{"id":12857,"date":"2016-07-02T10:15:34","date_gmt":"2016-07-02T08:15:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=12857"},"modified":"2017-01-08T13:24:49","modified_gmt":"2017-01-08T12:24:49","slug":"friesisch-ohne-schriftsprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/07\/02\/friesisch-ohne-schriftsprache\/","title":{"rendered":"Friesisch ohne Schriftsprache?"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 172px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/twitter.com\/praatmarfrysk\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pbs.twimg.com\/profile_images\/1694825480\/logoPMFweb_400x400.jpg\" width=\"162\" height=\"162\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Logo des Twitter-Accounts @PraatmarFrysk<\/p><\/div>\n<p>In einem <a href=\"https:\/\/www.lc.nl\/friesland\/Tijd-voor-een-nieuw-Fries-taalbeleid-21435220.html\" target=\"_blank\">Beitrag f\u00fcr die Leeuwarder Courant<\/a> pl\u00e4diert Hans Van de Velde, Soziolinguist und Mitarbeiter der <a href=\"https:\/\/www.fryske-akademy.nl\/\" target=\"_blank\">Fryske Akademy<\/a>, f\u00fcr eine Neuorientierung der friesischen Sprachpolitik. Nicht das geschriebene Friesisch, sondern die gesprochene Sprache sollte dabei seiner Meinung nach im Mittelpunkt stehen.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt sind die weit verbreiteten Sorgen um die Zukunft des Friesischen. Das Westfriesische ist der Zweig des Friesischen, der in der niederl\u00e4ndischen Provinz Frysl\u00e2n (Friesland) von ca. 500.000 Menschen gesprochen wird. Es hat dort den Status einer zweiten Amtssprache (neben dem Niederl\u00e4ndischen), steht aber &#8212; wie fast alle Minderheitensprachen &#8212; unter st\u00e4ndigem Druck.<\/p>\n<p>Van de Velde meint nun, dass man darauf am besten reagieren kann, indem man die Verwendung des gesprochenen Friesisch f\u00f6rdert. Nur ca. 15% der Friesischsprachigen kann Friesisch auch lesen und schreiben, und Van de Velde ist der Auffassung, dass es &#8222;een verloren zaak&#8220; ist (also aussichtslos), das \u00e4ndern zu wollen. Wenn das Friesische eine Zukunft hat, dann als gesprochene Sprache.<\/p>\n<p>Das ist eine interessante \u00dcberlegung, denn in den mir bekannten Untersuchungen zum Status bedrohter Sprachen wird immer betont, dass es f\u00fcr das \u00dcberleben einer Sprache von zentraler Wichtigkeit ist, dass sie auch geschrieben und kodifiziert wird, d.h. dass (schriftsprachliche) Normen entwickelt werden, die in W\u00f6rterb\u00fcchern und Grammatiken festgelegt sind. Die geschriebene Sprache wird auch \u00fcber die Literatur und die Presse verbreitet, und das Ma\u00df, in dem das geschieht, ist nach allgemeiner Auffassung, ein wichtiger Indikator f\u00fcr die Vitalit\u00e4t und die \u00dcberlebenschancen einer Sprache.<\/p>\n<p>Nach Van de Velde ist das dagegen von untergeordneter Bedeutung. Viel wichtiger ist es, dass die Sprache in &#8217;n\u00e4hesprachlichen&#8216; Kontexten verwendet wird, dass Eltern Ihre Kinder mit und in der Sprache aufwachsen lassen, dass Kinder die Sprache untereinander verwenden und dass die Sprache beispielsweise in WhatsApp-Nachrichten verwendet wird (wo die &#8218;richtige&#8216; Schreibung weniger wichtig ist). Es geht darum, dass Menschen sich in der Sprache zuhause f\u00fchlen, ohne zu sehr von oft k\u00fcnstlichen schriftsprachlichen Normen und puristischen Bem\u00fchungen eingeengt zu werden.