{"id":17278,"date":"2018-08-19T00:59:26","date_gmt":"2018-08-18T22:59:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17278"},"modified":"2018-09-03T19:56:54","modified_gmt":"2018-09-03T17:56:54","slug":"struikel-blok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/08\/19\/struikel-blok\/","title":{"rendered":"Struikel-Blok"},"content":{"rendered":"<p>Seit M\u00e4rz ist Stef Blok niederl\u00e4ndischer Au\u00dfenminister. Sein Vorg\u00e4nger <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Halbe_Zijlstra\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Halbe Zijlstra<\/a> war nur ein paar Monate im Amt und musste dann zur\u00fccktreten, weil er Unsinn \u00fcber Gespr\u00e4che erz\u00e4hlt hatte, bei denen er selbst gar nicht anwesend war. Auch f\u00fcr Blok k\u00f6nnten einige Aussagen jetzt zum <em>struikelblok <\/em>(dt. Stolperstein) in der Karriere werden. Anders als Zijlstra war er durchaus anwesend, als er n\u00e4mlich selbst <a href=\"http:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20180817_03670100\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ziemlich dreiste Dinge<\/a> \u00fcber verschiedene L\u00e4nder der Welt sagte. Suriname war in seinen Augen ein \u201afailed state\u2018 und auff\u00e4llig viele Meinungen hatte er \u00fcber multikulturelle und multiethnische Gesellschaften.<\/p>\n<p>Besonders interessant war aber das, was er \u00fcber Belgien zu sagen hatte. Im s\u00fcdlichen Nachbarland sei, \u00e4hnlich wie in der Schweiz, eine rechtspopulistische Partei stark \u2013 mit der er nicht \u00fcbereinstimme, aber:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eHet is niet zo dat Zwitserland een onleefbaar land is geworden. Of Belgi\u00eb, althans niet meer onleefbaar dan het daarvoor al was.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Darin stecken mehrere Teil-Aussagen. Punkt 1: Das mit dem Rechtspopulismus ist nicht so dramatisch. Schon das allein ist starker Stoff f\u00fcr einen Minister aus der liberalen Partei des Ministerpr\u00e4sidenten. Punkt 2: Belgien ist eigentlich schon seit Langem in gewissem Ausma\u00df \u201eonleefbaar\u201c, und daran sind nicht die Rechtspopulisten schuld. (Man kann sich im restlichen Kontext vorstellen, was er stattdessen als Problem sieht.) Ob man nach so einer Aussage \u00fcber ein befreundetes Nachbarland noch Au\u00dfenminister bleiben kann?<\/p>\n<div style=\"width: 282px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Stef_Blok\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/1\/1f\/Stef_Blok_%282018%29.jpeg\" alt=\"\" width=\"272\" height=\"300\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Stef Blok. (Ministerie van Buitenlandse Zaken, CC-BY-SA 2.0)<\/p><\/div>\n<p>Jenseits der undiplomatischen Aussage des Chefdiplomaten der Niederlande steckt darin ein interessantes W\u00f6rtchen: <em>(on)leefbaar<\/em>. Nun haben wir kein direktes Pendant im Deutschen f\u00fcr das Wort <em>leefbaar<\/em>. Am ehesten passt wohl <em>lebenswert<\/em>. Das Suffix <em>\u2013bar<\/em> im Deutschen passt typischerweise vor allem zu transitiven Verbst\u00e4mmen, deren Objekte ein guter Patiens sein k\u00f6nnen: Man kann einen Brief zustellen, der Brief kann zugestellt werden, also ist er <em>zustellbar<\/em>. Auf Deutsch kann man eher schlecht <em>etwas leben<\/em>. Au\u00dfer vielleicht das Leben selbst: Wir leben ein fr\u00f6hliches Leben. Trotzdem ist unser Leben nicht ohne Weiteres <em>fr\u00f6hlich lebbar<\/em>. Schon gar nicht <em>lebbar<\/em> ist auf Deutsch eine Stadt oder ein Land. Jedenfalls noch nicht, denn <em>\u2013bar<\/em> greift sich langsam aber sicher weitere Wurzeln, die traditionell nicht zu ihm passen. Das bekannteste Beispiel ist <em>unkaputtbar.