{"id":16985,"date":"2018-05-12T16:55:32","date_gmt":"2018-05-12T14:55:32","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=16985"},"modified":"2018-05-14T11:38:03","modified_gmt":"2018-05-14T09:38:03","slug":"integration-bis-ins-wohnzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/05\/12\/integration-bis-ins-wohnzimmer\/","title":{"rendered":"Integration bis ins Wohnzimmer"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit tr\u00f6tete die CSU in Deutschland wieder eine ihrer ber\u00fchmten Provokationsforderungen in den Raum: In Migrantenfamilien solle gef\u00e4lligst zuhause Deutsch gesprochen werden. Dass das sowohl f\u00fcr den Spracherwerb der Kinder als auch f\u00fcr die gesellschaftliche Anerkennung von Mehrsprachigkeit ziemlich unsinnig ist, k\u00fcmmerte die Partei wenig.<\/p>\n<p>Weniger plakativ, daf\u00fcr ausgestattet mit \u00e4hnlich vielen unterschwelligen Annahmen, kommt nun der neue <em>Integratierapport <\/em>der fl\u00e4mischen Regierung daher. Dass daf\u00fcr Liesbeth Homans (die Ministerin mit dem <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/06\/28\/erschwerte-erleichterungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">meterlangen Ressortnamen<\/a>) von der N-VA verantwortlich ist, \u00fcberrascht wenig. Wie sehr die Tageszeitung <a href=\"https:\/\/www.demorgen.be\/binnenland\/integratierapport-thuis-wordt-amper-nederlands-gesproken-b0a6d844\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>De Morgen<\/em><\/a> Grundannahmen aus dieser politischen Richtung \u00fcbernimmt \u2013 wahrscheinlich ohne es zu merken \u2013, das \u00fcberrascht schon mehr.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist zuerst einmal die Auswahl der Personen, die f\u00fcr den Bericht befragt wurden, n\u00e4mlich \u201eVlamingen en Brusselaars van Belgische, Turkse, Marokkaanse, Poolse, Roemeense en Congolese origine\u201c. Mit anderen Worten: Man vergleicht Menschen mit langer belgischer Familiengeschichte und solche aus sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlten Herkunftsl\u00e4ndern. Migration zum Beispiel aus den Nachbarl\u00e4ndern, aus West- und S\u00fcdeuropa kommt in dem Bericht nicht vor. Bei wem man \u201eIntegration\u201c \u00fcberhaupt beurteilen muss, ist damit klar.<\/p>\n<p>Ein Kennwert, f\u00fcr den man sich <em>De Morgen<\/em> und die fl\u00e4mische Regierung besonders interessieren, ist genau die alte CSU-Forderung: Wird in den Familien zuhause Niederl\u00e4ndisch gesprochen? Die Zahlen f\u00fcr die verschiedenen Herkunftsgruppen werden nicht nur genannt, sondern auch bewertet. In Familien mit rum\u00e4nischem Hintergrund wird zuhause beispielsweise wenig Niederl\u00e4ndisch gesprochen \u2013 dagegen: \u201eTurkse en Marokkaanse Vlamingen doen het een pak beter.\u201c<\/p>\n<div style=\"width: 316px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bruges_belgium_Houses-at-Coupure-Canal-01.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/bc\/Bruges_belgium_Houses-at-Coupure-Canal-01.jpg\" alt=\"\" width=\"306\" height=\"204\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Wie hinter diesen Fenstern und T\u00fcren in Br\u00fcgge gesprochen wird, will die N-VA unbedingt wissen. (CEphoto, U. Aranas, CC-BY-SA-3.0)<\/p><\/div>\n<p>Warum das besser ist, bleibt das Geheimnis der Redaktion. Aus Sicht der Mehrsprachigkeitsforschung ist das keineswegs unbedingt w\u00fcnschenswert. Wichtig ist vor allem, dass Eltern und Kinder viel, ungezwungen und konstruktiv miteinander sprechen, egal in welcher Sprache. Und die Familie ist der wichtigste Ort, an dem die Herkunftssprachen weitergegeben werden, so dass Mehrsprachigkeit \u00fcberhaupt wachsen kann.<\/p>\n<p>Aus dem knappen S\u00e4tzlein in der Zeitung wird eine ziemlich harte Sichtweise deutlich: Ein gut integrierter Migrant ist der, der sich auch in den eigenen vier W\u00e4nden an die umgebende Gesellschaft anpasst. Letztendlich steht die Erwartung im Raum, die Herkunftssprache aufzugeben oder zumindest das Niederl\u00e4ndische als weitere Familiensprache anzunehmen \u2013 ob das nun f\u00fcr die Kommunikation in der Familie nat\u00fcrlich ist oder nicht.<\/p>\n<p>Warum man \u00fcberhaupt diese Frage in einer Untersuchung zur Integration stellen muss, bleibt das Geheimnis der fl\u00e4mischen Regierung. Und die Zeitung stellt sich offenbar auch keine Fragen zu den Hintergr\u00fcnden dieses Kriteriums. Sie \u00fcbernimmt die Angaben einfach als eine Art der Information, mit der sich Integration messen lassen soll.<\/p>\n<p>Wie die \u201eur-belgische\u201c Vergleichsgruppe genau aussieht, auch dar\u00fcber l\u00e4sst uns die Zeitung im Unklaren. \u00dcber das Sprachverhalten von Frankophonen in Flandern oder umgekehrt erfahren wir nichts. Einerseits gut, weil damit ein St\u00fcck Fixierung auf das Zweierverh\u00e4ltnis wegf\u00e4llt. Andererseits gar nicht gut, weil die Obsession mit Migration in Flandern langsam anstelle des innerbelgischen Konflikts zu treten scheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit tr\u00f6tete die CSU in Deutschland wieder eine ihrer ber\u00fchmten Provokationsforderungen in den Raum: In Migrantenfamilien solle gef\u00e4lligst zuhause Deutsch gesprochen werden. 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