{"id":18120,"date":"2019-12-12T10:13:12","date_gmt":"2019-12-12T09:13:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18120"},"modified":"2019-12-09T22:21:50","modified_gmt":"2019-12-09T21:21:50","slug":"notizen-aus-suriname-v","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/12\/12\/notizen-aus-suriname-v\/","title":{"rendered":"Notizen aus Suriname V"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #008000\"><em>Geheimabsprachen<\/em><\/span><\/p>\n<p>Eines der vielen wundersamen kleinen Dinge in Suriname ist die M\u00f6glichkeit, dass man einen Tagesausflug nach Frankreich machen kann. Von der kleinen Stadt Albina im Osten ist man nach 10 Minuten Bootsfahrt \u00fcber den Grenzfluss Marowijne\/Maroni in der Nachbarstadt Saint-Laurent-du-Maroni. Das liegt in Franz\u00f6sisch-Guayana, damit in Frankreich und der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n<div id=\"attachment_18119\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/12\/DSC08579.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18119\" class=\"wp-image-18119 size-medium\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/12\/DSC08579-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/12\/DSC08579-300x200.jpg 300w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/12\/DSC08579-768x512.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2019\/12\/DSC08579-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18119\" class=\"wp-caption-text\">Blick von Albina \u00fcber den Marowijne nach Franz\u00f6sisch-Guayana. (Foto: PK)<\/p><\/div>\n<p>Als w\u00e4re das nicht verwirrend genug, bieten einem unz\u00e4hlige meist junge Menschen die Boots\u00fcberfahrt an. Das tun sie laut, engagiert und vor allem im st\u00e4ndigen fliegenden Wechsel zwischen den Sprachen. Da wir \u00e4u\u00dferlich zweifelsfrei als Touristen erkennbar waren, wurden wir vor allem auf Niederl\u00e4ndisch und Franz\u00f6sisch umworben.<\/p>\n<p>Doch wie soll man sich f\u00fcr eines der Angebot f\u00fcr die \u00dcberfahrt entscheiden, wenn der Preis bei allen gleich ist? Wir waren zu viert, wollten gerne kurz unter uns sprechen und uns einen vertrauensw\u00fcrdigen F\u00e4hrmann gemeinsam aussuchen. So mehrsprachig wir in unserem Gr\u00fcppchen aus einer \u00d6sterreicherin, einer Belgierin, einem Spanier und einem Deutschen auch waren: Wie soll man in dieser Situation ein vertrauliches Gespr\u00e4ch f\u00fchren? Spanisch oder Portugiesisch wird hier oft genug auch verstanden, immerhin sind wir in S\u00fcdamerika. Englisch f\u00e4llt sowieso raus. Blieb eigentlich nur eine Sprache, von der man sonst kaum erwarten kann, dass sie f\u00fcr geheime Kommunikation taugen w\u00fcrde: Deutsch.<\/p>\n<p><em><span style=\"color: #008000\">Notlandung sehnlichst erw\u00fcnscht<\/span><\/em><\/p>\n<p>Am Nachmittag, die Konferenz macht gerade Kaffeepause, pl\u00f6tzlich spricht sich herum: Bouterse ist verurteilt! Eigentlich war an dem Tag nur vorgesehen, den Zeitplan f\u00fcr die Urteilsverk\u00fcndung bekanntzugeben. Stattdessen haben die Richterinnen gleich das Urteil selbst verlesen. Sehr smart: Damit sollte verhindert werden, dass das Gericht von Protesten blockiert oder die Verk\u00fcndung sabotiert wird.<\/p>\n<p>Das Urteil, <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2019\/12\/01\/desi-bouterse-is-veroordeeld-tot-twintig-jaar-celstraf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">20 Jahre Haft f\u00fcr die Dezembermorde<\/a>, wird mit Genugtuung und Erleichterung aufgenommen. Kurz steht die Konferenz still, es gibt einen Moment lang wichtigere Dinge als Sprachwissenschaft. Was passiert jetzt?<\/p>\n<p>Bouterse ist noch auf Staatsbesuch in China, direkt danach war eine Reise nach Kuba angek\u00fcndigt. Bleibt er gleich dort, im Exil? Das Ger\u00fccht entpuppt sich schnell als Kettenbriefscherz auf WhatsApp. Manche bef\u00fcrchten, dass die Unterst\u00fctzer des Pr\u00e4sidenten Unruhen anzetteln k\u00f6nnten. Eine Kollegin beruhigt uns: \u201eDe Surinamers blijven gewoon thuis.\u201c Sie behielt recht. Anh\u00e4nger wie Gegner glaubten \u2013 jeweils auf ihre Weise \u2013 schlichtweg nicht daran, dass das Urteil unmittelbare Konsequenzen haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Resignation war bei vielen zu sp\u00fcren, aber den Esprit bremste das noch lange nicht. Unser Autovermieter wurde am Flughafen deutlich: \u201eIch w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass er auf der R\u00fcckreise aus China in den Niederlanden notlanden muss.\u201c Dort w\u00fcrde er sofort verhaftet und der Justiz vorgef\u00fchrt werden. In so tiefgreifender Abneigung ein derart zivilisiertes Szenario zu erdenken \u2013 bewundernswert! Andere h\u00e4tten sicher drastischere Vorstellungen.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, wie viel R\u00fcckhalt Bouterse weiterhin hat. Aber deutlich sichtbar ist auch: Die Gegner lassen sich nicht einsch\u00fcchtern und \u00e4u\u00dfern sich offen. So auch ein Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle am Flughafen: \u201eJa, Sie m\u00fcssen alle Ihre Schuhe ausziehen. Au\u00dfer der Pr\u00e4sident, denn der macht ja sowieso, was er will.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geheimabsprachen Eines der vielen wundersamen kleinen Dinge in Suriname ist die M\u00f6glichkeit, dass man einen Tagesausflug nach Frankreich machen kann. 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