{"id":13467,"date":"2016-09-30T12:09:49","date_gmt":"2016-09-30T10:09:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13467"},"modified":"2017-01-08T13:18:56","modified_gmt":"2017-01-08T12:18:56","slug":"populismus-ist-populismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/09\/30\/populismus-ist-populismus\/","title":{"rendered":"Populismus ist Populismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Brexit means Brexit. <\/em>Der Satz k\u00f6nnte in seiner R\u00e4tselhaftigkeit von Queen Elizabeth stammen, die von Berufs wegen nicht konkret werden darf. Tats\u00e4chlich aber \u00e4u\u00dfert den Satz am liebsten Premierministerin May. Wobei man ihr nicht vorwerfen darf, sie sei nicht um sch\u00e4rfere <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/politics\/2016\/sep\/05\/so-brexit-means-brexit-means-brexit-is-that-it\" target=\"_blank\">Begriffskl\u00e4rung <\/a>bem\u00fcht, denn:<\/p>\n<blockquote><p>The reason I\u2019ve been saying &#8218;Brexit means Brexit&#8216; is precisely because it means it does.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man den Satz in logische Einheiten auffaltet, bekommt man folgende Formel: <em>Brexit<\/em> hei\u00dft <em>Brexit<\/em>, und \u201e<em>Brexit hei\u00dft Brexit<\/em>\u201c bedeutet \u201e<em>Brexit hei\u00dft Brexit<\/em>\u201c. Damit ist Theresa May vermutlich die Meisterin der Tautologien der Form <em>X is X<\/em>, die vor einiger Zeit Jan Renkema auf <a href=\"https:\/\/www.neerlandistiek.nl\/2016\/01\/taal-is-taal-de-interactieve-basta-functie-van-een-schijnbare-tautologie\/\" target=\"_blank\"><em>Neerlandistiek <\/em><\/a>beschrieben hat.<\/p>\n<p>Die eigentliche Bedeutung von <em>Brexit means Brexit <\/em>muss man nicht gro\u00df erkl\u00e4ren. Sie l\u00e4sst sich zusammenfassen mit <em>Ich wei\u00df doch auch nicht, was es hei\u00dft! <\/em>Oder, mit anderen Worten: Die Aussage <em>Brexit means Brexit <\/em>ist logisch gesehen absolut und unwiderlegbar wahr. Man kann May also keinen Vorwurf machen, die \u00d6ffentlichkeit t\u00e4uschen zu wollen. Zugleich trifft sie keinerlei Aussage dar\u00fcber, ob <em>Brexit <\/em>irgendeinen anderen Bedeutungsgehalt hat als (a) das Wort hat die Form <em>Brexit <\/em>und (b) <em>Gro\u00dfbritannien wird aus der EU austreten<\/em>.<\/p>\n<p>Unwiderlegbare Aussagen sind in der politischen Kommunikation oft sehr willkommen. Sie k\u00f6nnen verschleiern, dass wenig Inhalt da ist, wie im Fall May. Sie k\u00f6nnen politische Zumutungen b\u00fcrokratisch \u00fcbert\u00fcnchen. Oder, besonders h\u00e4ufig: Sie bilden die Basis f\u00fcr populistische Parolen. Populismus lebt von unwiderlegbaren \u00c4u\u00dferungen. Alle stimmen ihnen zu \u2013 aber sie funktionieren nur solange, bis man weitere Fragen nach ihrem Inhalt stellt.<\/p>\n<p>F\u00fcr gleich zwei solcher \u00c4u\u00dferungen sorgt in den Niederlanden die PVV. Auf Twitter ist der Spruch <em>genoeg is genoeg <\/em>ziemlich fest verbunden mit rechtspopulistischen Forderungen und \u00c4u\u00dferungen, vor allem von PVV-Mitgliedern und -Unterst\u00fctzern. Man w\u00fcsste gerne, <em>wovon <\/em>diese Menschen genug haben. Die PVV und ihre Anh\u00e4nger sind sich darin ganz implizit einig: von Einwanderung und \u201eIslamisierung\u201c, von Fl\u00fcchtlingen, letztendlich generell von Ver\u00e4nderung und Andersartigkeit. Sagen muss das niemand, denn <em>genoeg is genoeg<\/em> bedeutet auch: Wir alle wissen, wovon wir sprechen, f\u00fcr uns ist die Tautologie transparent. Dahinter verbirgt sich eine wohlbekannte Strategie von Populisten und Extremisten, n\u00e4mlich die Anspielung. Die Anh\u00e4ngerschaft versteht sofort, was gemeint ist. Wer aber die Aussagen kritisiert, bekommt als Antwort: Es ist doch sachlich v\u00f6llig richtig, was wir gesagt haben und wir haben nicht mehr behauptet als <em>X ist X<\/em>. Wer k\u00f6nnte dem widersprechen? Anders ist das zweite Beispiel der PVV:<\/p>\n<blockquote><p>Laat Nederland weer Nederland worden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Kern davon ist <em>Nederland is niet meer Nederland,<\/em> also im Prinzip <em>X is niet X<\/em>. Das ist eine erstaunliche Wendung, denn sie ist das Gegenteil einer Tautologie: <em>Nederland \u2260 Nederland<\/em>. Auch hier wissen Eingeweihte sofort, warum die Niederlande nicht (mehr) die Niederlande sind: wegen Ver\u00e4nderung, \u201eIslamisierung\u201c etc., siehe oben. Ob diese Aussage wahr sein kann, h\u00e4ngt wiederum davon ab, was die Bedeutung von <em>Nederland<\/em> ist. Mit Leichtigkeit k\u00f6nnte man sagen, dass die Aussage Unsinn ist. Ungef\u00e4hr seit der Schaffung von Flevoland haben die Niederlande dieselben Grenzen, es gibt eine monarchische wie demokratische Kontinuit\u00e4t, und es gibt ein Volk, das sich aus niederl\u00e4ndischen Staatsb\u00fcrgern zusammensetzt. Zudem impliziert die Formulierung <em>is niet meer <\/em>automatisch, dass das Konzept <em>Nederland <\/em>ver\u00e4nderlich sein muss. Also genau das, was Rechtspopulisten nicht wollen, schlie\u00dflich geht es ihnen um weitgehende Unver\u00e4nderlichkeit. Solche Widerspr\u00fcche aufzul\u00f6sen umgeht die Formel <em>Nederland moet weer Nederland worden <\/em>v\u00f6llig. Eine Ausweichstrategie, die seri\u00f6se Argumentation verhindert.