{"id":17760,"date":"2019-05-02T09:40:31","date_gmt":"2019-05-02T07:40:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17760"},"modified":"2019-05-01T19:21:17","modified_gmt":"2019-05-01T17:21:17","slug":"afrikaans-in-amsterdam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/05\/02\/afrikaans-in-amsterdam\/","title":{"rendered":"Afrikaans in Amsterdam"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right\"><span style=\"color: #008000\"><strong><span style=\"color: #000000\">von <\/span><a href=\"https:\/\/duitslandinstituut.nl\/medewerker\/450\/henning-radke\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Henning Radke<\/a><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Amsterdam im Sp\u00e4tsommer: Simon aus S\u00fcdafrika hatte seinen Besuch angek\u00fcndigt. Wir kannten uns bereits zu meiner Zeit als Austauschstudent in <a href=\"https:\/\/af.wikipedia.org\/wiki\/Stellenbosch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stellenbosch<\/a>. Nun wollte er Land und Leute zwischen Ems und Schelde kennenlernen. Noch bevor wir die Koffer abstellten, f\u00fchrte uns der Weg in ein Amsterdamer Telefongesch\u00e4ft, um Simon mit einer lokalen SIM-Karte auszustatten:<\/p>\n<p>\u201eGoedendag\u201c, begr\u00fc\u00dfte ich die Mitarbeiterin hinter dem Tresen auf Niederl\u00e4ndisch. \u201eWe willen graag een simkaart kopen. Kan dat?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNatuurlijk\u201c, antwortete sie freundlich.<\/p>\n<div id=\"attachment_17769\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Telefongesch\u00e4ft.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17769\" class=\"wp-image-17769 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Telefongesch\u00e4ft-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Telefongesch\u00e4ft-300x225.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Telefongesch\u00e4ft-768x576.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Telefongesch\u00e4ft-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17769\" class=\"wp-caption-text\">Der Schauplatz des Geschehens. In niederl\u00e4ndischen Telefonl\u00e4den kann man seine SIM-Karte auf Afrikaans bestellen. In fl\u00e4mischen L\u00e4den vermutlich auch. (Foto: HR)<\/p><\/div>\n<p>Simon \u00fcbernahm das Gespr\u00e4ch. Ohne vorherige Ank\u00fcndigung sprach er Afrikaans. Ich hielt f\u00fcr einen Augenblick den Atem an: Wie w\u00fcrde die Verk\u00e4uferin auf den unverhofften Sprachwechsel reagieren? Sie reagierte umgehend und zwar auf Niederl\u00e4ndisch. So entspann sich ein Dialog im gegenseitigen Wechsel beider Sprachen, sodass diese im Gespr\u00e4ch fast miteinander zu verschmelzen schienen. Dabei besa\u00dfen weder Simon noch die Verk\u00e4uferin Kenntnisse der jeweils anderen Sprache. Trotzdem funktionierte das Gespr\u00e4ch; die enge Sprachverwandtschaft machte es m\u00f6glich. Hinterher verriet Simon jedoch, dass er nicht jedes Wort verstanden habe. Aber das br\u00e4uchte er eben auch nicht. Aus dem Zusammenhang wurde stets klar, was gemeint war. Diese Art der Kommunikation funktioniert wie ein Barcode: Wenn nur genug schwarze Streifen vorhanden sind, fallen die Wei\u00dfen nicht mehr ins Gewicht. Man kann den Code trotzdem lesen.<\/p>\n<p>Es war nicht das erste Mal, dass ich Zeuge eines afrikaans-niederl\u00e4ndischen Gespr\u00e4ches wurde: im Amsterdamer <a href=\"https:\/\/www.zuidafrikahuis.nl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zuid-Afrikahuis<\/a> zum Beispiel oder auf dem\u00a0<a href=\"https:\/\/viva-afrikaans.org\/portale\/inligtingsportaal-reg\/afrikaansewerkswinkel\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Afrikaans Grammar Workshop<\/a> im belgischen Gent. Trotzdem hinterlie\u00df das Gespr\u00e4ch im Telefongesch\u00e4ft einen nachhaltigen Eindruck auf mich. Es waren die Spontanit\u00e4t und Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die mich beeindruckten: W\u00e4hrend man an einem Ort wie dem Zuid-Afrikahuis davon ausgehen kann, dass Afrikaans gesprochen wird, konnte man der Verk\u00e4uferin eine solche Erwartungshaltung nicht unterstellen. Trotzdem verzog sie keine Miene, z\u00f6gerte