{"id":13482,"date":"2016-09-23T11:01:17","date_gmt":"2016-09-23T09:01:17","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13482"},"modified":"2016-09-23T00:24:56","modified_gmt":"2016-09-22T22:24:56","slug":"der-traum-von-der-neuerscheinung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/09\/23\/der-traum-von-der-neuerscheinung\/","title":{"rendered":"Der Traum von der Neuerscheinung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn belgische intellektuelle Prominenz zu Besuch kommt, dann geht man selbstverst\u00e4ndlich hin. Erst recht wenn der B\u00f6rsenverein des Buchhandels einl\u00e4dt, um die Kulturelite der Hauptstadt (oder alle, die sich daf\u00fcr halten) auf die Frankfurter Buchmesse einzustimmen. So geschehen vorgestern in der Repr\u00e4sentanz des B\u00f6rsenvereins in Berlin.<\/p>\n<p>Einer der Gastredner merkte an, der Gastlandauftritt habe in den Niederlanden f\u00fcr derart viel Aufmerksamkeit gesorgt, dass die dortige Presse das deutsche Wort <em>Neuerscheinung <\/em>schon als Lehnwort \u00fcbernommen habe. An sich ist das eine durchaus realistische Vorstellung. Ein exaktes \u00c4quivalent kennt das Niederl\u00e4ndische nicht, man muss also zu Umschreibungen greifen, wie beispielsweise im Van Dale: <em>pas verschenen boek<\/em>. Nat\u00fcrlich gibt es durchaus Nominalisierungen von <em>verschijnen<\/em>. Aber ein <em>verschijnsel <\/em>ist nur ein <em>Ph\u00e4nomen<\/em>, ein <em>Anzeichen<\/em>, und eine <em>verschijning <\/em>ist die <em>\u00e4u\u00dfere Erscheinung<\/em>, die <em>Gestalt <\/em>oder aber eine <em>Vision<\/em>. Keine der beiden Formen steht f\u00fcr <em>Erscheinung <\/em>im Sinne von <em>Publikation<\/em> oder <em>Ver\u00f6ffentlichung<\/em>. Ein neues Buch, eine Neuerscheinung, ist also kein *<em>nieuw verschijnsel <\/em>\u2013 da greift man doch gerne ganz bequem zu <em>een neuerscheinung<\/em>. Aber tut man das wirklich? Weder die Websites der gro\u00dfen niederl\u00e4ndischen Zeitungen noch eine Google-Suche nach <em>Neuerscheinung <\/em>auf niederl\u00e4ndischsprachigen Seiten liefern Ergebnisse. Hier war wohl der Wunsch Vater des Gedankens. Aber vielleicht entfaltet die Buchmesse ja noch ihre Wirkung, so dass das Wort <em>Neuerscheinung <\/em>irgendwann doch noch im niederl\u00e4ndischen Wortschatz <em>verschijnt.<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_13485\" style=\"width: 375px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/09\/VanReybrouck.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13485\" class=\"wp-image-13485\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/09\/VanReybrouck.jpg\" alt=\"VanReybrouck\" width=\"365\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/09\/VanReybrouck.jpg 896w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/09\/VanReybrouck-300x169.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2016\/09\/VanReybrouck-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13485\" class=\"wp-caption-text\">David Van Reybrouck im Gespr\u00e4ch mit Thomas B\u00f6hm. (Foto: PK)<\/p><\/div>\n<p>Wer aber sehr wohl erschien, n\u00e4mlich zu der Soir\u00e9e des B\u00f6rsenvereins, das war David Van Reybrouck. Die Schauspielerin Claudia Michelsen las Ausz\u00fcge aus seinem Buch <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/07\/05\/was-wir-teilen-wat-wij-delen\/\" target=\"_blank\"><em>Kongo. Eine Geschichte <\/em><\/a>und au\u00dferdem aus Hella Haasses Roman <em>Das indonesische Geheimnis<\/em>, der im Buchmessejahr auf Deutsch erschienen ist (mit einem etwas mager \u00fcbersetzten Titel, im Original: <em>Sleuteloog<\/em>, 2002). In einer Podiumsdiskussion gew\u00e4hrte Van Reybrouck Einblicke in die Entstehung seines Monumentalwerks und rief zu einer neuen Auseinandersetzung Europas mit der gemeinsamen Kolonialgeschichte auf. Die Forderung: Anstelle nationaler Geschichtsschreibung m\u00fcsse Europa endlich zu einer <em>comparative Vergangenheitsbew\u00e4ltigung <\/em>finden. <em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das Schlagwort verr\u00e4t schon, dass das Gespr\u00e4ch zwischen Van Reybrouck und dem Schriftsteller und Moderator Thomas B\u00f6hm auch in sprachlicher Hinsicht faszinierend war. B\u00f6hm fragte auf Deutsch, Van Reybrouck antwortete auf Englisch mit gelegentlichen deutschen Einsprengseln wie etwa <em>Vergangenheitsbew\u00e4ltigung <\/em>(aber nicht: <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/08\/28\/deutsland-vuer-nederlaenders-3\/\" target=\"_blank\"><em>Aufarbeitung<\/em><\/a>). Die Sprachkombination kann einen nachdenklich machen: Semikommunikation auf Deutsch und Niederl\u00e4ndisch war offenbar unrealistisch. Das Berliner Publikum h\u00e4tte dabei wohl nur einzelne Brocken erraten k\u00f6nnen. Stattdessen w\u00e4hlten die Veranstalter ein Konstrukt, f\u00fcr das es m\u00f6glicherweise noch gar keinen passenden Begriff gibt. Das Konzept <em>Semikommunikation<\/em> oder <em>rezeptive Mehrsprachigkeit <\/em>geht immer davon aus, dass die Beteiligten ihre jeweilige Muttersprache sprechen, und das Gegen\u00fcber diese versteht. Was aber, wenn nur ein Beteiligter die andere Muttersprache versteht, f\u00fcr seine Redeanteile aber zu einer gemeinsamen Fremdsprache (hier: Englisch) greift? Und wenn dies geschieht, weil an der Semikommunikation nicht nur zwei Sprechende beteiligt sind, sondern auch noch ein Publikum, dessen rezeptiven Sprachkenntnisse zu ber\u00fccksichtigen sind? Wie immer sind die Realit\u00e4ten komplexer als unsere Beschreibungsmodelle es gerne h\u00e4tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn belgische intellektuelle Prominenz zu Besuch kommt, dann geht man selbstverst\u00e4ndlich hin. 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