{"id":17419,"date":"2018-10-04T10:29:31","date_gmt":"2018-10-04T08:29:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17419"},"modified":"2018-10-08T18:33:19","modified_gmt":"2018-10-08T16:33:19","slug":"spitzenkandidaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/10\/04\/spitzenkandidaat\/","title":{"rendered":"Spitzenkandidaat"},"content":{"rendered":"<p>Die Gretchenfrage der europ\u00e4ischen Politik lautet derzeit: &#8222;Wie h\u00e4ltst du es mit Orb\u00e1n?&#8220; Die konservative EVP ist auf der Suche nach einem Politiker (keine einzige Frau wird momentan ernsthaft ins Spiel gebracht), der bei den Europawahlen im kommenden Jahr als m\u00f6glicher EU-Kommissionspr\u00e4sident ins Rennen gehen soll.<\/p>\n<p>Umstritten ist die Kandidatur von Manfred Weber, weil dessen CSU allzu kuschlig mit der demokratiefeindlichen Politik in Ungarn umgeht. Als Gegenentwurf pr\u00e4sentiert sich nun der Finne Alexander Stubb, wie <a href=\"http:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20181002_03801879\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">De Standaard<\/a> zu berichten wei\u00df. Die Zeitung nutzt dabei einen interessanten deutsch-niederl\u00e4ndischen Hybridbegriff f\u00fcr die Funktion, die der Erw\u00e4hlte im Wahlkampf einnehmen soll: <em>Spitzenkandidaat<\/em>.<br \/>\nEin Kompositium mit deutscher Gro\u00dfschreibung und einem eindeutig deutschen linken Glied &#8211; kombiniert mit der niederl\u00e4ndischen Schreibung von <em>kandidaat<\/em>. Dass <em>Kandidat<\/em> bzw. <em>kandidaat <\/em>sprach\u00fcbergreifend funktioniert, macht die Sache nat\u00fcrlich einfacher.<\/p>\n<p>Woher kommt aber diese Wortsch\u00f6pfung, die aus dem Deutschen abgeleitet ist? Eigentlich hat das Niederl\u00e4ndische doch selbst jede Menge Begriffe, mit denen man wichtige politische Kandidaturen bezeichnen kann, denken wir z.B. zur\u00fcck an <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/02\/11\/kopfstuecke-und-listenzieher\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kopstukken und lijsttrekkers<\/a>. Allerdings passt nichts davon exakt auf den Kontext der Europapolitik. Es gibt keine europaweiten Parteilisten, also wird der Spitzenkandidat kein <em>lijsttrekker<\/em> sein. Er muss auch nicht unbedingt Vorsitzender der EVP sein, also ist er auch nicht wirklich ein <em>kopstuk <\/em>im engeren Sinne. Das deutsche Wort <em>Spitzenkandidat <\/em>ist praktischerweise unspezifisch genug, um auch f\u00fcr die komplizierten Mechanismen der Europawahl zu passen.<\/p>\n<div style=\"width: 340px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6a\/EPP_Summit%2C_Kortrijk%3B_June_2014_%2814512023845%29.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/6a\/EPP_Summit%2C_Kortrijk%3B_June_2014_%2814512023845%29.jpg\" alt=\"\" width=\"330\" height=\"220\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Alexander Stubb 2014 beim EVP-Gipfel in Kortrijk. (EVP, CC-BY 2.0)<\/p><\/div>\n<p>Und weil der Begriff so praktisch ist, hat ihn nicht nur das Niederl\u00e4ndische \u00fcbernommen, sondern beispielsweise auch das Franz\u00f6sische. Nat\u00fcrlich versteht man auch dort, was ein <em>Kandidat <\/em>ist, selbst wenn man ihn mal nicht <em>candidat <\/em>schreibt. Manchmal setzt man den Begriff noch in Anf\u00fchrungszeichen, wie <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2018\/09\/06\/non-le-spitzenkandidat-n-est-pas-une-anomalie-democratique_5351312_3232.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Le Monde<\/a> &#8211; dort auch mit Gro\u00dfbuchstaben und damit noch klar als Lehnwort markiert. <a href=\"https:\/\/www.lopinion.fr\/edition\/international\/commission-europeenne-viktor-orban-spitzenkandidat-ppe-chronique-guy-160643\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L&#8217;Opinion<\/a> schreibt den Begriff <em>le spitzenkandidat <\/em>kursiv, aber schon mit Kleinbuchstaben, angereichert mit einer \u00dcbersetzung in Klammern. Die lautet nun allerdings &#8222;t\u00eate de liste&#8220;, was im Prinzip genau einem <em>lijsttrekker <\/em>entspr\u00e4che. \u00c4hnlich \u00fcbernimmt man den <em>Spitzenkandidat <\/em>in anderen Sprachen komplett, \u00fcbersetzt ihn aber noch einmal: in Portugal beim <a href=\"https:\/\/www.dn.pt\/mundo\/interior\/spitzenkandidat-a-nova-polemica-de-que-todos-falam-em-bruxelas-9127985.