{"id":14579,"date":"2017-03-15T13:55:59","date_gmt":"2017-03-15T12:55:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=14579"},"modified":"2017-03-15T19:40:32","modified_gmt":"2017-03-15T18:40:32","slug":"stemfie-vom-stimmvieh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/03\/15\/stemfie-vom-stimmvieh\/","title":{"rendered":"Stemfie vom Stimmvieh"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2017\/01\/verkiezing.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-14188 alignleft\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2017\/01\/verkiezing.jpg\" alt=\"verkiezing\" width=\"47\" height=\"45\" \/><\/a>Heute wird in den Niederlanden gew\u00e4hlt und wir erleben wieder ein Beispiel f\u00fcr die Realit\u00e4ten in einer Frustdemokratie: Kaum jemand geht noch leichtf\u00fc\u00dfig zum Wahllokal und freut sich, am demokratischen Prozess teilhaben zu d\u00fcrfen. Die einen stimmen aus Protest f\u00fcr zweifelhafte Krawallmacher. Die anderen \u00e4rgern sich, dass dadurch die Aufmerksamkeit vom demokratischen Spektrum abgelenkt ist und ihre Stimme kaum wahrgenommen wird. Manch einer f\u00fchlt sich missbraucht als <em>Stimmvieh<\/em>, das nur brav die \u201erichtige\u201c Partei w\u00e4hlen und ansonsten den Mund halten soll.<\/p>\n<p>Wem das zu dr\u00f6ge ist, der k\u00f6nnte versucht sein, sich den Wahlvorgang ein bisschen sch\u00f6n zu trinken. Das ist noch nicht einmal komplett verboten, solange man den Ablauf im Wahllokal nicht st\u00f6rt. Was sonst noch erlaubt oder untersagt ist am Wahltag, dar\u00fcber kl\u00e4rt eine <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2017\/03\/14\/mag-ik-een-stemfie-maken-dronken-stemmen-mijn-kind-meenemen-a1550190\" target=\"_blank\">\u00dcbersicht im NRC<\/a> auf.<\/p>\n<p>Die Anleitung zum W\u00e4hlen zeigt nicht nur ein paar Besonderheiten des niederl\u00e4ndischen Wahlsystems, sondern ist auch ein hervorragender Einstieg in den Spezialwortschatz der Wahlen.<\/p>\n<p><em>Stempas<\/em><\/p>\n<div style=\"width: 267px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Stempas\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/90\/Stempas_referendum_Associatieovereenkomst_Oekra%C3%AFne.jpg\" width=\"257\" height=\"179\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Stempas (PD, Gemeente Katwijk)<\/p><\/div>\n<p>Alle Wahlberechtigten in den Niederlanden bekommen einen Stimmpass, also ein Dokument, das sie bei Wahlen vorzeigen um zu belegen, dass sie tats\u00e4chlich abstimmen d\u00fcrfen. In Frankreich gibt es etwas \u00c4hnliches, die <em>carte \u00e9lectorale<\/em>. In Deutschland kennen wir so etwas nicht \u2013 man ist automatisch ins W\u00e4hlerverzeichnis eingetragen oder muss sich nach einem Umzug rechtzeitig darum k\u00fcmmern. Daf\u00fcr bekommt man vor der Wahl eine Wahlbenachrichtigung. Das belgische Pendant dazu ist der <a href=\"https:\/\/www.elections.fgov.be\/index.php?id=3289&amp;L=1\" target=\"_blank\"><em>oproepingsbrief<\/em><\/a>. Aus dem franz\u00f6sischen Begriff <em>convocation<\/em> geht noch deutlicher hervor, dass es sich dabei eher um eine <em>Einbestellung <\/em>handelt \u2013 <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/01\/24\/waehlen-oder-stimmen-keine-peilung\/\" target=\"_blank\">Wahlpflicht<\/a>, wir erinnern uns.<\/p>\n<p><em>Stembiljet<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn es sch\u00f6n klingt, mit diesem Billett kann man weder Zug noch U-Bahn fahren. Der <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Stembiljet\" target=\"_blank\">Stimmzettel<\/a> sieht ungef\u00e4hr so aus wie in Deutschland, kann aber noch deutlich unhandlicher sein, siehe <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/01\/27\/p-von-der-a-und-p-von-der-z\/\" target=\"_blank\">Parteienvielfalt<\/a>. Besonders wichtig: Der Wahlzettel muss mit einem <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Stempotlood\" target=\"_blank\">roten Stift<\/a> ausgef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p><em>Machtiging<\/em><\/p>\n<p>Wer seine Stimme nicht selbst abgeben kann, darf jemanden damit beauftragen in seinem Namen zu stimmen. Der muss dann eine Vollmacht vorweisen, um mehr als einen Stimmzettel ausf\u00fcllen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><em>Stemhokje<\/em><\/p>\n<p>Das W\u00f6rtchen <em>hok <\/em>hat eine etwas <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/hok1\" target=\"_blank\">unklare Herkunft<\/a>, bezeichnet jedenfalls einen kleinen, abgegrenzten Raum. Hier also die Wahlkabine. <em>Hokjes <\/em>trifft man sonst eher in der Landwirtschaft an: ein kleiner Stall f\u00fcr Schafe oder Schweine. Ein Schelm, wer dabei wieder ans <em>Stimmvieh <\/em>denkt.<\/p>\n<p><em>Stemfie<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht die niederl\u00e4ndische \u00dcbersetzung von <em>Stimmvieh<\/em>, und auch kein Teil der offiziellen Wahlterminologie. Das <em>stemfie <\/em>ist eine Wortneusch\u00f6pfung auf Basis von <em>selfie<\/em>: Immer mehr Wahlberechtigte finden es toll, in der Wahlkabine ein Foto mit ihrem ausgef\u00fcllten Stimmzettel zu machen und irgendwo in sozialen Netzwerken zu ver\u00f6ffentlichen. Erlaubt ist das, solange man nicht das Wahlgeheimnis anderer verletzt oder den Wahlvorgang st\u00f6rt. Ob man den Trend gut findet oder nicht \u2013 begeistert im Internet zu zeigen, dass man an der Demokratie teilgenommen hat, ist vielleicht sogar ein Zeichen daf\u00fcr, dass l\u00e4ngst nicht alle mit Frust und langem Gesicht zum Wahllokal trotten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute wird in den Niederlanden gew\u00e4hlt und wir erleben wieder ein Beispiel f\u00fcr die Realit\u00e4ten in einer Frustdemokratie: Kaum jemand geht noch leichtf\u00fc\u00dfig zum Wahllokal und freut sich, am demokratischen Prozess teilhaben zu d\u00fcrfen. Die einen stimmen aus Protest f\u00fcr zweifelhafte Krawallmacher. 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