<\/p>\n<p>Vergesst die normierte Schriftsprache, ruft Van de Velde den besorgten Friesen zu. Daf\u00fcr habt ihr das Niederl\u00e4ndische (und &#8212; kann man erg\u00e4nzen &#8212; das Englische). Sorgt daf\u00fcr, dass das Friesische zuhause und auf der Stra\u00dfe gesprochen wird, indem ihr es selber tut. Das ist der beste Garant f\u00fcr das \u00dcberleben des Friesischen. &#8218;Das Prestige einer Sprache war in den vergangenen 500 Jahren stark an die Schriftsprache gekoppelt&#8216;, schreibt Van de Velde, &#8218;aber die Zeiten \u00e4ndern sich schnell&#8216;.<\/p>\n<p>Ich bin an diesem Punkt eher skeptisch und bezweifle, dass die Verbindung von Status und Prestige mit der geschriebenen Standardsprachen schon der Vergangenheit angeh\u00f6rt. Und ich frage mich daher, ob Van de Velde dem Friesischen mit seinem Pl\u00e4doyer nicht einen B\u00e4rendienst erweist. Eine solche sprachpolitische Neuausrichtung kollidiert n\u00e4mlich mit weit verbreiteten und tief verankerten sprachideologischen \u00dcberzeugungen. Die meisten Menschen halten nur normierte Standardsprachen f\u00fcr &#8218;echte&#8216; Sprachen. Nur wenn eine Sprache auch geschrieben wird, gilt sie als eine vollwertige Sprache, deren Schutz sich lohnt. Und so kommt man auch in Diskussionen \u00fcber das Friesische immer sehr schnell an den Punkt, wo jemand (oft mit einem gewissen Stolz) darauf hinweist, dass das Friesische kein Dialekt ist, sondern eine &#8218;echte Sprache&#8216; mit einer langen schriftsprachlichen Tradition.<\/p>\n<p>Wenn das nicht der Fall ist, wenn es &#8217;nur&#8216; um eine gesprochene Sprache geht, dann &#8212; so die weit verbreitete Einstellung &#8212; geht es bestenfalls um einen nettes Relikt, das zu bewahren sich aber kaum lohnt. Die Konsequenz dieser sprachideologischen Auffassungen kann man in der Aufgabe der Dialekte zugunsten der Standardsprache beobachten. &#8218;Language suicide&#8216; nennen wir das: die eigene Sprache wird freiwillig zugunsten einer vermeintlich &#8218;besseren&#8216; aufgegeben, die mehr Funktionen erf\u00fcllt, die normiert ist und in der Schule unterrichtet wird (als Schriftsprache), eine &#8218;echte Sprache&#8216; eben.<\/p>\n<p>Van de Velde weist auf die Tatsache hin, dass die allermeisten der weltweit ca. 7000 Sprachen nur gesprochen und nicht geschrieben werden. F\u00fcr ihn ein Beweis, dass eine Sprache auch ohne Schriftsprache \u00fcberleben kann. Dabei verschweigt er allerdings die d\u00fcstere Prognose, dass wohl mindestens die H\u00e4lfte dieser 7000 Sprachen das Ende des Jahrhunderts nicht erleben werden (Pessimisten sprechen gar von bis zu 90%; vgl. hierzu beispielsweise das <a href=\"https:\/\/www.uni-koeln.de\/gbs\/\" target=\"_blank\">&#8218;Mission Statement&#8216; der <em>Gesellschaft f\u00fcr bedrohte Sprachen<\/em><\/a>).<\/p>\n<p>Van de Veldes Vorsto\u00df verlangt ein breites Umdenken, eine andere Sicht auf (den Wert von) Sprache(n) und sprachlicher Variation. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist das sehr gut vertretbar und l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, aber im gesellschaftlichen Diskurs k\u00f6nnte es sich als Bumerang f\u00fcr den Status und die Zukunft des Friesischen erweisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Beitrag f\u00fcr die Leeuwarder Courant pl\u00e4diert Hans Van de Velde, Soziolinguist und Mitarbeiter der Fryske Akademy, f\u00fcr eine Neuorientierung der friesischen Sprachpolitik. Nicht das geschriebene Friesisch, sondern die gesprochene Sprache sollte dabei seiner Meinung nach im Mittelpunkt stehen. Ausgangspunkt sind die weit verbreiteten Sorgen um die Zukunft des Friesischen. 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