{"id":17427,"date":"2018-10-09T12:03:49","date_gmt":"2018-10-09T10:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17427"},"modified":"2018-10-09T12:01:50","modified_gmt":"2018-10-09T10:01:50","slug":"trainer-auf-raedern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/10\/09\/trainer-auf-raedern\/","title":{"rendered":"Trainer auf R\u00e4dern"},"content":{"rendered":"<p>Das Jahr 2018 habe ich zu meinem pers\u00f6nlichen Mottojahr &#8222;Habsburg&#8220; erkl\u00e4rt. Im Dienste der Linguistik durfte ich im vergangenen Fr\u00fchjahr nach Bozen in S\u00fcdtirol reisen, um an einem Workshop zur historischen Mehrsprachigkeit teilzunehmen. Im August war das <em>Colloquium Neerlandicum <\/em>in Belgien, kurz darauf die <em>International Conference on Sociolinguistics <\/em>in Budapest &#8211; und zum Abschluss nun in der vergangenen Woche das Treffen der deutschsprachigen Niederlandistik in Wien.<\/p>\n<p>In Ungarn br\u00fctete ich l\u00e4ngere Zeit \u00fcber der Frage: Welche sprachlichen Verbindungen gibt es eigentlich zwischen Niederl\u00e4ndisch und Ungarisch? Unter den europ\u00e4ischen Sprachen ist das Ungarische ja eine der &#8222;exotischeren&#8220;. In der Grammatik oder Aussprache wird man wegen der geographischen Distanz wahrscheinlich kaum direkte Kontakte finden. Beim Wortschatz sieht das schon anders aus, aber auch hier sind die <a href=\"http:\/\/www.meertens.knaw.nl\/uitleenwoordenbank\/index.php\/uitleen\/zoek_gecombineerd?sort=alf&amp;initiaal=V&amp;taal=Hongaars\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Angaben der uitleenwoordenbank<\/a> relativ bescheiden. 56 W\u00f6rter werden aufgelistet, die eine ungarisch-niederl\u00e4ndische Geschichte haben. Die allermeisten wurden zwischen den beiden Sprachen \u00fcber das Deutsche vermittelt. Darunter sind klischeebeladene Begriffe wie <em>edammer, klompen <\/em>und <em>polder<\/em>, nat\u00fcrlich auch die Tulpe.<\/p>\n<p>Bei der Tulpe allerdings kann man ein wenig ins Zweifeln geraten. Sie hei\u00dft auf Ungarisch <em>tulip\u00e1n<\/em> &#8211; und ist damit viel n\u00e4her am persisch-t\u00fcrkischen Ursprungswort, das auch <a href=\"http:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/tulp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dem niederl\u00e4ndischen zugrunde<\/a> liegt. Dass Tulpen aus den Niederlanden nach Ungarn gehandelt wurden, liegt nahe. Aber Ungarn stand auch sehr lange unter osmanischem Einfluss. Ob <em>tulip\u00e1n <\/em>dann ohne Weiteres als Niederlandismus zu sehen ist?<\/p>\n<div style=\"width: 284px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:13-05-24-wien-RalfR-127.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/6\/68\/13-05-24-wien-RalfR-127.jpg\/1024px-13-05-24-wien-RalfR-127.jpg\" alt=\"\" width=\"274\" height=\"182\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Fiaker in Wien. (R. Roletschek, CC-BY 3.0)<\/p><\/div>\n<p>Ein etwas spannenderes Beispiel konnte ich erst in Wien ausfindig machen, weil man davon dort fast \u00fcberfahren wird: die Kutsche, <em>de koets<\/em>. Die gibts in den Niederlanden beispielsweise in einer ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Gouden_Koets_(Nederland)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">goldenen Ausf\u00fchrung<\/a>, die zum Prinsjesdag gebraucht wird. Die Herkunft des Wortes ist derart faszinierend, dass man unbedingt die packende Geschichte lesen sollte, die dazu in der <a href=\"http:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/koets1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Etymologiebank<\/a> zu finden ist. Dort erf\u00e4hrt man, was alles mit dem Wort zusammenh\u00e4ngt: Nicht nur ein von Pferden gezogener Wagen geh\u00f6rt dazu, sondern sogar der <em>coach<\/em>, der im Englischen inzwischen ein Reisebus geworden ist, von dort aber auch als Trainer wieder in Niederl\u00e4ndische gekommen ist. Auf Spanisch ist ein <em>coche <\/em>einfach ein Auto, so dass man f\u00fcr die Kutsche ein Retronym bilden musst, den <em>coche de caballos <\/em>&#8211; auf Deutsch ist uns die\u00a0<em>Pferdekutsche <\/em>auch nicht unbekannt, aber die genauere Bestimmung mit <em>Pferd <\/em>ist im Grunde \u00fcberfl\u00fcssig, weil sich die <em>Motorkutsche <\/em>nicht durchgesetzt hat.<\/p>\n<p>Und woher das alles? Aus Ungarn. Auf die Herstellung von Kutschen hatte man sich im Ort <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Kocs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kocs<\/a> nordwestlich von Budapest spezialisiert. Den spricht man [kot<span class=\"IPA\"><span title=\"Aussprache im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA)\">\u0283<\/span><\/span>] aus, und der Weg zu <em>Kutsche <\/em>und <em>coach<\/em> ist dann nicht weit. Das Niederl\u00e4ndische kam mit dem [t<span class=\"IPA\"><span title=\"Aussprache im Internationalen Phonetischen Alphabet (IPA)\">\u0283<\/span><\/span>] am Ende nicht zurecht, weil es so schlecht ins Sprachsystem passt. Viel besser funktioniert das [ts], mit dem auch das heute weitaus relevantere Bef\u00f6rderungsmittel endet: <em>de fiets<\/em>. Aber das Fahrrad ist nicht nur weniger glamour\u00f6s, auch seine <a href=\"http:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/fiets1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wortherkunft<\/a> ist viel weniger transparent und farbenfroh.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr 2018 habe ich zu meinem pers\u00f6nlichen Mottojahr &#8222;Habsburg&#8220; erkl\u00e4rt. Im Dienste der Linguistik durfte ich im vergangenen Fr\u00fchjahr nach Bozen in S\u00fcdtirol reisen, um an einem Workshop zur historischen Mehrsprachigkeit teilzunehmen. 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