{"id":17870,"date":"2019-06-07T08:19:46","date_gmt":"2019-06-07T06:19:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17870"},"modified":"2019-06-07T10:24:03","modified_gmt":"2019-06-07T08:24:03","slug":"sprachbau-in-der-bausprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/06\/07\/sprachbau-in-der-bausprache\/","title":{"rendered":"Sprachbau in der Bausprache"},"content":{"rendered":"<p>In der Linguistik lesen wir jeden Tag ziemlich spezielle Texte. Ein sehr spezieller Text, mit dem ich mich bislang weniger besch\u00e4ftigt habe, ist die deutsche Baustellenverordnung. Das hat sich heute ge\u00e4ndert. Der Anlass hat \u00fcbrigens nichts damit zu tun, dass im Geb\u00e4ude unserer Exzellenzuniversit\u00e4t gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die Decke herunterfiel und Regenwasser durch die Deckenlampe tropfte.<\/p>\n<p>Zur Lekt\u00fcre dieses \u00e4u\u00dferst lesenswerten Schriftst\u00fccks kam ich durch einen Umweg, \u00fcber einen Artikel auf <a href=\"https:\/\/www.aannemervak.nl\/bouwplaats\/eenduidige-communicatie-voor-iedereen-op-de-bouw\/?fbclid=IwAR3on6mPR_j4pV6IdMzQWA_xJCFUjvvMbK26GDdEnwYDuPRYHZkTDABbR5w\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">aannemervak.nl<\/a>, einem niederl\u00e4ndischen Branchenportal des Baugewerbes.*<\/p>\n<div style=\"width: 296px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:2016_Maastricht,_bouwplan_Lindenkruis_04.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/e\/e5\/2016_Maastricht%2C_bouwplan_Lindenkruis_04.jpg\/1024px-2016_Maastricht%2C_bouwplan_Lindenkruis_04.jpg\" alt=\"\" width=\"286\" height=\"200\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Maastricht baut. (Kleon3, CC-BY-SA 4.0)<\/p><\/div>\n<p>Dort ging es knapp beschrieben, mit zackigen Haupts\u00e4tzen, um \u201eeindeutige Kommunikation auf dem Bau\u201c. Fasziniert las ich von <em>Bouwspraak<\/em>, einem Hilfsmittel zur Verst\u00e4ndigung auf der Baustelle, wo h\u00e4ufig Menschen mit unterschiedlichsten sprachlichen Hintergr\u00fcnden zusammenkommen. Bouwspraak ist ein \u00fcberschaubares Inventar an Geb\u00e4rden, die genutzt werden sollen, wenn Gefahr droht oder jemand Hilfe braucht. Die Geb\u00e4rden sind <a href=\"https:\/\/www.bouwspraak.nl\/taal-wijzigen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in verschiedenen Sprachen erl\u00e4utert (mit Video)<\/a> und sollten von allen auf dem Bau beherrscht werden. Keine schlechte Idee, nicht nur wegen m\u00f6glicher Sprachbarrieren, sondern auch vor dem Hintergrund, dass es auf Baustellen oft laut ist oder man \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Distanzen miteinander kommunizieren muss.<\/p>\n<p>Ob es etwas \u00c4hnliches auch in Deutschland gibt, konnte ich nicht ergoogeln. Die Baustellenverordnung sagt nur: \u201eDie Arbeitgeber haben die Besch\u00e4ftigten in verst\u00e4ndlicher Form und Sprache \u00fcber die sie betreffenden Schutzma\u00dfnahmen zu informieren.\u201c (\u00a75, Abs. 2) Erl\u00e4utert wird die Vorschrift so: \u201eWesentliche Informationen sind zu \u00fcbersetzen, wenn in anderer Form eine Verst\u00e4ndigung nicht gew\u00e4hrleistet ist. Zu den verst\u00e4ndlichen Formen der Information k\u00f6nnen z. B. Bilder, Piktogramme, praktische Unterrichtung am Arbeitsplatz und arbeitsplatzbezogene Demonstrationen geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Von Geb\u00e4rden zur Kommunikation bei der Arbeit ist also nicht die Rede, wohl aber von der Information durch den Arbeitgeber \u2013 und auch hier greift man bei Bouwspraak auf Mehrsprachigkeit, Bilder und Piktogramme zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Worauf man auf niederl\u00e4ndischen Baustellen offenbar auch oft zur\u00fcckgreift, ist das Deutsche. In dem Artikel auf <em>aannemervak.nl<\/em> liest man: \u201eDuits is niet zelden de voertaal op de bouwplaats.