{"id":13984,"date":"2016-12-08T10:19:27","date_gmt":"2016-12-08T09:19:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=13984"},"modified":"2017-01-08T13:17:52","modified_gmt":"2017-01-08T12:17:52","slug":"polderburka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/12\/08\/polderburka\/","title":{"rendered":"Polderburka"},"content":{"rendered":"<p>Wozu sind die holl\u00e4ndische K\u00fcste, das IJsselmeer oder die <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/01\/07\/beinahinsel-und-graumoencheneiland\/\" target=\"_blank\">Wattinseln<\/a> besonders gut? Man kann dort mal so richtig den Kopf frei bekommen. Seit Kurzem ist Kopffreimachen in den Niederlanden auch drinnen Pflicht. Kalauer beiseite \u2013 die Tweede Kamer hat nun also auch ein Burkaverbot beschlossen. Die Nachbarn in Belgien kennen das schon seit Jahren. Nat\u00fcrlich nicht aus eigener Anschauung, denn vollverschleierte Frauen sind da wie dort eine absolute Seltenheit. Es hat niemand behauptet, dass es wirklich ein relevantes Problem zu l\u00f6sen gebe. Symbolpolitik war gefragt.<\/p>\n<p>Der Begriff <em>Burkaverbot <\/em>bzw. die direkte niederl\u00e4ndische Entsprechung <em>boerkaverbod<\/em> ist sachlich eigentlich nicht ganz richtig. Verboten sind in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden, in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln, Schulen und Krankenh\u00e4usern n\u00e4mlich alle Kleidungsst\u00fccke, die das Gesicht verdecken, also auch Sturmhauben oder Motorradhelme. Trotzdem titelt auch der <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2016\/11\/29\/tweede-kamer-stemt-in-met-boerkaverbod-a1534154\" target=\"_blank\">NRC<\/a> ganz ungehemmt: <em>Tweede Kamer stemt in met boerkaverbod<\/em>.<\/p>\n<p>Damit hat die Zeitung nicht ganz Unrecht, denn die Helme und Biwakm\u00fctzen (wer wusste eigentlich vor dem Verbot, was das ist?) sind eher ein Kollateralschaden der Gesetzgebung. Selbstverst\u00e4ndlich geht es um muslimische Frauen, aber ohne Interessensausgleich kein Poldermodell, also muss das Gesetz zumindest nach au\u00dfen hin diskriminierungsfrei und geschlechterneutral sein. Die Rechtspopulisten feiern ihren Propagandaerfolg, mit dem sie ironischerweise in den europ\u00e4ischen Sprachen wieder ein paar neue Lehnw\u00f6rter aus dem Sprach- und Kulturkreis bekannt gemacht haben, den sie am meisten verachten.<\/p>\n<div style=\"width: 323px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/De_soldaat_en_het_lachende_meisje\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/2\/2e\/Johannes_Vermeer_-_De_Soldaat_en_het_Lachende_Meisje_-_Google_Art_Project.jpg\/441px-Johannes_Vermeer_-_De_Soldaat_en_het_Lachende_Meisje_-_Google_Art_Project.jpg\" width=\"313\" height=\"341\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">J. Vermeer: &#8222;Mann mit Hut und Frau mit Hidschab&#8220;. Besser bekannt als &#8222;De soldaat en het lachende meisje&#8220;. (PD)<\/p><\/div>\n<p>Die Liste von Begriffen f\u00fcr Kleidungsst\u00fccke gl\u00e4ubiger muslimischer Frauen ist <a href=\"https:\/\/www.domradio.de\/themen\/kirche-und-politik\/2016-08-13\/burka-verbot-bleibt-der-diskussion\" target=\"_blank\">stattlich<\/a>. Der gestandene Rechtspopulist lehnt sie meist unterschiedslos ab und kann sich auch \u00fcber ein einfaches Kopftuch emp\u00f6ren, aber etymologisch wie sprachstrukturell und erst recht kulturell sollte man den Unterschied schon machen. Es stehen neben dem einfachen Ausdruck <em>Koptuch <\/em>\/ <em>hoofddoek <\/em>zur Auswahl, auf Deutsch und Niederl\u00e4ndisch:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Burka\" target=\"_blank\">Burka<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Boerka_(islam)\" target=\"_blank\">boerka<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niqab\" target=\"_blank\">Niqab<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Nikab\" target=\"_blank\">nikab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hidsch%C4%81b\" target=\"_blank\">Hischab<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Hidjab\" target=\"_blank\">hidjab<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tschador\" target=\"_blank\">Tschador<\/a> \u2013 <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Chador\" target=\"_blank\">chador<\/a><\/p>\n<p>Die Schreibweisen sind im Deutschen wie im Niederl\u00e4ndischen meist variabel. Mal wird eher versucht, die urspr\u00fcngliche Aussprache im eigenen Schreibsystem abzubilden, mal wird umgekehrt transliteriert und dann mit der eigenen Aussprache gelesen.