{"id":13830,"date":"2016-11-10T18:22:36","date_gmt":"2016-11-10T17:22:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13830"},"modified":"2016-11-10T17:08:48","modified_gmt":"2016-11-10T16:08:48","slug":"pieter-bastiaan-und-der-schmetterling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/11\/10\/pieter-bastiaan-und-der-schmetterling\/","title":{"rendered":"Pieter, Bastiaan und der Schmetterling"},"content":{"rendered":"<p>\u201eBring sch\u00f6ne Blog-Ideen mit!\u201c riefen mir meine Kollegen hinterher, als ich vor Kurzem zu einer Konferenz aufbrach. Um mich wieder mit Neuigkeiten in der Forschung zu Kreolsprachen zu versorgen und meine Ideen \u00fcber Plurizentrik und die ABC-Inseln mit der Fachcommunity in der Kreolistik zu diskutieren, war ich beim <em>Colloque International d\u2019\u00c9tudes Cr\u00e9oles <\/em>auf Guadeloupe. Nicht der schlechteste Ort, um im November eine Woche aus dem Berliner Grau zu entkommen, nur: Was hat Guadeloupe mit Niederl\u00e4ndisch zu tun?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren die Niederl\u00e4nder zu Kolonialzeiten \u00fcberall unterwegs und der eine oder andere Missionar oder Sklavenh\u00e4ndler kam auch hier vorbei (mehr dazu gibt es z.B. in der <a href=\"https:\/\/papyrus.bib.umontreal.ca\/xmlui\/bitstream\/handle\/1866\/9996\/Pruneau_Carl_2013_memoire.pdf?sequence=6\" target=\"_blank\">Masterarbeit von Carl Pruneau<\/a> aus Montr\u00e9al). Sprachliche Hinterlassenschaften schien es aber keine zu geben, im Unterschied zum kurzen britischen Interregnum. Das sorgt mit ein paar Ortsnamen wie Baimbridge oder Birmingham bis heute f\u00fcr \u00dcberraschungen auf den Stra\u00dfenschildern. Das Niederl\u00e4ndische ist besser getarnt.<\/p>\n<div style=\"width: 269px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Guadeloupe_16.1890N_6.5901W_Landsat7.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/67\/Guadeloupe_16.1890N_6.5901W_Landsat7.jpg\/922px-Guadeloupe_16.1890N_6.5901W_Landsat7.jpg\" width=\"259\" height=\"216\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Der Schmetterling, aus dem All gesehen. (PD, NASA)<\/p><\/div>\n<p>Beil\u00e4ufig fragte ich eine Kollegin auf der Konferenz, was eigentlich ein <em>pitre<\/em> sein sollte. Die gr\u00f6\u00dfte Stadt der Insel (nicht aber die Hauptstadt) hei\u00dft n\u00e4mlich <em>Pointe-\u00e0-Pitre<\/em>. Was f\u00fcr eine Spitze (<em>pointe<\/em>) gab der Stadt ihren Namen? Die Antwort: Es habe da einen niederl\u00e4ndischen Juden gegeben, der aus Brasilien nach Guadeloupe gekommen sei. Was er da tat, ist genauso unklar wie seine genauen Lebensdaten. Dieser <em>Pieter <\/em>jedenfalls habe einem Fleckchen Land seinen Namen gegeben, genau an der Nahtstelle der beiden Inseln, die heute Guadeloupe bilden. Mitten im Herz des Schmetterlings, als den man Guadeloupe auf der Karte erkennen kann, und damit g\u00fcnstig gelegen als gesch\u00fctzter Hafen und zentraler Knotenpunkt der Kolonie. Weil das Franz\u00f6sische so gerne Metathesen mag, soll daraus <em>Pitre <\/em>geworden sein \u2013 Pietersspitze also.<\/p>\n<p>Das Problem an der Sache, wie so oft mit Toponymen: Es gibt keinerlei Nachweise f\u00fcr die Geschichte und daneben existieren <a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Pointe-%C3%A0-Pitre#Toponymie\" target=\"_blank\">einige andere m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen<\/a>, die weitaus weniger farbenfroh sind. Die Legende vom Zuckerrohrbauer oder Fischer namens Pieter klingt sch\u00f6n, ist aber wom\u00f6glich frei erfunden.<\/p>\n<p>Schade, dachte ich. Und war umso erstaunter, als ich einen relativ aktuellen <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Antilleninsel-Guadeloupe\/!5324122\/\" target=\"_blank\">Artikel in der taz<\/a> \u00fcber Guadeloupe las. Zur Sklavereigeschichte (die im neuen <a href=\"https:\/\/memorial-acte.fr\/\" target=\"_blank\">M\u00e9morial ACTe<\/a> seit 2015 eindrucksvoll dokumentiert wird) hei\u00dft es in dem Artikel: \u201eBrutal wie die Z\u00fcchtigungsinstrumente, die Peitschen, St\u00f6cke und Ketten der <em>Bastiaans<\/em>, der schwarzen Aufseher, die sich in den Dienst der Sklavenh\u00e4ndler stellten.\u201c<\/p>\n<p>In Suriname ist der Begriff <em>Bastiaan <\/em>historisch gel\u00e4ufig, und er hat eine <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/bastiaan\" target=\"_blank\">interessante Etymologie<\/a>, n\u00e4mlich vom englischen <em>overseer <\/em>\u00fcber Sranan als <em>basya <\/em>schlie\u00dflich reanalysiert als niederl\u00e4ndischer Eigenname Bastiaan. Bestimmt kein besonders sch\u00f6nes Lehnwort, aber eine Spur! Blo\u00df eine, die vor Ort offenbar niemand kannte. Der Begriff schien auf der Insel niemandem gel\u00e4ufig zu sein und er ist auch im Zusammenhang mit Sklavereigeschichte im frankophonen Internet nicht aufzufinden. Also offenbar nur ein Transfer im Rahmen umfangreicher transkolonialer Bildung der taz-Autorin.<\/p>\n<p>Fazit: Das Niederl\u00e4ndische findet man auf Guadeloupe h\u00f6chstens vom H\u00f6rensagen. Und darauf kann es schon sehr stolz sein, denn das Deutsche scheint mit noch viel niedrigeren Bekanntheitsgraden zu k\u00e4mpfen. Ein junger Mann fragte mich, welche Sprache man in Deutschland spreche. Meine Antwort, man spr\u00e4che dort Deutsch, \u00fcberraschte ihn sehr: \u201eIch dachte, da spricht man Englisch. Ist das nicht dasselbe?\u201c Vielleicht h\u00e4tte ich einfach sagen sollen, dass wir einen ostniederl\u00e4ndischen Dialekt sprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eBring sch\u00f6ne Blog-Ideen mit!\u201c riefen mir meine Kollegen hinterher, als ich vor Kurzem zu einer Konferenz aufbrach. Um mich wieder mit Neuigkeiten in der Forschung zu Kreolsprachen zu versorgen und meine Ideen \u00fcber Plurizentrik und die ABC-Inseln mit der Fachcommunity in der Kreolistik zu diskutieren, war ich beim Colloque International d\u2019\u00c9tudes Cr\u00e9oles auf Guadeloupe. 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