderem nach Frankenthal in der Pfalz und gr\u00fcndete dort mit Erlaubnis des Kurf\u00fcrsten Friedrich des Frommen eine calvinistische Fl\u00fcchtlingsgemeinde. Mit Friedrichs j\u00fcngerem Sohn Johann Kasimir (geb. 1543; f\u00fcr manche ist er der <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qm_KZpiUtec\" target=\"_blank\">J\u00e4ger aus Kurpfalz<\/a>; <\/em>\u00fcber das Lied<em> <a href=\"https:\/\/www.liederlexikon.de\/lieder\/ein_jaeger_aus_kurpfalz\/?searchterm=\" target=\"_blank\">siehe hier<\/a>) <\/em> zog er als Feldprediger mit einem pf\u00e4lzischen Heer zur Unterst\u00fctzung der Hugenotten nach Frankreich. Dort, bei der Belagerung der Stadt Chartres im Fr\u00fchjahr 1568, h\u00f6rte er vermutlich einen katholischen Soldaten ein Spottlied auf den Prinzen Cond\u00e9 singen, einen der Hugenottenf\u00fchrer: \u201eO la folle entreprise\/ Du prince de Cond\u00e9!\u201c (\u201eO welch n\u00e4rrische Unternehmung\/Des Prinzen Cond\u00e9!\u201c) Denn die Katholiken waren sicher, Chartres verteidigen zu k\u00f6nnen. Die aufmunternde, optimistische Weise des Liedes hinterlie\u00df wohl im ganzen Heerlager Eindruck und wurde schnell bekannt. Datheen benutzte sie vermutlich, um ein Lied auf einen anderen seiner G\u00f6nner zu schreiben \u2013 Wilhelm von Oranien, F\u00fchrer der niederl\u00e4ndischen Aufst\u00e4ndischen, die sich im Kampf gegen das katholische Spanien befanden und mit den franz\u00f6sischen Hugenotten ebenso enge Verbindungen besa\u00dfen wie mit den deutschen Calvinisten.<\/p>\n<div style=\"width: 183px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:WilliamOfOrange1580.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/46\/WilliamOfOrange1580.jpg\/173px-WilliamOfOrange1580.jpg\" width=\"173\" height=\"240\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Willem van Oranje (Circa 1579, PD-old-100)<\/p><\/div>\n<p>Jedenfalls waren Johann Kasimir und Wilhelm von Oranien miteinander verwandt, und Datheen arbeitete damals f\u00fcr beide F\u00fcrsten. Das neue Lied zu Ehren Wilhelms von Oranien, \u201enach der Weise von Chartres\u201c, sp\u00e4ter <em>Wilhelmus<\/em> genannt, wurde jedenfalls auch in Deutschland sehr viel gesungen, die \u00e4lteste bekannte Fassung (1573) ist sogar auf Deutsch \u00fcberliefert. In einer j\u00fcngeren deutschen Liedersammlung wurde das Werk als \u201eReuterliedlein\u201c (\u201eReiterlied\u201c) bezeichnet, was seine milit\u00e4rische Herkunft noch deutlich anzeigt. So h\u00e4tte das Feldlager die heutige Nationalhymne der Niederlande kurz nach 1568 erzeugt.<\/p>\n<p>Im Jahre 1568 erbte Michel Eyquem das Schloss Montaigne von seinem Vater, nach dem er sich fortan benannte. Nach dem dritten von acht(!) Hugenottenkriegen zog er sich 1571 ins Privatleben zur\u00fcck und verlie\u00df seine ber\u00fchmte <a href=\"https:\/\/www.amisdemontaigne.fr\/spip.php?article31\" target=\"_blank\">Turmbibliothek<\/a> nur noch unter Zwang. Petrus Datheen \u00fcberwarf sich sp\u00e4ter mit Wilhelm von Oranien und starb im Exil, w\u00e4hrend sein ber\u00fchmter G\u00f6nner 1584 von einem katholischen Eiferer ermordet wurde. Der niederl\u00e4ndische Aufstand, bekannt auch als <a href=\"https:\/\/www.historicum.net\/de\/themen\/achtzigjaehriger-krieg\/einfuehrung\/\" target=\"_blank\">achtzigj\u00e4hriger Krieg<\/a>, dauerte noch bis 1648 fort.<\/p>\n<hr \/>\n<p>F\u00fcr diesen Beitrag wurde u.a. m\u00fcndliches Material von Mike Kestemont und Els Stronks verwendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Bettina Noak<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Naschrift van de redactie<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Vergeet_mij_nietje_closeup.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/df\/Vergeet_mij_nietje_closeup.jpg\" width=\"319\" height=\"239\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bettina Noak zal na afloop van dit zomersemester de FU verlaten. We zien deze zeer gewaardeerde en bovendien altijd goed geluimde collega node (<em>sehr ungerne<\/em>) gaan. We danken haar voor de immer goede en vruchtbare samenwerking, voor collegiale kritiek, goede raad en niet in de laatste plaats voor haar hartelijke lach.<br \/>\nWe pinken een traantje weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">Een dikke bos <strong><span style=\"color: #3366ff\">VERGEETONSNIETJES <\/span><\/strong>voor Bettina Noak!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich geistig gegen die politischen Wirren seiner Zeit wappnen will, dem sei die Lekt\u00fcre der Essais (erstmals 1580) Michel de Montaignes w\u00e4rmstens empfohlen. Neben dem Esprit, mit dem diese Texte verfasst wurden, \u00fcberzeugen sie durch ihre tiefe Humanit\u00e4t. Sie gestehen dem Menschen vor allem eines zu: seine Widerspr\u00fcchlichkeit. 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