{"id":14056,"date":"2016-12-27T10:03:13","date_gmt":"2016-12-27T09:03:13","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=14056"},"modified":"2016-12-23T18:08:54","modified_gmt":"2016-12-23T17:08:54","slug":"re-her","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/12\/27\/re-her\/","title":{"rendered":"Re: her-"},"content":{"rendered":"<p>Wenn fl\u00e4mische und wallonische Politiker zusammenarbeiten, ohne dazu gezwungen zu sein, ist das schonmal <a href=\"https:\/\/www.demorgen.be\/politiek\/-plan-be-franstalige-en-nederlandstalige-burgemeester-willen-samen-belgie-vereenvoudigen-b12af2ec\/\" target=\"_blank\">eine Schlagzeile wert<\/a>. Der B\u00fcrgermeister von Hoeilaart und sein Amtskollege aus La Hulpe (nl. Terhulpen) haben sich zusammengetan, um einen \u201ePlan BE\u201c zu entwickeln. Ziel dabei: Belgien einfacher machen, die komplizierten Strukturen effizienter und \u00fcbersichtlicher gestalten.<\/p>\n<p>Die Absicht der beiden B\u00fcrgermeister ist es bei allem Reformeifer aber erkl\u00e4rterma\u00dfen nicht, wieder zur\u00fcckzukehren zu \u201e<a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/La_Belgique_de_papa\" target=\"_blank\">La Belgique de papa<\/a>\u201c. Die V\u00e4ter der beiden Herrschaften m\u00fcssten vermutlich recht betagt sein. Die meisten heutigen V\u00e4ter haben das alte Belgien, auf das der Spruch verweist, selbst auch nicht mehr gekannt. Gemeint ist mit dem Ausdruck die Zeit, in der Belgien ein Einheitsstaat war, in dem die franz\u00f6sischsprachigen Eliten den Ton angaben und f\u00fcr F\u00f6deralismus und Gleichberechtigung des Niederl\u00e4ndischen kein Platz war. Konsequenterweise gibt es f\u00fcr \u201eLa Belgique de papa\u201c auch keine niederl\u00e4ndische Entsprechung.<\/p>\n<p>Sehr niederl\u00e4ndisch ist dagegen ein anderes Wort, das in den \u00dcberlegungen auftaucht. M\u00fcssen m\u00f6glicherweise einige Kompetenzen <em>geherfederaliseerd <\/em>werden? M\u00fcssen also mehr Politikbereiche wieder vom Gesamtstaat erledigt werden anstatt von den Gemeinschaften und Regionen? Bisher wurde in Belgien meist eher <em>gecommunautariseerd.<\/em> (Es geh\u00f6rt zur Ironie der Geschichte, dass sich f\u00fcr das jahrhundertelange Interesse Flanderns nach mehr Eigenst\u00e4ndigkeit ausgerechnet ein franz\u00f6sisches Lehnwort durchgesetzt hat.) Immer wieder wurden Kompetenzen an die einzelnen Staatsglieder <em>overgeheveld<\/em> (dt. <em>\u00fcberf\u00fchrt, \u00fcbergeben<\/em>, w\u00f6rtlich <em>hin\u00fcberheben<\/em>).<\/p>\n<p>Das Partizip <em>geherfederaliseerd <\/em>ist strukturell \u00e4u\u00dferst interessant, weil wir es im Deutschen anders bilden. Wir sagen <em>ref\u00f6deralisiert<\/em> und entscheiden uns dabei nicht nur f\u00fcr die Vorsilbe <em>re-<\/em> (das <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/26\/zerwuesten-und-herbluehen\/\" target=\"_blank\">etymologisch verwandte <\/a><em><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/26\/zerwuesten-und-herbluehen\/\" target=\"_blank\">her<\/a>&#8211;<\/em> kennen wir nicht). Wir verzichten im Partizip au\u00dferdem auf das Pr\u00e4fix <em>ge-.<\/em><\/p>\n<div style=\"width: 302px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Mykolajchyky_dough_cutting_form.