{"id":16029,"date":"2017-10-24T10:05:40","date_gmt":"2017-10-24T08:05:40","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=16029"},"modified":"2017-10-25T23:00:24","modified_gmt":"2017-10-25T21:00:24","slug":"von-der-sprache-bis-zum-klo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/10\/24\/von-der-sprache-bis-zum-klo\/","title":{"rendered":"Von der Sprache bis zum Klo"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bradypus.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/18\/Bradypus.jpg\/180px-Bradypus.jpg\" alt=\"\" width=\"70\" height=\"94\" \/><\/a><em>Was bisher geschah\u2026 Ein R\u00fcckblick auf den Sommer, Teil 4<\/em><\/p>\n<p>Die Stadtverwaltung von Amsterdam hat etwas Ungeheuerliches getan. Sie hat Ratschl\u00e4ge verteilt. Wo kommen wir denn hin, wenn das jeder tut? Nat\u00fcrlich darf die Stadtverwaltung Ratschl\u00e4ge verteilen, gerade wenn sie sich an die eigenen Besch\u00e4ftigten richten. Aber: Ratschl\u00e4ge \u00fcber Sprache? Geschlechtergerechte Sprache?! Da h\u00f6rt der Spa\u00df auf.<\/p>\n<p>Jedenfalls wirkten so die Reaktionen, als die Verwaltung eine Handreichung herausgab, wie beispielsweise offizielle Schreiben geschlechterneutral formuliert werden k\u00f6nnen. Wohlgemerkt: <em>k\u00f6nnen<\/em>, nicht <em>m\u00fcssen<\/em>. Alles \u00fcberfl\u00fcssig, fanden die Christdemokraten. Sie halten es f\u00fcr <em>aanstellerij<\/em>, wenn sich manche Menschen von den bisherigen Formulierungen nicht angesprochen oder ber\u00fccksichtigt f\u00fchlen. Dass eine Partei die Bed\u00fcrfnisse eines Teils der Bev\u00f6lkerung \u2013 und wenn es nur ein kleiner Teil ist \u2013 f\u00fcr irrelevant oder herbeiphantasiert erkl\u00e4rt, ist gerade f\u00fcr niederl\u00e4ndische Verh\u00e4ltnisse milde gesagt ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n<p>Die Stadtverwaltung ist nicht alleine mit ihren Ratschl\u00e4gen. Die <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/politiek\/genderneutraal-taalgebruik-in-opmars-schiphol-en-gvb-gebruiken-al-attentie-en-beste-reiziger~a4508621\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volkskrant<\/a> vergleicht die unterschiedlichsten Betriebe und \u00f6ffentlichen Orte, wie dort mit geschlechtergerechter Sprache umgegangen wird, vom Flughafen Schiphol \u00fcber die Eisenbahn bis zu Nahverkehrsunternehmen. Relevant genug findet man das Thema auch beim NRC. Dort gibt es ein ganzes <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/dossier\/genderneutrale-taal\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dossier<\/a> \u00fcber diese Fragestellungen.<\/p>\n<p>Im Detail knirscht es aber noch ein wenig. Die Zeitung <a href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2017\/07\/26\/geachte-dames-en-heren-nee-liever-niet-12257592-a1568036\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zitiert eine Person<\/a>, die darum bittet, mit dem geschlechtsneutralen Pronomen <em>hen <\/em>(als Subjekt des Satzes) bezeichnet zu werden, um nicht gegen den eigenen Willen als Mann oder Frau festgelegt zu werden. <em>Hen <\/em>ist eigentlich ein schwedisches Pronomen, das dort zu genau diesem Zweck geschaffen wurde und neben dem maskulinen <em>han<\/em> und dem femininen <em>hon <\/em>steht. Pragmatische L\u00f6sung, skandinavisch eben. Genauso pragmatische L\u00f6sung, das Pronomen als Entlehnung einfach ins Niederl\u00e4ndische zu \u00fcbernehmen. Es passt ja nicht schlecht in die Laut- und Formstruktur, schlie\u00dflich ist <em>hij <\/em>auch einsilbig und beginnt mit <em>h- <\/em>im Anlaut. Nicht ganz so praktisch ist vielleicht, dass damit noch mehr Verwirrung entsteht im Verh\u00e4ltnis zwischen <em>hun <\/em>und <em>hen<\/em>, die es im Niederl\u00e4ndischen schon gibt und die gerne durcheinander geraten. Der Redaktion vom NRC kommt das vielleicht alles zu kompliziert vor. Jedenfalls entscheidet sie sich, dennoch von <em>hij<\/em> zu schreiben, auch wenn direkt zuvor erw\u00e4hnt wird, dass die genannte Person das nicht m\u00f6chte.<\/p>\n<div style=\"width: 349px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Gender_(beek)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c1\/NieuweGender-Eindhoven.jpg\" alt=\"\" width=\"339\" height=\"250\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Der\/die Gender ist \u00fcbrigens auch ein Bach, der durch Eindhoven flie\u00dft. (Cwoyte, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Die Vorschl\u00e4ge der Stadtverwaltung von Amsterdam sind sehr vielseitig und gerade im Vergleich zum Deutschen interessant. Statt <em>meneer <\/em>und <em>mevrouw <\/em>oder <em>dames en heren<\/em> k\u00f6nne man je nach Situation beispielsweise von <em>aanwezigen <\/em>oder einfach <em>mensen<\/em> sprechen. Das funktioniert sicher, und es ginge auch auf Deutsch: <em>Menschen <\/em>und <em>Anwesende <\/em>k\u00f6nnen alle sein, egal ob Mann oder Frau, oder keins von beiden. Verwendbar sei auch <em>Amsterdammers<\/em>, ebenso wie man am Flughafen oder im Zug von <em>reizigers<\/em> spricht. (Die m\u00f6glichen Formen\u00a0<em>Amsterdamsen\u00a0<\/em>und\u00a0<em>reizigsters\u00a0<\/em>scheint man nicht so recht ernst zu nehmen.) Auf Deutsch w\u00e4re <em>Reisende<\/em> ein geeignetes Pendant; bei <em>Fahrg\u00e4ste\u00a0<\/em>scheiden sich wahrscheinlich die Geister: Entweder es gilt als geschlechtergerecht oder gerade als das Gegenteil, weil es keine etablierte feminine Form von <em>Gast <\/em>gibt.