{"id":14936,"date":"2017-05-14T09:19:37","date_gmt":"2017-05-14T07:19:37","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=14936"},"modified":"2017-05-15T12:09:30","modified_gmt":"2017-05-15T10:09:30","slug":"der-nonchalantivsatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/05\/14\/der-nonchalantivsatz\/","title":{"rendered":"Der Nonchalantivsatz"},"content":{"rendered":"<p>Fast w\u00e4re der diesj\u00e4hrige Koningsdag ber\u00fchrungslos an uns vorbeigezogen. Es gab ja genug andere Sorgen: Frankreich (erste Wahlrunde), Gro\u00dfbritannien (Neuwahl), USA (eigentlich alles, was mit Trump zu tun hat). Trotzdem lohnt es sich, kurz an den Feiertag zur\u00fcckzudenken, n\u00e4mlich wegen eines Artikels, der zum Koningsdag im NRC erschienen ist.<\/p>\n<p>In ihrer <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2017\/04\/27\/laten-we-stoppen-met-koningsdag-8443365-a1556266\" target=\"_blank\">Sprachkolumne<\/a> schreibt Japke-d. Bouma, dass wir wieder zur Bezeichnung <em>Koninginnedag <\/em>zur\u00fcckkehren sollten.<\/p>\n<div style=\"width: 294px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Beatrix05.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/23\/Beatrix05.jpg\" width=\"284\" height=\"213\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Auf dem Kopf ein klassisches K\u00f6niginnendach. (P. Blank, CC-BY 2.5)<\/p><\/div>\n<p>Nach Jahrzehnten mit Beatrix, Juliana und Wilhelmina f\u00e4llt es schwer, sich an etwas Neues zu gew\u00f6hnen. F\u00fcr \u00fcberzeugte Traditionalisten ist das die schlimmste aller Vorstellungen: das man die weibliche Form als vertrauter empfindet als die m\u00e4nnliche und man das Gef\u00fchl hat, sie k\u00f6nne doch einfach so stehen bleiben. Der Mann ist dann eben \u201emitgemeint\u201c, wie man das beim generischen Maskulinum f\u00fcr die weibliche Welt auch gerne postuliert. Nat\u00fcrlich ist hier im engeren Sinne nichts generisch, denn es gibt jeweils immer nur ein Staatsoberhaupt zur gleichen Zeit, das an dem Tag gefeiert wird. Nicht umsonst h\u00e4ngt der Feiertag mit dem royalen Geburtstag zusammen. Aber das Wort an sich ist eben dennoch verallgemeinernd. Damit benennt man den Feiertag, mit dem das jeweils amtierende Staatsoberhaupt gefeiert wird, mal Frau, mal Mann. Ungef\u00e4hr so wie wir weiter vom <em>Bundeskanzleramt <\/em>sprechen, obwohl seit ebenfalls gef\u00fchlten Jahrzehnten dort eine Frau regiert. Nun wird der Koninginnedag erst seit dem <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Koningsdag_(Nederland)#Geschiedenis\" target=\"_blank\">Ende des 19. Jahrhunderts<\/a> \u00fcberhaupt gefeiert, und seitdem regierten in den Niederlanden durchweg immer nur Frauen. Mit Fug und Recht kann man also behaupten, dass der Begriff dauerhaft mit der weiblichen Form gebildet wurde und so lexikalisiert ist.<\/p>\n<p>Abseits dieser monarchischen Geschlechterfragen bietet die NRC-Artikel noch ein anderes sch\u00f6nes Ph\u00e4nomen, das nicht selbst Thema des Artikels ist: den Nonchalantivsatz. Im letzten Absatz finden wir davon gleich drei:<\/p>\n<blockquote><p>Wat zeg ik: we maken M\u00e1xima \u00f3\u00f3k ons staatshoofd. <u>Hebben<\/u> we er twee, kan ons het schelen.<\/p>\n<p>En als we dan toch bezig zijn, maken we er ook weer 30 april van. <u>Kunnen<\/u> de toeristen met een <em>Lonely Planet<\/em> van 2002 ook weer meedoen.<\/p>\n<p>Van 27 april maken we dan Republikeinendag. <u>Hebben<\/u> die mensen ook eens een feestje.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gemeint sind die S\u00e4tze, die alle mit einem Verb anfangen. Auf Deutsch funktionieren sie ganz genauso, man kann sie mehr oder weniger direkt \u00fcbersetzen \u2013 auf Englisch wegen der strikten SVO-Stellung dagegen nicht. Das hat mit der relativ einfachen Art und Weise zu tun, wie sie zustande kommen:<\/p>\n<p>Vor dem Verb k\u00f6nnte ein <em>dan <\/em>oder ein <em>zo<\/em> stehen, das den vorhergehenden Satz wieder aufgreift. Damit ist das Vorfeld vor dem Verb besetzt und das Subjekt tritt dahinter. Nur dass das Vorfeld wegfallen kann, weil der Inhalt des Weggelassenen ohnehin der vorherige Satz ist. Wenn kein Satz vorausgeht, wird die Konstruktion schwierig. (Aber nicht unm\u00f6glich, z.B. bei sowas wie \u201eHaben wir das auch geschafft!\u201c wenn eine Aufgabe erledigt ist.)<\/p>\n<p>Die spannende Frage ist eher: Was genau sagt diese Konstruktion eigentlich aus? Wie unterscheidet sie sich von einem Satz, in dem das Vorfeld explizit genannt wird? Die stilistische Konnotation wird anders. Ein wenig Ernsthaftigkeit geht verloren, die Aussage klingt ungezwungen, beil\u00e4ufig, oder wie im ersten Beispiel w\u00f6rtlich: \u201ekan het ons schelen!\u201c \u2013 Was macht das schon, was soll\u2019s. Deshalb also ein Nonchalantivsatz, oder wenn man lieber deutsche Terminologie m\u00f6chte, ein Wurstigkeitssatz. Also eigentlich genau das, was den verbissenen K\u00e4mpfern gegen geschlechtergerechte Sprache so oft fehlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast w\u00e4re der diesj\u00e4hrige Koningsdag ber\u00fchrungslos an uns vorbeigezogen. Es gab ja genug andere Sorgen: Frankreich (erste Wahlrunde), Gro\u00dfbritannien (Neuwahl), USA (eigentlich alles, was mit Trump zu tun hat). Trotzdem lohnt es sich, kurz an den Feiertag zur\u00fcckzudenken, n\u00e4mlich wegen eines Artikels, der zum Koningsdag im NRC erschienen ist. In ihrer Sprachkolumne schreibt Japke-d. Bouma, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[720,3099,71808,6941],"tags":[44141,44150],"class_list":["post-14936","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-syntax","category-wortbildung","tag-beitraege-auf-deutsch","tag-royalty"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14936","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14936"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14936\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":15033,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14936\/revisions\/15033"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14936"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14936"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14936"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}