{"id":17558,"date":"2019-01-24T16:10:26","date_gmt":"2019-01-24T15:10:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17558"},"modified":"2019-01-24T17:28:53","modified_gmt":"2019-01-24T16:28:53","slug":"oostijk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/01\/24\/oostijk\/","title":{"rendered":"Oostig?"},"content":{"rendered":"<p>In diesen Tagen geht durch die Zeitungen und Feuilletons eine Debatte: Wer oder was ist eigentlich \u201eostdeutsch\u201c? Zur umfassenden Identit\u00e4tssuche geh\u00f6rt oft auch die Frage, ob es in der Sprache noch DDR-Erbe gibt.<\/p>\n<p>Ob auf Dauer <em>Kombinat <\/em>oder die <em>Kaufhalle<\/em> \u00fcberleben werden \u2013 wer wei\u00df? \u00dcbersehen wird manchmal, dass auch die Wiedervereinigung selbst einen neuen Wortschatz gepr\u00e4gt hat, darunter den <em>Wendehals<\/em> oder die <em>Treuhand<\/em>. Zu den recht oft benutzten, aber wenig beachteten Neuerungen geh\u00f6rt ein Adjektiv: <em>ostig.<\/em><\/p>\n<p>Der Duden umschreibt das Wort mit \u201eostdeutsch [wirkend], (aus westdeutscher Sicht) f\u00fcr die DDR typisch\u201c. Eingebaut ist also schon eine bestimmte Perspektive, oft auch eine Wertung. Als <em>ostig<\/em> gelten Dinge, die eher nicht f\u00fcr wertvoll, \u00e4sthetisch oder fortschrittlich gehalten werden. (<a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=Ia4iAAAAQBAJ&amp;lpg=PA242&amp;ots=rJ7L-vB-Dw&amp;dq=ostig&amp;hl=de&amp;pg=PA242#v=onepage&amp;q=ostig&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier<\/a> mehr Belege und eine gute Erl\u00e4uterung.)<\/p>\n<p>Im Van Dale gibt es keine niederl\u00e4ndische Entsprechung f\u00fcr das Adjektiv; vielleicht ist es einfach zu spezifisch? Eine \u00dcbersetzung l\u00e4sst sich schwer spontan erfinden. <em>Oostijk <\/em>oder <em>oosterijk<\/em> (sieht zu sehr aus wie <em>Oostenrijk<\/em>)<em>,<\/em>vielleicht <em>oostachtig<\/em>? Auch auf das schon bestehende <em>oostelijk <\/em>kann man schwer zur\u00fcckgreifen: Ich vermute, einen Satz wie <em>Het behang in deze kamer ziet er erg oostelijk uit <\/em>w\u00fcrden nur wenige verstehen oder sinnvoll finden.<\/p>\n<p>Es wird nicht einfacher dadurch, dass sich die Adjektive mit Bezug zum Osten im Deutschen und Niederl\u00e4ndischen teils \u00fcberschneiden, aber nicht vollst\u00e4ndig. Eine ungef\u00e4hre Zuordnung k\u00f6nnte so aussehen:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"102\">oostelijk<\/td>\n<td width=\"94\">\u00f6stlich<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">oosters<\/td>\n<td width=\"94\">\u00f6stlich<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">?<\/td>\n<td width=\"94\">ostig<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><em>Oostelijk <\/em>bezieht sich in erster Linie auf die Himmelsrichtung, also auf ein geographisches Kriterium. Wo Osten ist, ist immer relativ, je nach Standpunkt. Deshalb ist es merkw\u00fcrdig,<\/p>\n<div style=\"width: 306px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/32\/Ansichten_DDR_Museum_Pirna_Mai_2016_%285%29.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/32\/Ansichten_DDR_Museum_Pirna_Mai_2016_%285%29.jpg\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"444\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Ziemlich ostig: die Sprelacart-Schrankwand im DDR-Museum Pirna. (F. Lehmann, CC-BY SA 4.0)<\/p><\/div>\n<p>wenn etwas <em>oostelijk <\/em>aussehen soll. <em>Oosters <\/em>ist tendenziell st\u00e4rker verbunden mit einem \u00f6stlichen Kulturraum und an den Standpunkt (West)Europa gekn\u00fcpft. Was <em>oosters <\/em>ist, liegt in Osteuropa oder sogar eher in Asien, im fr\u00fcher so genannten <em>Orient<\/em> oder kolonialhistorisch bisweilen auch in <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/11\/24\/en-de-oost\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">de Oost<\/a>. Eine Tapete, die <em>oosters <\/em>aussieht, wirkt wie aus Asien oder dem Nahen Osten \u2013 jedenfalls nicht ostig.