{"id":17950,"date":"2019-09-04T15:17:52","date_gmt":"2019-09-04T13:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=17950"},"modified":"2019-09-04T17:10:00","modified_gmt":"2019-09-04T15:10:00","slug":"von-strassenfussball-bis-straattaal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/09\/04\/von-strassenfussball-bis-straattaal\/","title":{"rendered":"Von Stra\u00dfenfu\u00dfball bis straattaal"},"content":{"rendered":"<p>Disclaimer: Dieser Blogbeitrag enth\u00e4lt Spuren von Fu\u00dfball und Sprachideologie.<\/p>\n<p>In der Volkskrant erschien k\u00fcrzlich ein <a href=\"https:\/\/www.volkskrant.nl\/cultuur-media\/regi-blinker-niemand-keek-naar-huidskleur-het-enige-dat-we-belangrijk-vonden-kan-hij-voetballen~b5e1bd61\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview mit dem niederl\u00e4ndischen Fu\u00dfballer Regi Blinker<\/a>, ehemals Mitglied der Nationalmannschaft, der 1969 in Paramaribo geboren wurde &#8211; in Suriname, einige Jahre vor der Unabh\u00e4ngigkeit. Das Gespr\u00e4ch ist insgesamt lesenswert und lehrreich: Interessante Einblicke \u00fcber die Erfahrungen in der niederl\u00e4ndischen Gesellschaft, in der Sportwelt, in der Familie. Und es kommt erstaunlich vieles vor, was f\u00fcr Sprachinteressierte spannend sein d\u00fcrfte: Aussagen <em>\u00fcber <\/em>Sprache(n) als auch Formulierungen und Ausdr\u00fccke, die ein paar Gedanken wert sind. Folgen wir einfach der Reihe nach der Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Schon im Teaser zu dem Artikel greift die Redaktion eine ziemlich deutliche Bemerkung heraus: &#8222;Surinaams is niet een taal om even beleefd terug te praten tegen je ouders&#8220;. Das ist eine Einstellung, die man weiterhin recht h\u00e4ufig findet: F\u00fcr die &#8222;h\u00f6heren&#8220; Bereiche der Kommunikation ist das Niederl\u00e4ndische zust\u00e4ndig, Sranan steht eine Stufe darunter. Man kann nur spekulieren, welche Rolle es dabei spielt, dass diese Ansicht hier von jemandem ge\u00e4u\u00dfert wird, der selbst in den Niederlanden erfolgreich war und auf Niederl\u00e4ndisch den Aufstieg geschafft hat.<\/p>\n<div style=\"width: 275px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Regi_Blinker\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/06\/Regi_Blinker_%281986%29.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"375\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Regi Blinker im Jahr 1986.<\/p><\/div>\n<p>Dass hier durchg\u00e4ngig von <em>Surinaams <\/em>die Rede ist und nicht von <em>Sranan, <\/em>auch das wirft ein paar Fragen auf. Beides benennt zwar dieselbe Sprache, aber damit sind die Begriffe noch lange nicht identisch. Mit <em>Surinaams <\/em>wird etwas sp\u00fcrbarer der Zusammenhang mit dem Land Suriname angedeutet, die Zugeh\u00f6rigkeit der Sprache zur Nation (jedenfalls nach meinem eigenen Eindruck &#8211; wer das anders sieht, m\u00f6ge mich korrigieren). Nicht unbedingt eine glasklare politische Entscheidung, aber in der Nuance auch nicht ganz egal.<\/p>\n<p>Man tut Regi Blinker aber wahrscheinlich Unrecht, wenn man ihm eine starre, hierarchisierende Ideologie unterstellt. Sehr sch\u00f6n illustriert er den Wandel der Spracheinstellungen in der Gesellschaft, der sich bei ihm selbst spiegelt: Inzwischen spricht er gelegentlich doch Sranan mit seinen Kindern, und diese scheinen es auch einzufordern. In mehrsprachigen Familien ist es nicht selten, dass Kinder und Jugendliche ihre Haltungen zu den Sprachen in ihrem Umfeld ab und zu \u00e4ndern, mal ablehnend, mal interessiert. Umso wichtiger ist es, dass Eltern darauf eingehen und den Kindern die Mehrsprachigkeit mitgeben k\u00f6nnen, die sie zu bieten haben. Dazu geh\u00f6rt der Gedanke: Wenn eine Sprache in fr\u00fcheren Jahren ausgeblendet wird, ist sie nicht so leicht wieder zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p>Dass Blinker von &#8222;halfbloedkinderen met mooie