\u201c Wie kommt das? Dazu kann es verschiedene Erkl\u00e4rungen geben. In den letzten Jahren und Jahrzehnten sind aus Deutschland viele Fachkr\u00e4fte im Handwerk ausgewandert in L\u00e4nder, wo es Arbeit und gute L\u00f6hne gibt. Ziele waren oft die Schweiz und \u00d6sterreich, Skandinavien, Gro\u00dfbritannien, aber auch der Benelux-Raum. Allerdings d\u00fcrfte die Pr\u00e4senz von Deutschen auf niederl\u00e4ndischen Baustellen nicht so enorm sein, dass sie dort sprachlich dominieren.<\/p>\n<p>Vermutlich kann man eher einen Sekund\u00e4reffekt beobachten. In Deutschland arbeiten in der Baubranche viele Besch\u00e4ftigte aus Mittel- und Osteuropa, ebenso in den Niederlanden. Es kann sein, dass ein bedeutender Anteil zun\u00e4chst in Deutschland gearbeitet hat und dort f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung zwischen den verschiedenen Sprachfamilien \u2013 \u00a0Polnisch, Ungarisch oder Rum\u00e4nisch usw. \u2013 lernte man Deutsch. M\u00f6glicherweise Baustellendeutsch, mit vielen Wendungen und Begriffen, die f\u00fcr die Arbeitsumgebung relevant sind. Wer dann eine neue Arbeit noch weiter westlich fand, nahm die Gewohnheit zur Verst\u00e4ndigung, die inzwischen einge\u00fcbte Fachsprache einfach mit.<\/p>\n<p>Zur Fachsprache des Branchenportals <em>aannemervak.nl<\/em> scheint \u00fcbrigens auch ein interessanter Umgang mit Singular und Plural zu geh\u00f6ren. Das beginnt mit dem oben zitierten Satzteil: \u201eveiligheidsgebar<u>en<\/u> die voor betere en eenduidige communicatie <u>moet<\/u> zorgen\u201d. Das ist wohl ein Versehen, bei dem die Kongruenz verrutscht ist. Ungew\u00f6hnlicher ist aus deutscher Perspektive eher diese Frage:<\/p>\n<blockquote><p>Maar wie werken er op de bouw?<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer-Fragen ziehen auf Deutsch immer einen Singular nach sich. Auf Niederl\u00e4ndisch dagegen kann hier auch ein Plural stehen, wenn nach einer Gruppe gefragt ist bzw. wenn die erwartete Antwort wahrscheinlich auch im Plural stehen wird. Umgekehrt setzt das Branchenportal wiederum dort einen Singular, wo es ganz offensichtlich um mehrere Menschen geht:<\/p>\n<blockquote><p>Als ik kijk naar mijn bedrijf, komt het voor dat er soms 15 man aan het werk is.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Mann<\/em> als Plural ist auch im Deutschen gel\u00e4ufig. Dabei muss das Verb dann aber ebenfalls im Plural stehen. Im Niederl\u00e4ndischen findet man dagegen problemlos Belege wie diese:<\/p>\n<blockquote><p>Er is 20 man ingeschreven. (<a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=6&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=2ahUKEwjLve-B69DiAhVsl4sKHY3LCWUQFjAFegQIARAB&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.aquaponicsforum.eu%2Fviewtopic.php%3Ft%3D253&amp;usg=AOvVaw0IOhvEAJ8TIxCHx9WBAlHA\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bron<\/a>)<\/p>\n<p><em>Es sind 20 Mann angemeldet.<\/em><\/p>\n<p>Er is 15 man nodig geweest om hem te kalmeren. (<a href=\"https:\/\/alinedesmet.wordpress.com\/page\/3\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bron<\/a>)<\/p>\n<p><em>Es waren 15 Mann n\u00f6tig, um ihn zu beruhigen.<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>G\u00e4ngig sind auch hier Formen wie <em>er <u>zijn<\/u> 15 man nodig<\/em>, m\u00f6glicherweise werden viele die Beispiele mit dem Singular sogar f\u00fcr ungrammatisch halten. Aber offenbar ist gelegentlich die Form <em>man<\/em> st\u00e4rker als sogar das eindeutige Zahlwort, das f\u00fcr einen Plural sorgen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Bei aller Vorliebe des Deutschen f\u00fcr den Plural ist eines trotzdem klar: <em>Ein einziges<\/em> wasserdichtes Dach \u00fcber dem Kopf w\u00fcrde uns f\u00fcr unser Uni-Geb\u00e4ude eigentlich gen\u00fcgen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"color: #808080\">*Mit Dank an Cefas van Rossem (Meertens Instituut) f\u00fcr die Entdeckung!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Linguistik lesen wir jeden Tag ziemlich spezielle Texte. 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