{"id":16640,"date":"2018-01-27T08:45:09","date_gmt":"2018-01-27T07:45:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=16640"},"modified":"2018-01-27T10:22:51","modified_gmt":"2018-01-27T09:22:51","slug":"rundfunk-zieht-blank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/01\/27\/rundfunk-zieht-blank\/","title":{"rendered":"Rundfunk zieht \u201eblank\u201c\u2026"},"content":{"rendered":"<p>\u2026aus dem Verkehr. Wenn es darum geht, rassistischen Sprachgebrauch und alte koloniale Muster zu vermeiden oder insgesamt einfach respektvoll zu sprechen und zu schreiben, dann steht h\u00e4ufig das \u201eN-Wort\u201c im Raum. Es ist nicht lange her, dass es einem AfD-Politiker immer noch nicht zu bl\u00f6d war, es zu benutzen.<\/p>\n<p>In den Niederlanden diskutiert man jetzt \u00fcber das Gegenst\u00fcck. Der \u00f6ffentliche Rundfunk NOS hat eine <a href=\"https:\/\/over.nos.nl\/nieuws\/921\/waarom-gebruikt-de-nos-soms-wit-en-soms-blank\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">redaktionelle Entscheidung<\/a> getroffen, wie Menschen mit heller Hautfarbe genannt werden sollen: Ab sofort will man statt <em>blank <\/em>eher <em>wit <\/em>sagen. Nicht unbedingt als feste Regel, aber als Empfehlung an die Redaktionen. Andere Medien, vor allem Zeitungen, schlie\u00dfen sich dem an.<\/p>\n<p>Warum diese \u00c4nderung? F\u00fcr viele scheint <em>blank <\/em>fest zu einem Begriffspaar zu geh\u00f6ren und damit das l\u00e4ngst nicht mehr akzeptable Wort f\u00fcr dunkelh\u00e4utige Menschen sozusagen unsichtbar mit aufzurufen. Das ist nicht v\u00f6llig von der Hand zu weisen, denn <em>blank <\/em>ist ein Begriff, der gerade in Texten aus der Kolonialzeit immer dann vorkommt, wenn es um Gegens\u00e4tze zwischen den Menschen geht, um \u201ewir\u201c und \u201edie Anderen\u201c. <em>Blank <\/em>bedeutet in diesem Fall vor allem <em>farblos<\/em>. \u201eFarbe\u201c haben eben in der kolonialen Logik nur \u201edie Anderen\u201c.<\/p>\n<p>Dass <em>wit <\/em>im Niederl\u00e4ndischen als unverf\u00e4nglicher gilt, ist aus deutscher Perspektive vielleicht \u00fcberraschend. <em>Wit <\/em>wurde f\u00fcr die Beschreibung von Hautfarben auf Niederl\u00e4ndisch seltener benutzt. Auf Deutsch und auch Englisch dagegen sehr wohl: Der <em>wei\u00dfe Mann<\/em> ist ein absolut koloniales Konzept (interessanterweise spielt dabei auch das Geschlecht noch eine Rolle), und auf Englisch ist die Phrase von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/The_White_Man%27s_Burden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>The White Man\u2019s Burden <\/em><\/a>fest verankert f\u00fcr koloniales Denken. <em>Blank <\/em>ist auf Deutsch dagegen zum Beispiel ein gl\u00e4nzendes Metall oder umgangssprachlich jemand der nackt oder pleite ist.<\/p>\n<div style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/74\/Cup_or_faces_paradox.svg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/74\/Cup_or_faces_paradox.svg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"211\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Wer nur die unschuldige wei\u00dfe Vase sehen will, blendet die schwarzen Gesichter bereitwillig aus. (B. Derksen, CC-BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Es \u00fcberrascht wenig, dass die PVV von dem neuen Formulierungsvorschlag wenig h\u00e4lt. Der <a href=\"https:\/\/nos.nl\/nieuwsuur\/artikel\/2213596-blank-of-wit-een-taalstrijd-met-een-politieke-ondertoon.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rundfunk zitiert<\/a> den Abgeordneten Martin Bosma mit der Beschwerde \u201edat je aan de andere kant van de wereld moet kijken om een woord in diskrediet te brengen.\u201d Das ist ziemlicher Unsinn, denn die Bezeichnungen gingen schlie\u00dflich von den Niederlanden als Kolonialmacht aus. Sie haben sich selbst in Misskredit gebracht. Dass die Rechte nicht gern ans andere Ende der Welt schaut, weil man dort mit Kolonialgeschichte konfrontiert wird, ist kein Wunder.