krullen&#8220; spricht, mag f\u00fcr deutsche Ohren sehr gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig sein. Hier spielt nicht unbedingt nur der Unterschied von Konnotationen zwischen Niederl\u00e4ndisch und Deutsch eine Rolle. <em>Was\u00a0<\/em>man sagt, h\u00e4ngt n\u00e4mlich auch davon ab,\u00a0<em>wer\u00a0<\/em>man ist. Bemerkungen \u00fcber die Haare von <em>people of colour<\/em> werden oft als \u00fcbergriffig wahrgenommen, da ist Respekt und Zur\u00fcckhaltung gefordert; und quasi-berechnende Einteilungen \u00fcber &#8222;Blutsanteile&#8220; verbieten sich f\u00fcr Wei\u00dfe ziemlich von selbst. Hier geht es aber um eine \u00c4u\u00dferung aus der <em>in-group <\/em>heraus, und das macht einen gewaltigen Unterschied. Die Bedeutung einer Aussage ist immer kontextabh\u00e4ngig und nicht starr in der Sprache allein festgelegt. Die sprechende Person und die Frage, wo sie sich sieht, ist ein ganz zentraler Faktor des Kontextes.<\/p>\n<p>&#8222;In dat elftal begon de straattaal langzaam z\u2019n weg te vinden.&#8220; &#8211; Das sagt Blinker \u00fcber die Kommunikation in der Fu\u00dfballmannschaft. F\u00fcr viele ist straattaal fest verbunden mit Sranan, auch wenn dazu nat\u00fcrlich noch viel mehr geh\u00f6rt. Blinkers Vorstellung ist nah an dem, wie Sprache oft konzeptionalisiert ist: Sie besteht aus W\u00f6rtern. Und wenn man W\u00f6rter aus dem Sranan ins Niederl\u00e4ndische \u00fcbernimmt, entsteht straattaal. Eher beil\u00e4ufig erfahren wir, was bis heute im Blick auf Kontaktph\u00e4nomene wie straattaal oder auch Kiezdeutsch gerne ausgeblendet wird: Daran sind auch Sprecher beteiligt, die nicht den sichtbaren &#8218;Migrationshintergrund&#8216; haben. Blinker kann offenbar davon berichten, dass das von Anfang an der Fall war. Damit ist er ein durchaus wertvoller Informant, denn die Entstehung von Multiethnolekten ist noch lange nicht zuende erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Besonders faszinierend ist die Abschlussfrage ganz unten: <em>&#8222;Wit<\/em> of <em>blank<\/em>?&#8220; &#8211; &#8222;Automatisch blank. Wit klinkt harder en directer, dichter bij racisme en discriminatie.&#8220; Damit ist Regi Blinker genau umgekehrter Meinung\u00a0<a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2018\/01\/27\/rundfunk-zieht-blank\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">als die NOS-Redaktion<\/a>, die den Begriff <em>blank<\/em> inzwischen vermeidet.<\/p>\n<p>Fazit der Lekt\u00fcre: Gespr\u00e4che mit Sportlern gelten oft als intellektuell unterfordernd, gerade Fu\u00dfballer als unterkomplexe K\u00f6rpermenschen. Das Interview hilft nebenbei mit, auch dieses Stereotyp noch einmal zu durchbrechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Disclaimer: Dieser Blogbeitrag enth\u00e4lt Spuren von Fu\u00dfball und Sprachideologie. In der Volkskrant erschien k\u00fcrzlich ein Interview mit dem niederl\u00e4ndischen Fu\u00dfballer Regi Blinker, ehemals Mitglied der Nationalmannschaft, der 1969 in Paramaribo geboren wurde &#8211; in Suriname, einige Jahre vor der Unabh\u00e4ngigkeit. Das Gespr\u00e4ch ist insgesamt lesenswert und lehrreich: Interessante Einblicke \u00fcber die Erfahrungen in der niederl\u00e4ndischen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[720,3099,64050,6940],"tags":[44141,23493],"class_list":["post-17950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-suriname","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch","tag-bal-bol-kogel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=17950"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":17959,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17950\/revisions\/17959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=17950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=17950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=17950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}