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/17\/Mykolajchyky_dough_cutting_form.jpg\/640px-Mykolajchyky_dough_cutting_form.jpg\" width=\"292\" height=\"195\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Zu Weihnachten wird viel geformt. Reformiert wird das ganze Jahr \u00fcber. (ReAI, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Woran liegt das? Zun\u00e4chst ist daran die Endung schuld. Verben auf <em>-ieren <\/em>haben im Deutschen nicht das regelm\u00e4\u00dfige <em>ge<\/em>-Partizip. Sie sind gewisserma\u00dfen \u201eFremdk\u00f6rper\u201c geblieben, weil sie meist mit Lehnwortmaterial gebildet werden. Auf Niederl\u00e4ndisch dagegen bilden wir die Partizipien v\u00f6llig regelm\u00e4\u00dfig: <em>geanalyseerd &#8211; analysiert<\/em>. Trotzdem ist aber das <em>re- <\/em>an dem Unterschied nicht ganz unschuldig. Wenn wir Verben mit <em>re- <\/em>bilden m\u00f6chten, dann betrifft dies in der Regel ebenfalls W\u00f6rter, die zu einem gehobenen Wortschatz geh\u00f6ren, in dem also Lehnw\u00f6rter das Mittel der Wahl sind. Verben mit einem <em>re- <\/em>am Anfang haben praktisch immer ein <em>-ieren <\/em>als Endung (z.B. <em>reformieren, remigrieren, reverbalisieren<\/em>&#8230;)<em>. <\/em>Das <em>-ieren <\/em>sperrt dann in einem dritten Schritt vorn am Wort das <em>ge- <\/em>im Partizip. Man muss also mit drei aneinander gekn\u00fcpften Regeln zwischen Wortanfang und -ende pendeln, bis die korrekte Form entstanden ist. Bleibt noch die Frage, ob das <em>re- <\/em>zuerst da ist und davon das <em>-ieren <\/em>ausgel\u00f6st wird, oder ob wir zuerst ein <em>ieren-<\/em>Verb bilden und ein <em>re-<\/em> davorsetzen.<\/p>\n<p>Kompliziert? F\u00fcr das Niederl\u00e4ndische <em>zu <\/em>kompliziert. Dem Niederl\u00e4ndischen ist es v\u00f6llig egal, wie fremdwortartig das fertige Wort ist. Mit dem Pr\u00e4fix <em>her- <\/em>hat man sowieso schon eine etwas \u201egermanischere\u201c Variante zur Verf\u00fcgung. Aber auch bei W\u00f6rtern, die auf <em>re- <\/em>beginnen, bleibt das <em>ge-<\/em>Partizip problemlos erlaubt. Anscheinend muss man daf\u00fcr bei der Endung des Verbs vorsichtig sein. Ein <em>re-<\/em>Verb hat auch im Niederl\u00e4ndischen in aller Regel eine <em>eren-<\/em>Endung (z.B. <em>reanalyseren,<\/em> <em>revitaliseren, reformeren<\/em>). Verben mit <em>her- <\/em>am Anfang d\u00fcrfen auch ein\u00a0<em>-eren\u00a0<\/em>haben (siehe\u00a0<em>herfederaliseren<\/em>), m\u00fcssen das aber nicht unbedingt (siehe\u00a0<em>hervormen, hervatten\u00a0<\/em>uvm.). In gewissenen F\u00e4llen kommt mit den beiden Vorsilben sogar ein Bedeutungsunterschied zustande. Die <em>hervormde <\/em>und die <em>gereformeerde <\/em>Glaubensgemeinschaft sind beispielsweise leicht miteinander zu verwechseln, aber <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/13\/royaal\/\" target=\"_blank\">keineswegs identisch<\/a>. Das <em>her- <\/em>er\u00f6ffnet dem Niederl\u00e4ndischen zus\u00e4tzliche Freiheiten, die wir im Deutschen nicht haben. Vielleicht sollten wir das Deutsche herformen, um diese M\u00f6glichkeit auch zu haben?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn fl\u00e4mische und wallonische Politiker zusammenarbeiten, ohne dazu gezwungen zu sein, ist das schonmal eine Schlagzeile wert. 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