<\/p>\n<p>Interessanterweise nennt der Van Dale bei beiden W\u00f6rtern als Alternative noch<em> ori\u00ebntaal<\/em>, etwa beim Beispiel <em>de oostelijke uithoek van Azi\u00eb<\/em>. Ob man den \u00f6stlichsten Rand Asiens ohne seltsame Blicke des Gegen\u00fcbers auch <em>de ori\u00ebntale uithoek van Azi\u00eb <\/em>nennen k\u00f6nnte, da habe ich meine Zweifel.<\/p>\n<p>Das Gegenst\u00fcck zu <em>oosters <\/em>ist <em>westers<\/em>, w\u00e4hrend <em>oostelijk <\/em>und <em>westelijk<\/em> einander gegen\u00fcberstehen. Die Bedeutungen verhalten sich in etwa parallel; auf Deutsch kennen wir auch hier nur <em>westlich<\/em> (oder im H\u00f6chstfall noch <em>okzidental<\/em>). Ein Gegenst\u00fcck zu <em>ostig <\/em>gibt es dagegen nicht. Dabei k\u00f6nnte man typisch westdeutsch anmutende Erscheinungen ohne Probleme auch <em>westig <\/em>nennen. Mir w\u00fcrde dazu jede Menge einfallen: von Autobahnen zerschnittene Innenst\u00e4dte, 3-st\u00f6ckige Mehrfamilienh\u00e4user mit altt\u00fcrkisfarbenen Kacheln im Eingangsflur, insgesamt die \u00c4sthetik ungef\u00e4hr jeder durchschnittlichen Seitenstra\u00dfe in Wilmersdorf.<\/p>\n<p>Interessanterweise kennt das Deutsche sehr wohl Unterscheidungen bei Nord und S\u00fcd:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"102\">zuidelijk<\/td>\n<td width=\"104\">s\u00fcdlich<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">zuiders<\/td>\n<td width=\"104\">s\u00fcdl\u00e4ndisch<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">noordelijk<\/td>\n<td width=\"104\">n\u00f6rdlich<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">noords<\/td>\n<td width=\"104\">nordisch<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Nun hat <em>s\u00fcdl\u00e4ndisch <\/em>inzwischen viele Konnotationen angeh\u00e4uft, entweder ein halb romantisiertes und halb paternalistisches Bild von Lebensgef\u00fchl und Nichtstun im Mittelmeerraum, oder aber eine kaum verh\u00fcllte Chiffre f\u00fcr rassistische Umschreibungen von Menschen, die man nicht im Land haben m\u00f6chte. Zumindest das erste B\u00fcndel von Konnotationen trifft auf <em>zuiders <\/em>auch zu. Das Wort sehen der Van Dale und <a href=\"https:\/\/taaladvies.net\/taal\/advies\/vraag\/1094\/zuiders_zuidelijk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Taaladvies<\/a> \u00fcbrigens als belgisch an; in den Niederlanden gibt es nur <em>zuidelijk<\/em>. Dass im Norden des Sprachgebiets ausgerechnet die Unterscheidung <em>zuiders \u2013 zuidelijk <\/em>nicht funktionieren soll, da w\u00e4re ich neugierig auf muttersprachliche Einsch\u00e4tzungen.<\/p>\n<p>Und auch warum es im Niederl\u00e4ndischen <em>noords <\/em>und nicht <em>noorders <\/em>hei\u00dft, darf mir gerne jemand erkl\u00e4ren. Mit etwas Nordischem geht es jedenfalls demn\u00e4chst weiter: In den D\u00e4nischen Miszellen III und IV, unter anderem mit der Nord- und Westsee.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen geht durch die Zeitungen und Feuilletons eine Debatte: Wer oder was ist eigentlich \u201eostdeutsch\u201c? Zur umfassenden Identit\u00e4tssuche geh\u00f6rt oft auch die Frage, ob es in der Sprache noch DDR-Erbe gibt. 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