{"id":13843,"date":"2016-11-18T18:00:48","date_gmt":"2016-11-18T17:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13843"},"modified":"2016-11-16T18:39:45","modified_gmt":"2016-11-16T17:39:45","slug":"zweimal-zwitschern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/11\/18\/zweimal-zwitschern\/","title":{"rendered":"Zweimal zwitschern"},"content":{"rendered":"<p>Das Internet ist eine W\u00f6rtermaschine. St\u00e4ndig liefert es uns neue W\u00f6rter und f\u00fcttert damit unerm\u00fcdlich unseren Wortschatz, der das Angebot an Neusch\u00f6pfungen und Entlehnungen teils dankbar verdaut, teils auch relativ schnell wieder ausspuckt. Vieles von dem neuen Wortfutter besteht aus Verben. All die neuen Aktivit\u00e4ten und Funktionen wollen schlie\u00dflich beschrieben werden: <em>posten<\/em>, <em>liken<\/em>, <em>messagen <\/em>\u2013 schon l\u00e4ngst etabliert, auf Deutsch wie auf Niederl\u00e4ndisch.<\/p>\n<p>Zu den neuen Verben im Deutschen geh\u00f6ren <em>twittern <\/em>und <em>tweeten<\/em>. Unser Kollege Anatol Stefanowisch aus der Anglistik <a href=\"https:\/\/www.fu-berlin.de\/presse\/publikationen\/fundiert\/2016_01\/07-sprachwandel\/index.html#content\" target=\"_blank\">beobachtet<\/a>, dass diese beiden Verben sich in der Bedeutung unterscheiden: <em>Twittern<\/em> ist die allgemeine Nutzung von Twitter, also die langfristige Aktivit\u00e4t oder Gewohnheit. <em>Tweeten <\/em>bezeichnet die einzelne T\u00e4tigkeit, einen Beitrag auf Twitter zu ver\u00f6ffentlichen. Ob sich das anhand von Korpusdaten nachweisen l\u00e4sst, m\u00fcsste man genauer untersuchen \u2013 das \u00fcberlassen wir den Kollegen.<\/p>\n<div style=\"width: 312px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Eurasian_Tree_Sparrow.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/b5\/Eurasian_Tree_Sparrow.jpg\/640px-Eurasian_Tree_Sparrow.jpg\" width=\"302\" height=\"201\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Tweet! (Yiwenyiwen, CC-BY-SA 4.0)<\/p><\/div>\n<p>Uns interessiert nat\u00fcrlich, ob es im Niederl\u00e4ndischen genauso ist. Der Van Dale ist topaktuell und kennt beide Verben. Das Wort <em>tweeten<\/em> wurde 2009 hinzugef\u00fcgt, ganz regelm\u00e4\u00dfig mit dem Pr\u00e4teritum <em>tweette <\/em>und dem Partizip <em>getweet<\/em>, so wie <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/27\/frederic-chopin-computert\/\" target=\"_blank\">alle anderen entlehnten Verben<\/a>, die sich brav an die <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/03\/12\/schepen-schapen-en-muziek\/\" target=\"_blank\">Regel von Chopin<\/a> halten. Ein wunderbares Beispiel f\u00fcr den Kontrast zum Deutschen, wp beide Formen eine zus\u00e4tzliche Silbe brauchen: <em>Er tweetete <\/em>und <em>Sie hat getweetet<\/em>. Als Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Wort gibt der Van Dale lapidar an: <em>twitteren<\/em>. Das \u201ee\u201c gibt\u2019s auf Niederl\u00e4ndisch gratis dazu.<\/p>\n<p>Dieses (angebliche?) Synonym ist schon zwei Jahre fr\u00fcher in das W\u00f6rterbuch aufgenommen worden und bietet eine etwas umfangreichere Erkl\u00e4rung: \u201ekor\u00adte blog\u00adbe\u00adrich\u00adten ver\u00adsprei\u00adden via de microblogsite Twit\u00adter\u201c. Die gro\u00dfe Frage bleibt: Hat denn die Redaktion vom Van Dale tats\u00e4chlich Recht mit der Behauptung, die beiden Verben h\u00e4tten eine exakt identische Bedeutung?<br \/>\nV\u00f6llig ausgeschlossen ist das nicht. Gerade bei neuen Konzepten kann es vorkommen, dass zun\u00e4chst verschiedene Bezeichnungen f\u00fcr dasselbe Denotat aufkommen, von denen sich mit der Zeit die beliebtere durchsetzt. Die beste Quelle um herauszufinden, wie sich <em>tweeten <\/em>und <em>twitteren\u00a0<\/em>zueinander verhalten ist nat\u00fcrlich: Twitter.<\/p>\n<p>Gezielt gesucht nach nur niederl\u00e4ndischsprachigen Beitr\u00e4gen findet man im Zeitraum vom 1. bis zum 10. November folgende Verteilung<\/p>\n<p><em>twitteren\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>37 Belege<\/p>\n<p><em>tweeten\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/em>80 Belege<\/p>\n<p>Es scheint also, dass <em>tweeten<\/em> beliebter ist als <em>twitteren<\/em>, sofern man das aus dieser kleinen Anzahl von Belegen in einem kurzen Zeitraum ableiten kann. In den Belegen f\u00fcr <em>twitteren <\/em>ist tats\u00e4chlich fast ausschlie\u00dflich die Rede von der allgemeinen T\u00e4tigkeit an sich, also der Nutzung von Twitter als Gewohnheit.<\/p>\n<p>Es gibt nur einen Beleg, bei dem nach der deutschen Bedeutungsunterscheidung <em>tweeten <\/em>zu erwarten w\u00e4re:<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"500\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"nl\" dir=\"ltr\">Je column 7x twitteren is geen narcisme. Dat is lezersservice.