{"id":14146,"date":"2017-02-24T10:41:56","date_gmt":"2017-02-24T09:41:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=14146"},"modified":"2017-02-23T13:13:25","modified_gmt":"2017-02-23T12:13:25","slug":"ein-wunderschoenes-rueckmichzusammen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/02\/24\/ein-wunderschoenes-rueckmichzusammen\/","title":{"rendered":"Ein wundersch\u00f6nes R\u00fcckmichzusammen"},"content":{"rendered":"<p>Gute Nachrichten aus der Ostukraine sind selten geworden. Schon kleine Fortschritte sind da eine Schlagzeile wert, zum Beispiel in der <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/buitenland\/-akkoord-over-staakt-het-vuren-tussen-oekraine-en-pro-russische-rebellen~a4464468\/\" target=\"_blank\"><em>Volkskrant<\/em><\/a>:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"article__title\">Akkoord over staakt-het-vuren tussen Oekra\u00efne en pro-Russische rebellen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Deutschsprachige mag der Begriff <em>staakt-het-vuren<\/em> eigenartig klingen, auch wenn man ihn vielleicht intuitiv versteht, sofern man die Bestandteile <em>staken <\/em>(dt. <em>anhalten, einstellen<\/em>) und <em>vuren <\/em>(dt. <em>feuern, schie\u00dfen<\/em>) kennt. Als deutlich einfacheres Synonym benutzt der Zeitungsartikel <em>wapenstilstand<\/em>, den wir genauso auf Deutsch kennen. Wer Franz\u00f6sisch kann, muss \u00fcber <em>het staakt-het-vuren <\/em>vielleicht schmunzeln. Die Etymologiebank sagt zu dem Wort nichts, aber es sieht sehr offensichtlich aus wie eine Lehn\u00fcbersetzung von <em>cessez-le-feu<\/em>.<\/p>\n<p>Ist dieser Ausdruck wirklich ein Wort? Oder ist es nicht eigentlich vielmehr ein Satz? Im weitesten Sinne ist der Begriff wohl eine Zusammenr\u00fcckung (nl. <em>samenkoppeling<\/em>), d.h. mehrere Elemente einer syntaktischen Einheit werden zu einem Ganzen vereint, das sich von da an wie ein einziges Wort verh\u00e4lt. Auf Niederl\u00e4ndisch schreibt man nominalisierte Zusammenr\u00fcckungen immer mit Bindestrichen, so dass die urspr\u00fcngliche Satzstruktur noch erkennbar bleibt, aber die Einheit trotzdem deutlich gemacht wird. Auf Deutsch ist bei Zusammenr\u00fcckungen die Schreibweise ganz ohne Trennungen \u00fcblich. Beim <em>H\u00f6rtaufzuschie\u00dfen <\/em>betrifft dies nicht nur ein paar Satzteile, sondern einen ganzen Satz. Im engeren Sinne kann man daher von einer Satznominalisierung sprechen: Ein ganzer Satz ergibt ein Substantiv, das beispielsweise auch einen Artikel bekommt, hier <strong><em>het <\/em><\/strong><em>staakt-het-vuren<\/em>. Die Pluralbildung von solchen Begriffen funktioniert hingegen oft nicht so recht, was allerdings auch an der Wortbedeutung liegen kann, wenn es beispielsweise um Abstrakta geht. Auch bei\u00a0<em>Waffenstillstand<\/em>, das keine Zusammenr\u00fcckung ist, wirkt die Mehrzahl\u00a0<em>Waffenstillst\u00e4nde\u00a0<\/em>etwas unbeholfen. Man w\u00fcrde das Problem eher umgehen, indem man z.B. von mehreren <em>Waffenstillstandsabkommen <\/em>spricht, die leichter pluralisiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Besonders interessant sind Satznominalisierungen, wenn darin ein Imperativ vorkommt. Erstaunlicherweise bleibt dabei n\u00e4mlich manchmal noch ein Indiz daf\u00fcr erhalten, an wen sich die Aufforderung richtet. Der niederl\u00e4ndische Imperativ <em>staakt<\/em> kommt etwas veraltet daher und zeigt noch die zweite Person Plural an, so wie auch das franz\u00f6sische <em>cessez. <\/em>Die Aufforderung, mit den Kriegshandlungen aufzuh\u00f6ren, gilt immer beiden Seiten des Konflikts, daher also Plural.