\u00a0<em>G\u00e4stin\u00a0<\/em>wurde zwar schon in den Duden aufgenommen, findet aber bisher noch keine besonders weite Verwendung. Im Niederl\u00e4ndischen werden \u00e4hnlich wie im Englischen Begriffe auf \u2013<em>er <\/em><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/07\/25\/man-vrouw-maatschappij\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als geschlechtsneutral verstanden<\/a>. Bei deutschen Vorschl\u00e4gen zur Ber\u00fccksichtigung aller Menschen sind genau das die Formen, die am meisten Ideen und auch am meisten Polemik hervorbringen, vom Binnen-I \u00fcber den Schr\u00e4gstrich, Gender Gap, Sternchen bis hin zum \u2013<em>x<\/em>. Mit <em>Amsterdammer <\/em>oder <em>Berliner <\/em>k\u00e4me man in Deutschland also nicht weit.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit ist der Hinweis aus Amsterdam, dass <em>homoseksueel <\/em>ebenfalls ausschlie\u00dfend sei, weil damit beispielsweise lesbische Frauen nicht mitbezeichnet w\u00fcrden. Das ist im Vergleich zum Deutschen erstaunlich, kennen wir doch <em>homosexuell <\/em>gerade als Dachbegriff f\u00fcr gleichgeschlechtliche Orientierungen, egal ob bei M\u00e4nnern oder Frauen. Im Niederl\u00e4ndischen hat sich aber <em>homo(seksueel<\/em>) allein f\u00fcr M\u00e4nner durchgesetzt und ein exaktes Pendant zu <em>schwul <\/em>liegt nicht vor \u2013 au\u00dfer man greift z.B. zum Englischen <em>gay. <\/em>Ob die <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/07\/02\/ehe-fuer-jedermann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">betroffene Zielgruppe<\/a> mit dem Vorschlag <em>roze Amsterdammers <\/em>wirklich zufrieden ist? Auf Deutsch w\u00e4re jedenfalls gerade diese Form wegen des <em>\u2013er<\/em> wieder ungeeignet.<\/p>\n<p>Was dagegen hier wie dort exakt identisch ist: Das Aufregerthema geschlechtergerechte Sprache scheint nahezu automatisch zum ebenso emp\u00f6renden Thema Unisex-Toiletten zu f\u00fchren. Kaum eine Debatte \u00fcber das Eine kommt ohne polemische Kommentare \u00fcber das andere aus. Weder Volkskrant noch NRC kommen um diesen Zusammenhang herum, und dasselbe gilt f\u00fcr jede x-beliebige Berichterstattung \u00fcber Geschlechtergerechtigkeit in deutschen Medien. Nennen wir es einfach das Zweite <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Wet_van_Godwin\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Godwinsche Gesetz<\/a>: \u201eMit Verlauf einer Diskussion \u00fcber geschlechtergerechte Sprache tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass Toiletten ins Spiel kommen, gegen 1.\u201c<\/p>\n<p>Den Umweg \u00fcber die Sprachdebatte brauchte man in Amsterdam gar nicht unbedingt. Als eine Frau wegen <em>wildplassen <\/em>(Dt. urinieren in der \u00d6ffentlichkeit) zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/opinie\/commentaar-vrouwen-pikken-het-terecht-niet-meer-waar-zijn-die-openbare-toiletten~a4517417\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">regte sich rasch Widerstand<\/a>, weil es deutlich mehr \u00f6ffentliche Toiletten f\u00fcr M\u00e4nner als f\u00fcr Frauen gibt. Der <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/binnenland\/rechter-vrouw-kan-best-plassen-in-urinoir-al-is-het-niet-prettig%7Ea4517147\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Richter <\/a>erkl\u00e4rte die bekannten Urinal-Spiralen der Stadt jenseits aller Machbarkeit kurzerhand zur Unisextoilette und empfahl den Frauen, diese mitzunutzen. Die Reaktionen darauf waren <a href=\"https:\/\/wnl.tv\/2017\/09\/22\/video-vrouwen-plassen-massaal-op-straat-protest-wildplasboete\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deutlich:<\/a> Zahlreiche Amsterdamsen und sicher auch einige G\u00e4stinnen von au\u00dferhalb verabredeten sich zum gemeinsamen Protestpinkeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bisher geschah\u2026 Ein R\u00fcckblick auf den Sommer, Teil 4 Die Stadtverwaltung von Amsterdam hat etwas Ungeheuerliches getan. Sie hat Ratschl\u00e4ge verteilt. Wo kommen wir denn hin, wenn das jeder tut? Nat\u00fcrlich darf die Stadtverwaltung Ratschl\u00e4ge verteilen, gerade wenn sie sich an die eigenen Besch\u00e4ftigten richten. Aber: Ratschl\u00e4ge \u00fcber Sprache? Geschlechtergerechte Sprache?! Da h\u00f6rt der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[720,3099,6941,6940],"tags":[44147,44141],"class_list":["post-16029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-wortbildung","category-wortschatz","tag-affixe","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=16029"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":16263,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/16029\/revisions\/16263"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=16029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=16029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=16029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}