<\/p>\n<p>&mdash; Marianne Zwagerman \ud83d\udc9f\u262e\ufe0f (@mariannezw) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/mariannezw\/status\/796078091953119232?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 8, 2016<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p>Hier geht es exakt darum, das Abschicken eines einzelnen Tweets in einer kleinen, z\u00e4hlbaren Anzahl zu beschreiben. Man h\u00e4tte nach der deutschen Unterscheidung hier wohl eher erwartet: \u201eSeine Kolumne 7x zu tweeten ist kein Narzissmus, sondern Leserservice.\u201c<\/p>\n<p>Bei den 80 Belegen mit <em>tweeten <\/em>ist die Sache weniger eindeutig. 32 Belege entsprechen der Form <em>iets tweeten<\/em>, also mit einem Objekt. In aller Regel geht es dabei logischerweise um einen konkreten Inhalt (ein Bild, eine Neuigkeit, eine Meinung tweeten), so dass es ganz klar um einzelnen Tweet geht und nicht um das Twittern im Allgemeinen.<\/p>\n<p>14 Belege sind nicht ohne weiteres einer der beiden Bedeutungen zuzuordnen. 34 Belege wiederum st\u00fctzen die Syonym-Hypothese, also dass <em>tweeten <\/em>und <em>twitteren<\/em> beide die gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Handlung der Twitternutzung bezeichnen.<\/p>\n<p>https:\/\/twitter.com\/enzofangiirl\/status\/796032504666976257<\/p>\n<p>https:\/\/twitter.com\/Leen_Tinck\/status\/793368170526609408<\/p>\n<div style=\"width: 298px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b4\/1657_de_Heem_Prunkstilleben_mit_kopulierenden_Spatzen_anagoria.JPG\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/b4\/1657_de_Heem_Prunkstilleben_mit_kopulierenden_Spatzen_anagoria.JPG\/564px-1657_de_Heem_Prunkstilleben_mit_kopulierenden_Spatzen_anagoria.JPG\" width=\"288\" height=\"245\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Wenn das Verb &#8222;zwitschern&#8220; zweideutig wird&#8230; &#8222;Prunkstilleben mit kopulierenden Spatzen&#8220; von Cornelis de Heem aus dem 17. Jh. (PD, gemeinfrei)<\/p><\/div>\n<p>Beim ersten Beispiel ist das Twittern als Gewohnheit gemeint, daher der Verweis auf \u201erund um die Uhr\u201c. Das zweite Beispiel stammt ganz klar aus Belgien, wie sehr viele der <em>tweeten<\/em>-Belege. Bei den <em>twitteren<\/em>-Belegen fiel das nicht so sehr ins Auge. Gibt es m\u00f6glicherweise in Belgien eine Vorliebe f\u00fcr <em>tweeten<\/em>, die in den Niederlanden unbekannt ist? Dazu br\u00e4uchte es mehr Daten und eine systematischere Auswertung. Nat\u00fcrlich ist diese kleine Sammlung anekdotisch: Zu kurzer Zeitraum, zu wenige Belege, und vor allem habe ich nur nach Infinitiven gesucht. Man m\u00fcsste nat\u00fcrlich flektierte Formen hinzunehmen \u2013 zum Beispiel sind bei <em>ik twitter <\/em>und <em>ik tweet <\/em>zuf\u00e4llig beide Verben identisch mit den Substantiven <em>Twitter<\/em> und <em>ein Tweet<\/em>. Das k\u00f6nnte vielleicht Auswirkungen darauf haben, dass diese Formen in den Ohren der Sprachgemeinschaft seltsam klingen und umgangen werden.<\/p>\n<p>Zumindest tendenziell scheint sich <em>twitteren<\/em> im Niederl\u00e4ndischen wie im Deutschen auf die allgemeine T\u00e4tigkeit einzugrenzen, bei <em>tweeten <\/em>sieht die Sache auf den ersten Blick nicht so eindeutig aus. Es g\u00e4be hier also viel zu vertiefen und zu \u00fcberpr\u00fcfen, aber eins ist sicher: Wenn \u00fcberhaupt, werden wir dar\u00fcber weder <em>tweeten <\/em>noch <em>twitter(e)n<\/em>, sondern selbstverst\u00e4ndlich <em>bloggen<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist eine W\u00f6rtermaschine. St\u00e4ndig liefert es uns neue W\u00f6rter und f\u00fcttert damit unerm\u00fcdlich unseren Wortschatz, der das Angebot an Neusch\u00f6pfungen und Entlehnungen teils dankbar verdaut, teils auch relativ schnell wieder ausspuckt. Vieles von dem neuen Wortfutter besteht aus Verben. All die neuen Aktivit\u00e4ten und Funktionen wollen schlie\u00dflich beschrieben werden: posten, liken, messagen \u2013 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3099,3098,6941,6940],"tags":[44141],"class_list":["post-13843","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sprachvergleich","category-sprachwandel","category-wortbildung","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13843","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13843"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13843\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13868,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13843\/revisions\/13868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13843"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13843"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13843"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}