{"id":13980,"date":"2016-12-17T09:49:10","date_gmt":"2016-12-17T08:49:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13980"},"modified":"2016-12-15T18:30:40","modified_gmt":"2016-12-15T17:30:40","slug":"burentum-und-bauerntum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/12\/17\/burentum-und-bauerntum\/","title":{"rendered":"Burentum und Bauerntum"},"content":{"rendered":"<p>Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt momentan eine Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte. Es wurde Zeit. Dass die Ausstellung \u00fcberhaupt stattfindet, muss man anerkennen. Vieles kann man dennoch kritisieren, zum Beispiel dass die Chronologie der Ereignisse so stark aufgel\u00f6st wird, dass man irgendwann v\u00f6llig in der Zeit verschwimmt. Direkt am Anfang st\u00f6\u00dft man auf <em>das <\/em>Thema schlechthin, n\u00e4mlich den V\u00f6lkermord an den Herero und Nama. Unbestritten und v\u00f6llig angemessen als Kernst\u00fcck der Ausstellung, blo\u00df wird nicht deutlich, wie es dazu \u00fcberhaupt kommen konnte und was f\u00fcr einen Tabubruch diese Ereignisse f\u00fcr die sp\u00e4tere deutsche Geschichte bedeuten.<\/p>\n<p>Namibia nimmt zu Recht in der Ausstellung viel Raum ein. Sehr wenig erf\u00e4hrt man dagegen \u00fcber die Verbindungen des deutschen Kolonialismus zu den anderen Kolonialm\u00e4chten. Es wirkt ein wenig, als sei die Kolonialgeschichte Deutschlands ein irgendwie besonderes, in sich geschlossenes Kapitel. Dabei wird gerade am Beispiel Namibia deutlich, wie stark auch die deutschen Kolonien mit den anderen Kolonialm\u00e4chten zugleich verbunden waren und mit ihnen konkurrierten.<\/p>\n<p>Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr ist das Ausstellungskapitel zu \u201eMischehen\u201c und Familien in den Kolonien. Ehen und gemeinsame Kinder mit Partner\/inne\/n der einheimischen Bev\u00f6lkerung der Kolonien waren unerw\u00fcnscht oder sogar verboten. Dasselbe galt in Namibia aber auch f\u00fcr Verbindungen mit Frauen oder M\u00e4nnern, die den anderen Kolonialm\u00e4chten zugerechnet wurden. Dokumente der deutschen Kolonialverwaltung zeigen, wie man verhindern wollte, dass das <em>Burentum<\/em> sich in Namibia weiter ausbreitet. Dazu wurden ganz einfach alle gerechnet, die <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/11\/04\/plesier\/\" target=\"_blank\">Afrikaans sprachen<\/a> (bzw. in der damaligen Bezeichnung meist noch <em>Kapholl\u00e4ndisch<\/em>). Dasselbe galt f\u00fcr Briten. Das Ziel war, in Namibia das <em>Deutschtum<\/em> zu st\u00e4rken \u2013 und nicht zuletzt das <em>deutsche Bauerntum<\/em>. In den Quellen, vor allem in der Kolonialpropaganda, wimmelt es nur so vor Wortbildungen auf <em>\u2013tum<\/em>. <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/06\/01\/niederlaenderschaft-vs-deutschtum\/\" target=\"_blank\">\u00c4hnlich wie bei <em>der \u2013schaft<\/em><\/a> geht es um eine Essenz: Was deutsch ist, soll deutsch bleiben, und zwar ausschlie\u00dflich deutsch. Nichts ist in dieser Hinsicht deutlicher als die Verkn\u00fcpfung von Abstammung (Mischehen) mit Sprachgemeinschaften.<\/p>\n<p>Dabei ist gerade die Begriffspaarung aus <em>Burentum <\/em>und <em>Bauerntum <\/em>besonders ironisch. Das eine ist etymologisch gesehen eine w\u00f6rtliche Entsprechung des anderen. Trotzdem konnte sich das Deutsche an dieser Stelle nicht dieses \u201efremden Elements\u201c im Wortschatz erwehren, denn die Bedeutung und vor allem die Konnotationen sind v\u00f6llig unterschiedlich.