nicht einen Moment und hatte augenscheinlich nicht das geringste Verst\u00e4ndnisproblem, als sie unverhofft auf die Sprache aus dem s\u00fcdlichen Afrika traf. Dazu h\u00e4tte sie Grund genug gehabt, denn trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2017\/03\/17\/nederlands-op-zn-afrikaans\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">signifikante Unterschiede<\/a>: Da ist im Afrikaans z.B. die Diphthongierung langer Vokale, wodurch loop wie lu\u00e4p (laufen) und weet wie wi\u00e4t (wissen) ausgesprochen werden. Anders ausgedr\u00fcckt: Wo im Niederl\u00e4ndischen ein langes \/o\u02d0\/ oder \/e\u02d0\/ kommen, spricht man im Afrikaans die Doppelvokale \/\u028a\u0259\/ bzw. \/\u026a\u0259\/. Zudem f\u00e4llt das intervokale \/\u0263\/ weg. Zwischen zwei Vokalen steht also nie ein \/g\/: Aus dem niederl\u00e4ndischen regen wird daher re\u00ebn und aus dagen (Tage) und ogen (Augen) werden da\u00eb bzw. o\u00eb. Diese Unterschiede f\u00fchren dazu, dass man sich oftmals erst in die jeweils andere Sprache \u201ereinh\u00f6ren\u201c muss.<\/p>\n<div id=\"attachment_17770\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.prisma.nl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-17770\" class=\"wp-image-17770 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Foto-2-1-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Foto-2-1-198x300.jpg 198w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/04\/Foto-2-1.jpg 550w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-17770\" class=\"wp-caption-text\">Das Gespr\u00e4ch lief ohne W\u00f6rterbuch, und das Cover des W\u00f6rterbuchs bedarf auch keiner \u00dcbersetzung: Der Titel Afrikaans en Nederlands ist sowohl Afrikaans als auch Niederl\u00e4ndisch.<\/p><\/div>\n<p>Zudem werden im Afrikaans die Verben im Pr\u00e4sens nicht konjugiert. Ein Satz wie \u201ewir sind froh\u201c hei\u00dft auf Niederl\u00e4ndisch \u201ewe zijn blij\u201c und auf Afrikaans \u201eons is bly\u201c. W\u00e4hrend <em>ons<\/em> im Niederl\u00e4ndischen nur als Possessivpronomen (<em><u>ons<\/u> huis<\/em> = <u>unser<\/u> Haus) und als Objektform des Personalpronomens vorkommt (<em><u>we<\/u> vragen <u>ons<\/u> af<\/em> = wir fragen <u>uns<\/u>), stellt es im Afrikaans zudem auch die Subjektform (<em><u>ons<\/u> vra <u>ons<\/u> af<\/em> = <em><u>wir<\/u><\/em> fragen <em><u>uns<\/u><\/em>), wohingegen das Niederl\u00e4ndische hier analog zum Deutschen eine eigenst\u00e4ndige Form kennt: <em>we<\/em> (betont: <em>wij<\/em>). Aus niederl\u00e4ndischer Sicht klingt dieser Satz in etwa so, als w\u00fcrde man sagen: \u201eUns is froh.\u201c Die verneinte Form \u201eons is nie bly nie\u201c w\u00fcrde demnach wie \u201euns is nich froh nich\u201c klingen. Verst\u00e4ndlich, aber ungewohnt.<\/p>\n<p>Warum also verlief das Gespr\u00e4ch so selbstverst\u00e4ndlich? Daf\u00fcr gab es vor allem drei Gr\u00fcnde: Zum einen sprach Simon deutlich und nicht allzu schnell. Zum anderen gab es keine ablenkenden Hintergrundger\u00e4usche, da wir die einzigen Kunden im Gesch\u00e4ft waren. Und dann trafen wir wohl auch auf eine sehr freundliche Mitarbeiterin. Diese Faktoren erh\u00f6hten die gegenseitige Verst\u00e4ndlichkeit und motivierten Simon, auch alle weiteren Gespr\u00e4che in Amsterdam auf Afrikaans zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Einmal gab es dann doch Verst\u00e4ndnisschwierigkeiten: Als wir abends beim Italiener eine Pizza bestellten, erntete Simon ein ratloses Gesicht der Kellnerin. Sichtlich entt\u00e4uscht wechselte er ins Englische. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Kellnerin keine Niederl\u00e4nderin war und Niederl\u00e4ndisch erst noch lernte. Simons Gesichtsz\u00fcge entspannten sich. Den Rest seines Urlaub sprachen wir weiterhin Afrikaans in Amsterdam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Henning Radke Amsterdam im Sp\u00e4tsommer: Simon aus S\u00fcdafrika hatte seinen Besuch angek\u00fcndigt. Wir kannten uns bereits zu meiner Zeit als Austauschstudent in Stellenbosch. Nun wollte er Land und Leute zwischen Ems und Schelde kennenlernen. 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