{"id":16689,"date":"2018-02-14T16:24:28","date_gmt":"2018-02-14T15:24:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=16689"},"modified":"2018-04-07T11:30:48","modified_gmt":"2018-04-07T09:30:48","slug":"missverstaendliches-suessholz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/02\/14\/missverstaendliches-suessholz\/","title":{"rendered":"Missverst\u00e4ndliches S\u00fc\u00dfholz"},"content":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Lakritze ist eine Geschichte der Missverst\u00e4ndnisse. Meiner pers\u00f6nlichen Meinung nach besteht das allererste Missverst\u00e4ndnis darin, dass geschmolzene, gezuckerte Autoreifen angeblich gut schmecken. Aber da scheinen viele anderer Ansicht zu sein, also lassen wir die Geschmacksdiskussion und schauen nach den sprachlichen Missverst\u00e4ndnissen.<\/p>\n<p>Auf Deutsch haben wir zun\u00e4chst einmal wieder ein <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/01\/10\/alle-drei-die-unmoeglichen-erklaerungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikelproblem<\/a>: Es gibt <em>der <\/em>und <em>das Lakritz<\/em> und <em>die Lakritze<\/em>. Manches davon ist regional, aber das muss uns jetzt nicht weiter k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Der Begriff <em>Lakritz <\/em>und fast alle Bezeichnungen in anderen europ\u00e4ischen Sprachen gehen zur\u00fcck auf die griechische Bezeichnung der S\u00fc\u00dfholzwurzel, aus der das Produkt gewonnen wird: <em>glykyrrh\u00edza<\/em>, aus \u03b3\u03bb\u03c5\u03ba\u03cd\u03c2 (<em>glykys<\/em> f\u00fcr <em>s\u00fc\u00df<\/em>) und \u1fe5\u03af\u03b6\u03b1 (<em>rhiza<\/em> f\u00fcr <em>Wurzel<\/em>). Ab da begannen die Irrt\u00fcmer, n\u00e4mlich schon bei den Lateinern. Weil man aus der S\u00fc\u00dfholzwurzel einen fl\u00fcssigen Extrakt herstellte, kam <em>liquidus <\/em>ins Spiel. Daraus wurde f\u00fcr das Endprodukt <em>liquiritia<\/em>, heute auch im Italienischen noch <em>liquirizia<\/em>. F\u00fcr die germanischen Sprachen ist der Weg zu <em>Lakritz<\/em>, engl. <em>liquorice<\/em> oder auch <em>lakris <\/em>u.\u00e4. in Skandinavien einigerma\u00dfen erkennbar.<\/p>\n<div style=\"width: 276px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d8\/Glycyrrhiza_glabra_%28Pile_of_Spanish_wood_chips%29.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d8\/Glycyrrhiza_glabra_%28Pile_of_Spanish_wood_chips%29.jpg\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"298\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Was mal Lakritz werden wird. (E. Silversmith, GFDL)<\/p><\/div>\n<p>Viele slawische Sprachen beteiligen sich am selben Muster, etwa russ. \u043b\u0430\u043a\u0440\u0438\u0446\u0430, poln. <em>lukrecja<\/em>, tschech. <em>l\u00e9ko\u0159ice<\/em>. In den romanischen Sprachen hat man die Silben noch ein bisschen weiter gemischt und durch Metathesen (Vertauschungen) wurde daraus spanisch und portugiesisch <em>regaliz <\/em>oder franz\u00f6sisch<em> r\u00e9glisse<\/em>. Die ganzen Bezeichnungen und weitere Volksetymologien in der Romania kann man <a href=\"https:\/\/static.uni-graz.at\/fileadmin\/gewi-institute\/Sprachwissenschaft\/GLS_Download\/GLS_49_-_Grzega.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier (pdf)<\/a> ausf\u00fchrlicher nachlesen. Sogar \u201aAu\u00dfenseiter\u2018 wie Baskisch (<em>erregaliz<\/em>), Estnisch (<em>lagrits<\/em>) oder Maltesisch (<em>likorizja<\/em>) tanzen nicht aus der Reihe.<\/p>\n<p>Und dann kommt Niederl\u00e4ndisch mit <em>drop<\/em>. Bei dem ganzen Laut- und Buchstabensalat dachte man sich wohl: Das geht doch auch einfacher! Da die Lakritz-Rohmasse relativ fl\u00fcssig ist, formt(e) man daraus Drops zum Lutschen. Das Produkt wurde und wird schlie\u00dflich auch als Arzneimittel eingesetzt, etwa gegen Husten. Und da die Niederlande bei der Produktion und dem Konsum von Lakritze <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Drop\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">europaweit Spitzenreiter<\/a> sind, ist ein eigenes Wort sicher nicht unangemessen. Ein wort, dass auch unsere Studierenden gelegentlich schon <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/07\/21\/examentijd\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">verwirrt<\/a> hat.<\/p>\n<p>Damit ist es im Niederl\u00e4ndischen aber trotzdem noch nicht zu Ende, denn jetzt kommt Flandern ins Spiel. Dort gibt es die regionale Bezeichnung <em>kalisse <\/em>und \u00e4hnliche Formen. Man ahnt es schon: Franz\u00f6sisch. Jedenfalls wahrscheinlich, denn\u00a0<a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/kalisse\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ganz genau wei\u00df man es nicht<\/a>. Vielleicht ist es auch unabh\u00e4ngig vom Franz\u00f6sischen aus dem Latein gekommen, jedenfalls ist es am Ende doch wieder dieselbe Grundlage wie <em>Lakritz <\/em>und all die anderen W\u00f6rter. Damit das Spiel der Entlehnungen und Umformungen noch ein bisschen un\u00fcbersichtlicher wird, ging <em>kalisse <\/em><a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=7Jj625vvHckC&amp;lpg=PP1&amp;dq=dictionnaire%20de%20belgicismes&amp;hl=de&amp;pg=PA175#v=onepage&amp;q=caliche&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in Belgien (vor allem Br\u00fcssel)<\/a> den Weg wieder zur\u00fcck ins Franz\u00f6sische, als <em>caliche<\/em>. Damit ist der Drops gelutscht: Au\u00dfer der Tatsache dass irgendwo ein [k], ein [l] und ein [i] vorkommt, hat das mit der griechischen Urform nicht mehr viel gemein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte der Lakritze ist eine Geschichte der Missverst\u00e4ndnisse. Meiner pers\u00f6nlichen Meinung nach besteht das allererste Missverst\u00e4ndnis darin, dass geschmolzene, gezuckerte Autoreifen angeblich gut schmecken. Aber da scheinen viele anderer Ansicht zu sein, also lassen wir die Geschmacksdiskussion und schauen nach den sprachlichen Missverst\u00e4ndnissen. 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