<\/p>\n<p>Die <em>Buren <\/em>haben sich von ihrer urspr\u00fcnglichen Bedeutung als Landwirte oder Farmer wegentwickelt und haben inzwischen auch eine ethnische Komponente, die zugleich mit ihrer Sprache verbunden ist. Dagegen sind die <em>Bauern <\/em>nichts anderes als Agrarwirte, die aber Vertreter des <em>Bauerntums <\/em>sind (Konnotationen: Tugend, Flei\u00df, Produktivit\u00e4t) und einen kolonialpolitischen Auftrag erf\u00fcllen. In der deutschen Kolonialpropaganda ist <em>Burentum <\/em>demgegen\u00fcber ein eindeutig negativ belegter Begriff. Ein Bedrohungsszenario, nicht zuletzt auch f\u00fcr die geplante r\u00e4umliche Ausdehnung der deutschen Kolonialisten: Buren brauchen viel Platz, deutsche Bauern brauchen viel Platz, und das Wasser ist knapp. Wenn das Bauerntum sich gegen das Burentum wehren muss, nimmt die Kolonialmacht auf die Kolonisierten erst recht keine R\u00fccksicht. Szenarien wie \u201edas Volk braucht Raum\u201c und der Mord an der \u201est\u00f6renden\u201c Lokalbev\u00f6lkerung stehen dabei schon am Horizont geschrieben.<\/p>\n<div style=\"width: 378px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/af.wikipedia.org\/wiki\/Namibiese_dollar\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/63\/Billet_namibien.jpg\" width=\"368\" height=\"195\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">\u01c3Nanseb \u01c0Gabemab auf einem 10N$-Schein aus Namibia. (Geogrio, CC-BY-1.0)<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr Sprachinteressierte h\u00e4lt die Ausstellung zumindest noch zwei kleine Besonderheiten bereit.<\/p>\n<p>Die Humboldt-Universit\u00e4t stellt aus ihrem Tonarchiv Ausschnitte aus Aufnahmen zur Verf\u00fcgung, die in Kriegsgefangenenlagern in Brandenburg nach dem Ersten Weltkrieg aufgezeichnet wurden. Darauf wurden die Sprachen von gefangenen Soldaten der anderen europ\u00e4ischen M\u00e4chte systematisch dokumentiert. Darunter sind viele Dialekte aus Gro\u00dfbritannien und Frankreich, aber auch die Sprachen von Soldaten aus den Kolonialgebieten in Indien oder Nordafrika, die im sogenannten \u201e<a href=\"https:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/tonaufnahmen-von-kriegsgefangenen-die-stimmen-der-welt.1001.de.html?dram:article_id=335039\" target=\"_blank\">Halbmondlager<\/a>\u201c gefangen gehalten wurden. Der genaue Zusammenhang speziell mit dem deutschen Kolonialismus wird bei dem Ausstellungsteil nicht so recht deutlich; er ist auch r\u00e4umlich etwas seltsam in eine Nische gesteckt worden. Umso interessanter ist die Einteilung, mit der die deutschen Sprachforscher die Sprachgruppen systematisieren. Es gibt in einer gro\u00dfen Tabelle etwa die Oberkategorie namens \u201eFranzosen (Belgier)\u201c und darunter eine Aufstellung der aufgezeichneten Sprachformen wie etwa Gascognisch, Savoyardisch aber auch \u201eVl\u00e4misch\u201c.<\/p>\n<p>Wer einmal zeitgen\u00f6ssisches Kapholl\u00e4ndisch lesen m\u00f6chte, wird in der Ausstellung auch f\u00fcndig, n\u00e4mlich bei einem <a href=\"https:\/\/www.gondwana-collection.com\/gondwana-history-de\/gondwana-history-de-einzelansicht\/artikel\/welterbe-die-schriften-von-nama-kaptein-hendrik-witbooi\/\" target=\"_blank\">handschriftlichen Exponat<\/a> von <a href=\"https:\/\/af.wikipedia.org\/wiki\/Hendrik_Witbooi\" target=\"_blank\">\u01c3Nanseb \u01c0Gabemab, genannt Hendrik Witbooi<\/a>. Die Lekt\u00fcre f\u00e4llt in dem sehr fein formulierten, unverkennbar afrikaansen Textausschnitt relativ leicht und gibt Einblicke nicht nur in den Schriftsprachgebrauch der Zeit, sondern auch in das komplizierte Verh\u00e4ltnis zwischen Kolonialsprachen, Kolonialm\u00e4chten und lokalen Akteuren. Auf jeden Fall eine erbaulichere Lekt\u00fcre als die vielen haarstr\u00e4ubenden Eintr\u00e4ge im G\u00e4stebuch der Ausstellung, das zeigt, wie verbreitet revisionistische und schlichtweg gewaltleugnende Haltungen im Deutschland der Gegenwart noch immer sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt momentan eine Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte. Es wurde Zeit. Dass die Ausstellung \u00fcberhaupt stattfindet, muss man anerkennen. Vieles kann man dennoch kritisieren, zum Beispiel dass die Chronologie der Ereignisse so stark aufgel\u00f6st wird, dass man irgendwann v\u00f6llig in der Zeit verschwimmt. 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