<\/em><\/p>\n<p>Nun w\u00e4re <em>lebbar <\/em>ohnehin keine v\u00f6llig absurde Wortform f\u00fcr das Deutsche. Denn <em>lebenswert<\/em> ist auch ein bisschen seltsam. W\u00f6rter auf <em>\u2013wert<\/em> kann man normalerweise sch\u00f6n in einem Satz aufl\u00f6sen: Ein liebenswerter Mensch ist es wert, geliebt zu werden. Eine bewundernswerte Tat ist es wert, bewundert zu werden. Aber eine lebenswerte Stadt ist es nicht wert, gelebt zu werden. Trotzdem ist sie lebenswert. Was <em>\u2013wert<\/em> kann, sollte <em>\u2013bar <\/em>eigentlich auch l\u00e4ngst k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen kann es das offenbar. Und zwar so sehr, dass es schon oft f\u00fcr die Politik benutzt wurde. <em>Leefbaar Nederland <\/em>hie\u00dfen <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Leefbaar_Nederland\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mehrere Parteien<\/a> im konservativen bis ganz rechten Spektrum. Die neueste <a href=\"http:\/\/www.leefbaarnederland.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Partei<\/a>, die 2017 zu den Parlamentswahlen unter diesem Namen antreten wollte, berief sich unmittelbar auf das Erbe von Pim Fortuyn. Es ginge sicher zu weit, <em>leefbaar <\/em>als Wortschatz der Neuen Rechten im Niederl\u00e4ndischen zu betrachten. Aber f\u00fcr alle vom populismus-entspannten Au\u00dfenminister bis hin zum Anh\u00e4nger von Pim Fortuyn scheint klar zu sein: <em>Leefbaar <\/em>ist das Gegenteil von Diversit\u00e4t. Gesellschaften, in denen zu viel ethnische oder kulturelle Vielfalt herrscht, sind anscheinend <em>onleefbaar<\/em>. L\u00e4nder mit starken Rechtspopulisten f\u00fcr den niederl\u00e4ndischen Au\u00dfenminister dagegen weniger.<\/p>\n<p>Normalerweise liefert das Deutsche ja in letzter Zeit gerne dem rechten Spektrum in Europa seine <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/02\/01\/vlagida-und-die-luegenpresse\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Schlagworte<\/a>. Die deutsche politische Rhetorik hat <em>lebenswert<\/em> noch nicht so recht entdeckt, egal ob bei Extremisten, Populisten oder Demokraten.<\/p>\n<p>Stattdessen musste die CDU bei der letzten Bundestagswahl halb ironisch und halb peinlich mit dem Hashtag #fedidwgugl in den Wahlkampf ziehen, als Abk\u00fcrzung von \u201ef\u00fcr ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben\u201c. Einfacher w\u00e4re gewesen: <em>Lebbares Deutschland<\/em>. Dass sie es nicht getan hat, stellt sich jetzt als Gl\u00fccksfall heraus. Wer wei\u00df, was Stef Blok sonst \u00fcber Deutschland gesagt h\u00e4tte?<\/p>\n<hr \/>\n<p>Nachtrag: Dem <a href=\"https:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/lebbar\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Duden<\/a> zufolge ist <em>lebbar <\/em>in der Schweiz durchaus g\u00e4ngig, etwa im Sinne von <em>ertr\u00e4glich<\/em> (etwa bei einer schwierigen Lebenslage, die dann schwer lebbar ist). Fragt sich, ob es f\u00fcr die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz und Belgien ges\u00fcnder ist, wenn man den Begriff in der Aussage von Blok mit <em>unertr\u00e4glich <\/em>\u00fcbersetzt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit M\u00e4rz ist Stef Blok niederl\u00e4ndischer Au\u00dfenminister. Sein Vorg\u00e4nger Halbe Zijlstra war nur ein paar Monate im Amt und musste dann zur\u00fccktreten, weil er Unsinn \u00fcber Gespr\u00e4che erz\u00e4hlt hatte, bei denen er selbst gar nicht anwesend war. 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