{"id":14202,"date":"2017-01-24T10:14:14","date_gmt":"2017-01-24T09:14:14","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=14202"},"modified":"2017-01-23T19:29:33","modified_gmt":"2017-01-23T18:29:33","slug":"waehlen-oder-stimmen-keine-peilung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/01\/24\/waehlen-oder-stimmen-keine-peilung\/","title":{"rendered":"W\u00e4hlen oder stimmen? Keine Peilung!"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2017\/01\/verkiezing.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-14188 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2017\/01\/verkiezing.jpg\" alt=\"verkiezing\" width=\"47\" height=\"45\" \/><\/a><em>Den niederl\u00e4ndischen Parlamentswahlen am 15. 3. 2017 widmen wir eine kleine Serie.<\/em><\/p>\n<p>Nach wichtigen Wahlen ist oft die Rede von der <em>Partei der Nichtw\u00e4hler<\/em>. Damit wird der Anteil der Wahlberechtigten bezeichnet, die nicht abgestimmt haben. Man zieht von 100 Prozent den Wert der Wahlbeteiligung (nl. <em>opkomst<\/em>) ab und erh\u00e4lt den \u201eStimmenwert\u201c der Nichtw\u00e4hlerpartei. In letzter Zeit sind deren Prozentwerte oft gr\u00f6\u00dfer als die der st\u00e4rksten Partei. Das gilt in Deutschland wie in den Niederlanden, seit dort vor fast 50 Jahren die <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Stemplicht\" target=\"_blank\">Wahlpflicht<\/a> abgeschafft wurde (in Belgien und Luxemburg gibt es sie noch). Die Motive und Einstellungen dieser Menschen sind nat\u00fcrlich weit gestreut, so dass es Unsinn ist, sie als eine einheitliche <em>Partei <\/em>zu bezeichnen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer in den Niederlanden. Dort tritt dieses Jahr tats\u00e4chlich erstmals die <em>Partij voor de Niet-stemmers <\/em>zur Parlamentswahl an. <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2017\/01\/05\/twee-keer-niet-dat-gaat-echt-niet-6072848-a1539986\" target=\"_blank\">Ganz zum \u00c4rger der Konkurrenz<\/a>, dem <em>Club van Niet-kiezers<\/em>, der auch auf dem Wahlzettel stehen will. Inzwischen wurde entschieden, dass die Namens\u00e4hnlichkeit nicht so gro\u00df ist, dass Verwechslungsgefahr besteht, und dass die Parteien beide mit ihrem gew\u00e4hlten Namen antreten d\u00fcrfen. Auch in ihrer Politik haben sie unterschiedliche Absichten: Die <em>Nietstemmers <\/em>versprechen, auf ihr Mandat zu verzichten, falls sie gew\u00e4hlt werden. Die <em>Nietkiezers <\/em>wollen dagegen durchaus am parlamentarischen Betrieb teilnehmen, um auf eine zuk\u00fcnftige Ber\u00fccksichtigung des Nichtw\u00e4hleranteils im Wahlrecht hinzuwirken. Dass eine der beiden Parteien tats\u00e4chlich ins Parlament kommt, ist nicht v\u00f6llig ausgeschlossen. Das niederl\u00e4ndische Wahlsystem kennt keinen <em>kiesdrempel <\/em>wie die 5-Prozent-H\u00fcrde in Deutschland, so dass auch Parteien mit relativ kleinem Stimmanteil schon Sitze erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bei der Verhandlung \u00fcber den Konflikt zwischen Nietkiezers und Nietstemmers fragte der Vorsitzende des <em>Kiesraad<\/em>: \u201eWat ga ik nu doen in maart: <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/05\/24\/tanden-kiezen-stemmen\/\" target=\"_blank\">kiezen of stemmen<\/a>?\u201c<\/p>\n<p>Eine interessante Frage. Ist <em>w\u00e4hlen <\/em>und <em>(ab)stimmen<\/em> dasselbe? Zun\u00e4chst einmal verhalten sich die zwei Verben im Satz unterschiedlich. Man kann <em>op iemand stemmen <\/em>(<em>f\u00fcr jemanden stimmen, jemanden w\u00e4hlen<\/em>) oder <em>voor iemand kiezen <\/em>(<em>sich f\u00fcr jemanden entscheiden<\/em>). Man k\u00f6nnte zwischen beiden auch in der Bedeutung einen Unterschied gezielt herstellen. Nicht<u>w\u00e4hler<\/u> gehen gar nicht erst zum Wahllokal, nehmen also an der Wahl nicht teil. Nicht<u>stimmer<\/u> dagegen k\u00f6nnen Wahlberechtigte sein, die sich entweder enthalten (d.h. einen leeren Stimmzettel abgeben) oder sonstigen Schabernack mit dem Stimmzettel treiben, um absichtlich ung\u00fcltig zu stimmen. Diesen Unterschied aber macht der allt\u00e4gliche Sprachgebrauch nicht, und auch nicht die zwei Vereinigungen. Sie wollen beide diejenigen repr\u00e4sentieren, die gar nicht zur Wahl hingehen. Denn ung\u00fcltige Stimmen und Enthaltungen werden \u00fcblicherweise immerhin gez\u00e4hlt und in der Statistik sichtbar, auch wenn sie bei der Sitzverteilung im Parlament <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2017\/01\/11\/als-je-niet-of-blanco-stemt-wordt-je-stem-over-de-partijen-verdeeld-6134631-a1540794\" target=\"_blank\">keine Rolle spielen<\/a>.