<\/p>\n<div style=\"width: 263px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Flevoland\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/7\/77\/Nl-HaNA_2.24.01.05_933-5310_officieel_ontstaan_provincie_Flevoland.jpg\/640px-Nl-HaNA_2.24.01.05_933-5310_officieel_ontstaan_provincie_Flevoland.jpg\" width=\"253\" height=\"167\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">&#8222;Nederland is meer Nederland geworden.&#8220; K\u00f6nigin Beatrix 1986 bei der Einrichtung der neuen Provinz Flevoland. (R. Croes \/ Nationaal Archief)<\/p><\/div>\n<p>In Deutschland ist uns das aus der politischen Kommunikation der vergangenen Wochen ganz und gar nicht fremd. Fast wortgleich mit der PVV lehrt uns die CSU:<\/p>\n<blockquote><p>Deutschland muss Deutschland bleiben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum Gl\u00fcck verspricht die Bundeskanzlerin:<\/p>\n<blockquote><p>Deutschland <strong>wird <\/strong>Deutschland bleiben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Sie mag in letzter Zeit ein H\u00e4ndchen f\u00fcr <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/08\/07\/wij-krijgen-dat-voor-elkaar\/\" target=\"_blank\">politische Slogans<\/a> bewiesen haben, aber hier greift sie daneben. Sie macht sich Argumentationsart und Pr\u00e4missen der Populisten zu eigen, in diesem Fall jene der Regierungspopulisten aus dem Land mit dem inoffiziellen Motto <em>Mir san mir<\/em>. Mit ihrer Antwort greift Merkel ein Prinzip nicht nur der neuen Rechten auf, sondern auch des alten Nationalismus. Bei unseren anderen westlichen Nachbarn, dem <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/08\/27\/bene-ohne-lux\/\" target=\"_blank\">kleinen Gro\u00dfherzogtum<\/a>, kennt man als Wahlspruch der Nation:<\/p>\n<blockquote><p>Mir w\u00eblle bleiwe wat mir sinn. (\u201eWir wollen bleiben was wir sind.\u201c)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer sind wir denn? Was wollen wir bleiben? Impliziter Konsens ohne konkreten Gehalt. Das liegt vor allem an den Kopulaverben, von denen solche Formeln leben. Sie sind semantisch sehr schwach und deuten nur eine \u00dcbereinstimmung zwischen zwei Elementen an (eine die <em>ist<\/em>, die <em>wird <\/em>bzw. <em>werden muss<\/em>, oder die <em>bleibt<\/em>.) Das ist vermutlich der Grund, warum Populismus und Nationalismus, aber auch b\u00fcrokratischer Sprachgebrauch so von Kopulaverben und Aussagen der Form <em>X ist X<\/em> profitieren: Semantisch schwache Aussagen brauchen semantisch schwache Verben. Die nominalen Konstituenten rundherum f\u00fcllen sich ganz zuverl\u00e4ssig von selbst, jedenfalls im Geiste der Gleichgesinnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Brexit means Brexit. Der Satz k\u00f6nnte in seiner R\u00e4tselhaftigkeit von Queen Elizabeth stammen, die von Berufs wegen nicht konkret werden darf. Tats\u00e4chlich aber \u00e4u\u00dfert den Satz am liebsten Premierministerin May. Wobei man ihr nicht vorwerfen darf, sie sei nicht um sch\u00e4rfere Begriffskl\u00e4rung bem\u00fcht, denn: The reason I\u2019ve been saying &#8218;Brexit means Brexit&#8216; is precisely because [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23484,720,3099],"tags":[44141,116],"class_list":["post-13467","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-idiom","category-niederlande","category-sprachvergleich","tag-beitraege-auf-deutsch","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13467","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13467"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13467\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13481,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13467\/revisions\/13481"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13467"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13467"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13467"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}