<\/p>\n<div style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fes_Springkraut\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/11\/1024_Fliege-4310.jpg\/574px-1024_Fliege-4310.jpg\" width=\"272\" height=\"228\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die Fliege am Springkraut h\u00e4lt sich nicht an den Imperativ. (H. Storch, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Nicht so beim viel bekannteren Beispiel, dem <em>vergeet-mij-nietje<\/em>, das auf Niederl\u00e4ndisch wie fast alle Substantive ganz selbstverst\u00e4ndlich auch einen Diminutiv bekommt \u2013 wieder ein Zeichen daf\u00fcr, dass es ohne weiteres nominalisiert wurde. Beim Vergissmeinnicht richtet sich der Imperativ an eine einzelne Person, n\u00e4mlich immer diejenige, die das Bl\u00fcmchen betrachtet. Dasselbe gilt f\u00fcr das <em>kruidje-roer-me-niet<\/em> (dt. <em>Springkraut<\/em>, aber auch <em>R\u00fchrmichnichtan<\/em>), das auch in vielen anderen Sprachen bis zur\u00fcck ins Lateinische diesen Imperativ schon kennt. Genauso aus einem Imperativ der zweiten Person Singular abgeleitet ist das niederl\u00e4ndische <em>doe-het-zelven<\/em>, von englisch <em>do it yourself <\/em>im Sinne von Heimwerken oder Basteln, das sogar vom Satz zum Verb geworden ist. Der deutsche <em>Gottseibeiuns <\/em>richtet sich auch an eine zweite Person Singular, aber an eine genau festgelegte, n\u00e4mlich Gott. Etwas barsch kommt der <em>klaar-over <\/em>(dt. <em>Sch\u00fclerlotse, Verkehrslotse<\/em>) daher. Er gibt das Signal, wann es sicher ist, die Stra\u00dfe zu \u00fcberqueren. Vom Imperativ <em>steek over! <\/em>ist sogar nur die Pr\u00e4position geblieben und der eigentliche Verbstamm verschwunden. \u00dcbrig ist also die knappe Aufforderung: <em>Bereit &#8211; r\u00fcber!<\/em><\/p>\n<p>Nicht immer sind Satznominalisierungen aber eindeutig von Imperativen abgeleitet. Beim niederl\u00e4ndischen <em>sta-in-de-weg <\/em>(dt. <em>Hindernis, Barriere<\/em>) oder beim englischen <em>know-it-all<\/em> w\u00e4re die Interpretation als Aufforderung eher absurd. Schlie\u00dflich ist es gerade nicht erw\u00fcnscht, dass etwas im Weg steht bzw. dass jemand st\u00e4ndig so tut als w\u00fcsste er alles. Imperative haben oft Formen, die nur mit dem Verbstamm ohne Endung identisch sind. Manchmal brauchen wir aber von den Verben nur den Stamm und m\u00f6chten keinen Infinitiv benutzen. Bekanntestes Beispiel daf\u00fcr sind die sogenannten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Inflektiv\" target=\"_blank\">Inflektive<\/a>, die manchmal auch <em>Erikative <\/em>genannt werden und besonders aus der Comicsprache vorkommen, wie beispielsweise <em>heul! <\/em>oder <a href=\"https:\/\/c1.staticflickr.com\/3\/2424\/4098317366_033ab25967_b.jpg\" target=\"_blank\"><em>slik!<\/em><\/a>. Von Imperativen sind diese Verben formal oft nicht unterscheidbar. Aus dem Kontext heraus wissen wir aber, dass keine Aufforderung gemeint ist.<\/p>\n<p>Beim <em>staakt-het-vuren<\/em> dagegen kann man nur w\u00fcnschen, dass die Aufforderung sehr wirksam ist und eher respektiert wird als die Bitte um eine T\u00fcte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hau_mich_blau\" target=\"_blank\">Haumichblau<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gute Nachrichten aus der Ostukraine sind selten geworden. Schon kleine Fortschritte sind da eine Schlagzeile wert, zum Beispiel in der Volkskrant: Akkoord over staakt-het-vuren tussen Oekra\u00efne en pro-Russische rebellen F\u00fcr Deutschsprachige mag der Begriff staakt-het-vuren eigenartig klingen, auch wenn man ihn vielleicht intuitiv versteht, sofern man die Bestandteile staken (dt. anhalten, einstellen) und vuren (dt. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3099,6941,6940],"tags":[44141],"class_list":["post-14146","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sprachvergleich","category-wortbildung","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14146","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14146"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14146\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14457,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14146\/revisions\/14457"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14146"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14146"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14146"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}