<\/p>\n<p>Lustigerweise beruft sich Bosma selbst auf die Sprachgeschichte: <em>Blank <\/em>sei schon tausende Jahre alt. <em>Wit <\/em>ist das allerdings auch. Beide W\u00f6rter geh\u00f6ren zum uralten Wortschatz \u2013 aber wof\u00fcr genau das ein Argument sein soll, ist fraglich. Auch alte W\u00f6rter k\u00f6nnen respektlos und diskriminierend sein oder im Laufe der Zeit eine solche Konnotation entwickeln. Bosma m\u00f6chte jedenfalls selbst kein <em>witte man <\/em>sein, sondern weiterhin <em>blank. <\/em>Was implizit ausgedr\u00fcckt mit sich bringt: Er m\u00f6chte auch weiter <em>neger<\/em> sagen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>In der Diskussion hat sich auch der <a href=\"https:\/\/www.vrt.be\/vrtnws\/nl\/2018\/01\/25\/waarom-het-woord--blank--niet-weg-hoeft-\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">fl\u00e4mische Rundfunk<\/a> zu Wort gemeldet. Der <em>nieuwsombudsman <\/em>der VRT, Tim Pauwels, findet den Wechsel von <em>blank<\/em> zu <em>wit <\/em>ebenfalls \u00fcberfl\u00fcssig. Pauwels r\u00e4umt frei ein, dass er sich \u00fcber <em>blank <\/em>keine Gedanken macht und es deshalb auch keine Konnotation hat. Sich selbst nimmt er gro\u00dfz\u00fcgig als Modell, um die gesamte Debatte f\u00fcr unsinnig zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Pauwels und Bosma berufen sich beide auf den Van Dale. Bosma sagt, laut W\u00f6rterbuch sei <em>wit <\/em>kein Wort f\u00fcr eine Hautfarbe, und die Entscheidung damit schlichtweg falsch. Er hat nicht verstanden, dass der Van Dale keine ewig g\u00fcltigen Regeln aufstellt, sondern den Sprachgebrauch abbildet und erst damit Orientierung \u00fcber den Bereich des Standards bietet. Wenn also k\u00fcnftig <em>wit <\/em>h\u00e4ufiger f\u00fcr eine helle Hautfarbe benutzt wird, dann wird das demn\u00e4chst auch im Van Dale ankommen. Pauwels sagt seinerseits, von einer Konnotation des Wortes <em>blank <\/em>st\u00fcnde nichts im Van Dale, also gebe es sie nicht. Auch er scheint auf eine gro\u00dfe magische Kraft des W\u00f6rterbuches zu vertrauen: was drin steht, ist Teil der Sprache; was fehlt, existiert in der Sprache nicht.<\/p>\n<p>Der Van Dale gibt selbstverst\u00e4ndlich bei den allermeisten W\u00f6rtern keine Konnotationen an, weil es davon unendlich viele gibt. Das Buch w\u00fcrde einfach \u00fcberquellen. Dass man es mit negativen Konnotationen gerade im Bereich von rassistischen Begriffen beim Van Dale sowieso nicht so genau nimmt, haben wir <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/05\/08\/van-dale-racistisch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> schon einmal gesehen. Unabh\u00e4ngig davon muss Pauwels Blick in den Van Dale unter dem Eintrag <em>blank <\/em>sehr selektiv gewesen sein. Bei Punkt 4 wird dort das Begriffsfeld rund um die Hautfarbe abgehandelt. Die ersten beiden Beispiele: &#8222;het blanke ras&#8220; und &#8222;blanke slavinnen&#8220;. Man muss schon sehr gezielt wegschauen um dabei nicht den kolonial-rassistischen Kontext des Wortes zu erkennen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich steht bei der ganzen Debatte auch immer eine weitere Frage im Raum: Brauchen wir \u00fcberhaupt einen Begriff, mit dem Menschen nach Hautfarben klassifiziert werden? Ideal w\u00e4re eine Gesellschaft, in der wir das nicht tun und daher auch der Wortschatz daf\u00fcr irrelevant wird. Solange es aber rassistische Strukturen in der Welt gibt, m\u00fcssen wir diese beschreiben k\u00f6nnen. Wir brauchen also Begriffe f\u00fcr die Konzepte, die rassistische Vorstellungen benutzen: f\u00fcr Menschenbilder auf der Basis von Hautfarbe. Nur sollten wir dabei nicht in die Falle tappen, bei der Bezeichnung dieser Konzepte auch die abwertenden Begriffe zu \u00fcbernehmen. Dass manche genau darauf bestehen, kann einem das blanke Entsetzen einjagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026aus dem Verkehr. 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