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Di\u00e1rio de Not\u00edcias<\/a> als &#8222;cabe\u00e7a de lista&#8220; (w\u00f6rtlich: &#8222;Listenkopf&#8220;), oder in Polen beim <a href=\"http:\/\/wiadomosci.dziennik.pl\/polityka\/artykuly\/573964,krasnodebski-szydlo-do-pe-z-listy-krakowskiej-pis.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dziennik<\/a> als &#8222;kandydatem wiod\u0105cym&#8220; (&#8222;anf\u00fchrender Kandidat&#8220;).<\/p>\n<p>Auch in niederl\u00e4ndischen und fl\u00e4mischen Medien finden sich noch Berichte, in denen der Begriff nicht als komplett vertraut vorausgesetzt wird und mit Anf\u00fchrungszeichen markiert ist, beispielsweise bei der <a href=\"https:\/\/www.vrt.be\/vrtnws\/nl\/2018\/02\/07\/het-europees-parlement-debatteert-over-spitzenkandidaten--maar-w\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">VRT<\/a> (mit Kleinschreibung) oder bei <a href=\"https:\/\/www.trouw.nl\/democratie\/europarlement-houdt-vast-aan-spitzenkandidaten-~aa502d00\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Trouw<\/a> (im Plural, wo man gar keinen Unterschied zwischen Deutsch und Niederl\u00e4ndisch mehr sieht). Dort glaubt man auch, den Urheber f\u00fcr den Begriff zu kennen: &#8222;Dat Duitse woord is gemeengoed geworden sinds toenmalig parlementsvoorzitter Schulz vijf jaar geleden voor introductie van dit systeem pleitte.&#8220;<\/p>\n<p>Die Kernfrage dabei ist, was schwerer wiegt: Die erst langsam wachsende Vertrautheit mit dem deutschen Wort <em>Spitzenkandidat<\/em>, oder die Tatsache, dass \u00fcberhaupt das Konzept des Spitzenkandidats f\u00fcr die Europapolitik noch nicht selbstverst\u00e4ndlich ist? Schlie\u00dflich dreht sich die Diskussion h\u00e4ufig um die Frage, ob die Europawahl verkn\u00fcpft werden soll mit zentralen Personen als m\u00f6gliche Kommissionspr\u00e4sidenten. Eine Neuerung im politischen Prozess geht also hier einher mit einer Neuerung der Begrifflichkeiten in mehreren europ\u00e4ischen Sprachen. Warum der neue Begriff ausgerechnet deutsch ist, auch dar\u00fcber kann man nachdenken. Die Flexibilit\u00e4t in der Bedeutung mag eine Rolle spielen, aber so mancher d\u00fcrfte darin vielleicht auch einen Beleg sehen, dass die EU wieder ein St\u00fcckchen deutscher wird.<\/p>\n<p>Relativ neutral umschreibt beispielsweise der schwedische Rundfunk <a href=\"https:\/\/www.svt.se\/nyheter\/utrikes\/okat-stod-for-eu-i-sverige-fler-svenskar-gillar-eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SVT<\/a> die Begriffswahl: &#8222;Med ett tyskt ord kallas detta \u201dSpitzenkandidat\u201d eller toppkandidat.&#8220; (Mit einem deutschen Wort nennt man dies &#8222;Spitzenkandidat&#8220; oder Topkandidat.) Dass \u00fcberall der deutsche Begriff kursiert, f\u00e4llt offenbar auf. Und Alternativen gibt es durchaus, aber anscheinend macht trotzdem das deutsche Wort europaweit die Runde.<\/p>\n<p>Da das in manchen Teilen Europas weiterhin Unwohlsein weckt (und weil man sich von Autokraten besser fernhalten sollte), m\u00fcsste man wirklich nicht unbedingt einen CSU-Politiker zum Spitzenkandidaten machen &#8211; ein finnischer <em>spitzenkandidaatti<\/em> w\u00e4re mal was Neues. Nun ist <em>kandidaatti <\/em>auf Finnisch leider nur ein Begriff f\u00fcr einen Studienabschluss; ein politischer Kandidat ist ein <em>ehdokas. <\/em>Aber davor m\u00fcssen Entlehnung und Sprachwandel ja nicht Halt machen &#8211; und siehe da: die Boulevardzeitung <a href=\"https:\/\/www.iltalehti.fi\/politiikka\/201806102201004214_pi.shtml\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ilta-Lehti<\/a> schreibt l\u00e4ngst vom spitzen-kandidaatti.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gretchenfrage der europ\u00e4ischen Politik lautet derzeit: &#8222;Wie h\u00e4ltst du es mit Orb\u00e1n?&#8220; Die konservative EVP ist auf der Suche nach einem Politiker (keine einzige Frau wird momentan ernsthaft ins Spiel gebracht), der bei den Europawahlen im kommenden Jahr als m\u00f6glicher EU-Kommissionspr\u00e4sident ins Rennen gehen soll. 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