<\/p>\n<div style=\"width: 299px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Nederlands_referendum_over_de_Associatieovereenkomst_tussen_de_Europese_Unie_en_Oekra%C3%AFne\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/b\/bd\/Referendum_Niederlande_Wahlbeteiligung_2016.svg\/406px-Referendum_Niederlande_Wahlbeteiligung_2016.svg.png\" width=\"289\" height=\"342\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Wahlbeteiligung beim Referendum 2016. Landesweit: 32,2%. (Furfur, CC-BY-SA 4.0)<\/p><\/div>\n<p>Unsichtbar bleiben sowohl Nichtw\u00e4hler als auch Nichtstimmer dagegen in den Umfragen vor der Wahl. Die hei\u00dfen auf Niederl\u00e4ndisch <em>peilingen <\/em>\u2013 etymologisch steckt dahinter dasselbe wie dt. <em>peilen<\/em>, also eine Orientierung auf der Basis von Messpunkten zu geben. Das Wort gibt einer weiteren neuen Partei den Namen: <em>GeenPeil. <\/em>Das k\u00f6nnte man etymologisch korrekt, aber inhaltlich etwas unfreundlich mit <em>keine Peilung<\/em> \u00fcbersetzen. Es bezieht sich aber auf eine Aktion bei den letzten Europawahlen 2014. Die Niederlande w\u00e4hlten donnerstags, w\u00e4hrend die meisten EU-Staaten erst am darauffolgenden Wochenende abstimmten. Deshalb durften die Resultate aus den Niederlanden nicht sofort bekanntgegeben werden, um die Wahl in den anderen L\u00e4ndern nicht zu beeinflussen. Aktivisten dokumentierten deshalb die \u00f6ffentliche Verk\u00fcndung der Stimmen in allen niederl\u00e4ndischen Wahllokalen und erstellten so trotzdem ein schnelles Meinungsbild nach der Wahl. Die Aktivisten waren verbunden mit dem ziemlich hyperaktiven Webmagazin <a href=\"https:\/\/www.geenstijl.nl\/\" target=\"_blank\"><em>GeenStijl<\/em><\/a>, das die Kampagne begleitete. Aus demselben Kreis ging auch die Initiative f\u00fcr das niederl\u00e4ndische Referendum \u00fcber das <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Associatieovereenkomst_tussen_de_Europese_Unie_en_Oekra%C3%AFne\" target=\"_blank\">Abkommen zwischen der EU und der Ukraine<\/a> im April 2016 hervor. Die Namensgebung <em>GeenPeil<\/em> ist nat\u00fcrlich wegen des Reims mit <em>GeenStijl\u00a0<\/em>gew\u00e4hlt. Die Schreibweisen &lt;ei&gt; und &lt;ij&gt; sind in der niederl\u00e4ndischen Orthographie einer der wenigen F\u00e4lle, in denen dieselbe Lautfolge mit unterschiedlichen Graphemen ausgedr\u00fcckt wird. Ansonsten zeichnet sich die niederl\u00e4ndische Rechtschreibung etwa gegen\u00fcber dem Englischen oder Franz\u00f6sischen sehr dadurch aus, dass die Zuordnung von Aussprache und Schreibung relativ konsequent und arm an Ausnahmen ist.<\/p>\n<p>Ziel von <em>GeenPeil<\/em> ist es jedenfalls, tats\u00e4chlich keine Peilung zu haben. Die Partei stellt sich n\u00e4mlich ganz ohne Programm zur Wahl und will sp\u00e4ter die Parteimitglieder per App bei jeder Parlamentsabstimmung vorher befragen, wie die Abgeordneten stimmen sollen. Der Ansatz \u00e4hnelt denen der Piratenparteien in verschiedenen L\u00e4ndern oder des Movimento Cinque Stelle in Italien \u2013 alles Beispiele, die eher skeptisch stimmen. Aber vielleicht werden die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in den Niederlanden im M\u00e4rz ja nicht skeptisch stimmen, sondern optimistisch w\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den niederl\u00e4ndischen Parlamentswahlen am 15. 3. 2017 widmen wir eine kleine Serie. Nach wichtigen Wahlen ist oft die Rede von der Partei der Nichtw\u00e4hler. Damit wird der Anteil der Wahlberechtigten bezeichnet, die nicht abgestimmt haben. Man zieht von 100 Prozent den Wert der Wahlbeteiligung (nl. opkomst) ab und erh\u00e4lt den \u201eStimmenwert\u201c der Nichtw\u00e4hlerpartei. 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