{"id":12848,"date":"2016-07-26T09:33:41","date_gmt":"2016-07-26T07:33:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12848"},"modified":"2016-07-20T21:12:22","modified_gmt":"2016-07-20T19:12:22","slug":"eine-verzaehlung-vom-vergreisen-und-versprachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/07\/26\/eine-verzaehlung-vom-vergreisen-und-versprachen\/","title":{"rendered":"Eine Verz\u00e4hlung vom Vergreisen und Versprachen"},"content":{"rendered":"<p>Binsenweisheit des Tages: Wir werden alle nicht j\u00fcnger. Das gilt auch f\u00fcr Belgien. Vor allem in Flandern, so meldete vor einiger Zeit der <a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20160615_02340359\" target=\"_blank\"><em>Standaard<\/em><\/a>, nimmt der Anteil der Rentner an der Bev\u00f6lkerung rapide zu. <em>Vlaanderen vergrijst.<\/em> Eindrucksvoll sieht man das <a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20160616_02342229\" target=\"_blank\">auf der Karte<\/a> &#8211; Br\u00fcssel und Wallonien scheinen nicht so schnell zu altern. Auf Deutsch spricht man am ehesten von <em>\u00fcberaltern<\/em>. Ein Begriff, der sehr drastisch andeutet, es sei irgendwann zu viel mit den ganzen Alten. Alternativ dazu, auch nicht viel freundlicher, k\u00f6nnte man sagen: Das Land <em>vergreist<\/em>. Womit man an <em>vergrijzen <\/em>wieder sehr nah dran w\u00e4re, auch etymologisch. Der deutsche <em>Greis<\/em> und die niederl\u00e4ndische Farbe <em>grijs <\/em>teilen die gleiche Wurzel. Die Analogie ist simpel und liegt auf der Hand, denn wer <em>greis <\/em>ist, wird meistens auch <em>grijs. <\/em>Das Adjektiv <em>greis<\/em> ist aus dem Niederdeutschen in den hochdeutschen Standard eingegangen und genau deshalb dem Niederl\u00e4ndischen so auffallend \u00e4hnlich.<\/p>\n<div style=\"width: 324px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Shang_Xi-Four_Immortals_Salute_Longevity.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/18\/Shang_Xi-Four_Immortals_Salute_Longevity.jpg\/640px-Shang_Xi-Four_Immortals_Salute_Longevity.jpg\" width=\"314\" height=\"214\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Auch Asien vergreist: &#8222;Vier Unsterbliche gr\u00fc\u00dfen die Langlebigkeit&#8220;. (\u5546\u559c, PD)<\/p><\/div>\n<p><em>Vergrijzen <\/em>bezeichnet dennoch den Vorgang, grau zu werden und nicht den Vorgang, greis zu werden. Man m\u00fcsste also um genau zu sein \u00fcbersetzen: <em>Flandern ergraut<\/em>. Das klingt schon etwas freundlicher. <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/21\/verkaelten-und-befrieren\/\" target=\"_blank\">Wieder einmal<\/a> liegt der kleine Unterschied zwischen <em>vergrijzen <\/em>und <em>ergrauen<\/em> im <em>v-<\/em> am Wortanfang. Das <em>er-<\/em> dr\u00fcckt eine Zustands\u00e4nderung aus, die das Niederl\u00e4ndische \u00fcblicherweise mit <em>ver\u2011 <\/em>angibt. Das deutsche <em>ver- <\/em>dagegen f\u00fchlt sich st\u00e4rker an wie eine Entwicklung hin zum \u00dcberma\u00df oder zur vollst\u00e4ndigen Zustands\u00e4nderung. Ein Land, das <em>vergreist <\/em>ist, besteht (zumindest gef\u00fchlt) nur noch aus Greisen oder hat jedenfalls zu viele davon.