<\/p>\n<p>Die Burka bekommt zum Beispiel im Deutschen wie im Niederl\u00e4ndischen ein gesprochenes [u], so dass der niederl\u00e4ndische Digraph &lt;oe&gt; daf\u00fcr sorgen muss, dass man nicht [byrka] sagt. Was man im Franz\u00f6sischen durchaus tut \u2013 da war die zweite Strategie st\u00e4rker: erst umschreiben, dann vorlesen.<\/p>\n<p>Beim Niqab ist die Sache schwieriger. Das &lt;q&gt; steht f\u00fcr einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stimmloser_uvularer_Plosiv\" target=\"_blank\">arabischen Laut<\/a>, der im Deutschen wie im Niederl\u00e4ndischen unbekannt ist und einfach durch [k] ersetzt wird. Die arabische Aussprache von <em>niqab <\/em>h\u00f6rt man <a href=\"https:\/\/forvo.com\/search\/%D9%86%D9%82%D8%A7%D8%A8\/ar\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> recht gut. Das &lt;q&gt; in der Schreibung deutet zumindest an, dass hier ein anderer Laut hingeh\u00f6ren w\u00fcrde, weil der Buchstabe normalerweise sonst nur in der Kombination &lt;qu&gt; vorkommt.<\/p>\n<p>Der Hidschab macht alles noch viel komplizierter. Niederl\u00e4ndisch und Deutsch kennen die Affrikate [d\u0361\u0292] nur in Lehnw\u00f6rtern wie in <em>Adagio, Dschungel<\/em> oder <em>Jazz<\/em>. Die <a href=\"https:\/\/forvo.com\/search\/%D8%AD%D8%AC%D8%A7%D8%A8\/ar\/\" target=\"_blank\">Aussprachevarianten<\/a> aus \u00c4gypten, die man im Internet findet, haben jedenfalls keine Affrikate. Daf\u00fcr h\u00f6rt man sie deutlich in den Varianten auf Farsi und Urdu. Haben wir den Hidschab \u00fcber das Persische aus dem Arabischen entlehnt? Oder liegt es an einem Unterschied zwischen klassischem Arabisch und regionaler Variation? Wer die Geschichte aufkl\u00e4ren kann, darf uns gerne einen ausf\u00fchrlichen Kommentar schreiben.<\/p>\n<p>Der Tschador schlie\u00dflich hat ebenfalls eine Affrikate, die gerade im Anlaut weder im Deutschen noch im Niederl\u00e4ndischen besonders g\u00e4ngig ist. Das Wort ist in jedem Fall aus dem Persischen und nicht aus dem Arabischen entlehnt und kommt der dortigen <a href=\"https:\/\/forvo.com\/search\/%da%86%d8%a7%d8%af%d8%b1\/\" target=\"_blank\">Aussprache<\/a> auch bei uns recht nah.<\/p>\n<p>In der Pluralbildung sind sich \u00fcbrigens Deutsch und Niederl\u00e4ndisch ungew\u00f6hnlich einig: das \u2013s ist bei allen vier W\u00f6rtern in beiden Sprachen das Mittel der Wahl. Abgesehen davon wird die Mehrzahl sowieso selten gebraucht. Das ist durchaus symptomatisch: In unseren Gesellschaften diskutiert man eben \u00fcber <em>die Burka <\/em>an sich, als kulturelles Ph\u00e4nomen oder als Objekt der Emp\u00f6rung. Um eine bestimmte Burka oder einen bestimmten Hidschab (bzw. zwei davon) im Hier und Jetzt geht es selten. F\u00fcr die spezielle Kombination aus Hut plus Kopftuch beim k\u00f6niglichen Moscheebesuch wird es vermutlich keinen eigenen Begriff geben, obwohl die beiden <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/12\/05\/mannequin-challenge\/\" target=\"_blank\">Mannequins<\/a> <a href=\"https:\/\/www.parool.nl\/parool\/nl\/287\/OPMERKELIJK\/article\/detail\/3115620\/2012\/01\/11\/Beatrix-lijkt-op-fee-Mooiweertje-van-Disney.dhtml\" target=\"_blank\">Beatrix<\/a> und <a href=\"https:\/\/al-yaqeen.com\/nieuws\/queen-elizabeth-draagt-hoofddoek\/\" target=\"_blank\">Elisabeth<\/a> daf\u00fcr sehr elegant Modell standen.<\/p>\n<p>Arabisch oder Farsi, uvular oder velar &#8211; f\u00fcr einen Herrn Wilders oder eine Frau Le Pen sind das alles Feinheiten, die wenig zur Sache tun. Hauptsache weg mit dem St\u00fcck Stoff. F\u00fcr Freunde von Lexik, Phonologie und Graphematik dagegen ein, pardon the pun: Heidenspa\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wozu sind die holl\u00e4ndische K\u00fcste, das IJsselmeer oder die Wattinseln besonders gut? Man kann dort mal so richtig den Kopf frei bekommen. Seit Kurzem ist Kopffreimachen in den Niederlanden auch drinnen Pflicht. Kalauer beiseite \u2013 die Tweede Kamer hat nun also auch ein Burkaverbot beschlossen. Die Nachbarn in Belgien kennen das schon seit Jahren. 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