<\/p>\n<p>Der Artikel im <em>Standaard <\/em>fu\u00dft auf dem <em>vergrijzingsco\u00ebfficient <\/em>der belgischen Bev\u00f6lkerung. Ein entsprechender <em>\u00dcberalterungskoeffizient<\/em> scheint sich in der deutschsprachigen Demographieforschung bisher nicht durchgesetzt zu haben. Aber wer wei\u00df, welches deutsche Wortmonstrum man in dieser Ecke der Wissenschaft stattdessen benutzt, das ich vielleicht nur nicht gefunden habe\u2026<\/p>\n<p>Wie man auf den <em>vergrijzingsco\u00ebfficient <\/em>kommt, ist nicht besonders kompliziert. Man pr\u00fcft in der Bev\u00f6lkerungsstatistik, wie viele \u00c4ltere \u00fcber 67 Jahre auf genau 100 Jugendliche unter 18 kommen. Man darf sich dabei nur nicht <em>ver<\/em>z\u00e4hlen, denn das w\u00e4re wieder eine \u00c4nderung zum Unerw\u00fcnschten. Was dagegen hin und wieder sehr erw\u00fcnscht ist, ist das <em>Er<\/em>z\u00e4hlen. Das machen viele der Schriftsteller\/innen besonders gut, die wir k\u00fcrzlich mit unserer Serie und unserer <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/tag\/was-wir-teilen\/\" target=\"_blank\">Ausstellung in der Philologischen Bibliothek<\/a> vorgestellt haben. In meinem heimatlichen Dialekt hingegen <em>verz\u00e4hlen<\/em> wir auch alles M\u00f6gliche: Geschichten, Tratsch oder L\u00fcgen. Das standarddeutsche <em>er- <\/em>ist wieder ein saarl\u00e4ndisches <em>ver-. <\/em>Nat\u00fcrlich genauso ein niederl\u00e4ndisches (<em>vertellen<\/em>) oder ein niederdeutsches. Zum Beispiel im Westm\u00fcnsterland, wie man in unserem <a href=\"https:\/\/neon.niederlandistik.fu-berlin.de\/de\/plattdeutsch\/wb?such=vert%C3%A4llen\" target=\"_blank\">Online-W\u00f6rterbuch auf NEON<\/a> nachlesen kann. Dort findet sich der ebenso trockene wie wahre Spruch:<\/p>\n<blockquote><p>Well fain vert\u00e4llen kann, de kann ook fain leegen.<\/p>\n<p><em>Wer gut erz\u00e4hlen kann, der kann auch gut l\u00fcgen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wer kein Platt kann, versteht den Satz vielleicht mit etwas Nachdenken. Und falls nicht, haben wir ja zum Gl\u00fcck eine \u00dcbersetzung, eine <em>vertaling<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/vertalen\" target=\"_blank\">Urspr\u00fcnglich<\/a> war \u00fcbrigens auch das <em>vertalen<\/em> nichts anderes als das <em>vertellen<\/em>, gewisserma\u00dfen \u201aetwas zur Sprache bringen\u2018 oder \u201ain Sprache kleiden\u2018. Erst viel sp\u00e4ter ging die Bedeutung vom bildlichen <em>Versprachlichen <\/em>zum <em>Versprachen <\/em>\u00fcber, zum \u00dcbertragen von einer Sprache in die andere. Sp\u00e4testens dann war es vorbei mit dem <em>ver-\u00a0<\/em>als Zustands\u00e4nderung zum Schlechten. Einem wirklich guten <em>vertaler <\/em>gelingt es, in der Zielsprache auch ein guter <em>verteller<\/em> zu sein. Deshalb war es uns wichtig, in unserer Ausstellung <em>Wat wij delen<\/em> auch die \u00dcbersetzer\/innen der Werke zu nennen, die wir vorstellen wollten. Zugegeben, ein bisschen Stolz ist auch dabei. Denn im Laufe der Jahre hat unser Institut eine ganze Reihe erfolgreicher \u00dcbersetzer\/innen hervorgebracht, die daf\u00fcr sorgen, dass der Weg vom Niederl\u00e4ndischen ins Deutsche alles andere ist als eine Zustandsverschlechterung. Diese talentierten Federn sind noch lange nicht vergreist und haben dennoch f\u00fcr ihr Werk schon l\u00e4ngst W\u00fcrdigung verdient. Deshalb werden wir einige von ihnen in unserer n\u00e4chsten Serie <strong><em>Alumnis <\/em><em>laus <\/em><\/strong>vorstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Binsenweisheit des Tages: Wir werden alle nicht j\u00fcnger. Das gilt auch f\u00fcr Belgien. 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