{"id":18307,"date":"2020-04-27T07:07:39","date_gmt":"2020-04-27T05:07:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18307"},"modified":"2020-04-27T19:59:35","modified_gmt":"2020-04-27T17:59:35","slug":"testen-testen-testen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2020\/04\/27\/testen-testen-testen\/","title":{"rendered":"testen, testen, testen"},"content":{"rendered":"<p>In Corona-Zeiten kann man in sprachlicher Hinsicht nicht nur seltsame Anglizismen (wie \u2018social distancing\u2019) oder v\u00f6llig unpassende Neupr\u00e4gungen wie \u2018Kontaktverbot\u2019 beobachten, auch ganz \u2018normale\u2019 W\u00f6rter dr\u00e4ngen ins Scheinwerferlicht. Und manchmal fallen dabei dann auch wieder kontrastiv interessante Beobachtungen ab.<\/p>\n<p>In den vergangenen Wochen sind das Nomen \u2018Test\u2019 und das dazugeh\u00f6rige Verb \u2018testen\u2019 zu hochfrequenten Wortschatzelementen geworden. Die Frage, wie oft getestet wird und wer auf das Corona-Virus getestet wird, bewegt StatistikerInnen und Talkshow-TeilnehmerInnen gleicherma\u00dfen. Die Fragen und Diskussionen sind weltweit die gleichen, wir finden sie also auch in den Niederlanden, in Belgien oder in Suriname. In sprachlicher Hinsicht f\u00e4llt dabei aber auf, dass das Verb <em>testen<\/em> im Niederl\u00e4ndischen anders verwendet werden kann als im Deutschen.<\/p>\n<p>So titelt <a href=\"https:\/\/www.omroepbrabant.nl\/nieuws\/3188930\/Gerard-en-Ditha-testen-negatief-in-drive-thru-Ik-had-zo-gehoopt-dat-ik-het-virus-al-gehad-had\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Omroep Brabant<\/a> am 16. April: <strong>\u201cGerard en Ditha testen negatief in drive-thru\u201d<\/strong>, und der Artikel wird mit dem Bild eines sympathischen Rentnerpaars illustriert (die sich dann \u00fcbrigens entt\u00e4uscht zeigen, dass sie das Virus nicht schon gehabt haben).<\/p>\n<p>Aus deutscher Sicht ist diese Konstruktion mit <em>testen<\/em> seltsam. Im Deutschen ist das Verb grunds\u00e4tzlich transitiv und es verlangt als Subjekt jemanden, der\/die jemanden anders testet. Im Akkusativ wird die Person oder Sache genannt, an der der Test vorgenommen wird (<em>die \u00c4rztin testet das Kind auf Corona<\/em>). Dass diejenigen, die getestet werden, als Subjekt auftreten, ist im Deutschen nur m\u00f6glich, wenn das Verb im Passiv verwendet wird: <em>Gerard und Ditha sind negativ getestet worden<\/em>. Der Agens (das handelnde Subjekt) kann dabei ausgedr\u00fcckt werden (z.B. <em>von einer \u00c4rztin<\/em>), muss aber nicht.<\/p>\n<p>Diese passivische Konstruktion, bei der Gerard und Ditha nicht Agens sind (also diejenigen die den Test vornehmen), sondern Patiens (also die, an denen der Test vorgenommen wird) ist auch im Niederl\u00e4ndischen m\u00f6glich: <em>Gerard en Ditha zijn negatief getest (door een arts)<\/em>. Aber daneben gibt es halt die intransitive Konstruktion, die im Deutschen nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Hier noch zwei Beispiele:<\/p>\n<blockquote><p><span id=\"articleIntro1374865469\">\u201cTrump test negatief op coronavirus.\u201d (<a href=\"https:\/\/www.telegraaf.nl\/nieuws\/1374865469\/trump-test-negatief-op-coronavirus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">De Telegraaf<\/a>, 15.03.2020)<\/span><\/p>\n<p>\u201cWie positief test, is weliswaar zo goed als zeker besmet, maar bij 30 van de 100 besmette personen levert de test verkeerdelijk een negatief resultaat op.\u201d (<a href=\"https:\/\/www.nieuwsblad.be\/cnt\/dmf20200418_04926801\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nieuwsblad.be<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Dikke Van Dale gibt ein minimales Paar f\u00fcr die Verwendung von <em>testen<\/em>: <em>als bes\u00adte ge\u00adtest wor\u00adden<\/em> (transitiv) und <em>als beste testen<\/em> (intransitiv). Als Bedeutung wird in beiden F\u00e4llen angegeben \u201chet hoogst sco\u00adren in een test\u201d.<\/p>\n<p>So ein minimales Paar mit den beiden synonymen Konstruktionen finden wir auch in einem Artikel des <a href=\"https:\/\/www.ad.nl\/buitenland\/tijger-in-dierentuin-new-york-test-positief-op-coronavirus~ae59a676\/?referrer=https:\/\/www.google.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Algemeen Dagblad<\/a> \u00fcber den ber\u00fchmten <strong>Corona-Tiger<\/strong>. Die AD-\u00dcberschrift hat die intransitive Variante: \u201cTijger in dierentuin New York test positief op coronavirus\u201d. Der erste Satz wiederholt diese Aussage, aber jetzt mit einer Passiv-Konstruktion der transitieven Variante von <em>testen<\/em>: \u201cEen tijger in de dierentuin in New York is positief getest op het coronavirus.\u201d Auf Deutsch l\u00e4sst sich nur die transitive Variante eins zu eins \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Interessant ist auch die Wahl des Hilfsverbs <em>hebben<\/em> f\u00fcr das Perfekt des intransitiven Verbs:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cEen tijger in de Bronx Zoo in New York heeft positief getest op het nieuwe coronavirus.\u201d (<a href=\"https:\/\/www.hbvl.be\/cnt\/dmf20200406_04914169\/tijger-in-new-yorkse-zoo-besmet-met-coronavirus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Het Belang van Limburg<\/a>, 6.4.2020)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein anderes, etwas \u00e4lteres Beispiel:<\/p>\n<blockquote><p><span id=\"articleIntro1374865469\">\u201c<\/span>De Nederlandse arts die uit Sierra Leone was teruggehaald vanwege een mogelijke ebolabesmetting heeft negatief getest op de ernstige ziekte.<span id=\"articleIntro1374865469\">\u201d<\/span> (<a href=\"https:\/\/www.parool.nl\/nieuws\/nederlandse-tropenarts-test-negatief-op-ebola~bc938dd8\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Het Parool<\/a>, 24.09.2014)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Niederl\u00e4ndische verh\u00e4lt sich bei der Verwendung des Verbs wie das Englische; <em>testen<\/em> kann auch auch da intransitiv verwendet werden: \u201cBoris Johnson tests positive\u201d war beispielsweise Ende M\u00e4rz in der englischsprachigen Weltpresse zu lesen (hier z.B. in der <a href=\"https:\/\/www.bangkokpost.com\/world\/1887860\/boris-johnson-tests-positive\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bangkok Post<\/a>).<\/p>\n<p>Nun haben sowohl das Deutsche als auch das Niederl\u00e4ndische das Verb in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts <strong>aus dem Englischen<\/strong> \u00fcbernommen. F\u00fcr das Englische vermeldet das Oxford English Dictionary bei der intransitiven Verwendung die Bedeutung \u2018to undergo a test\u2019, und diese Verwendung wird als \u2018U.S.\u2019 gelabelt. Ob sie immer noch auf das amerikanische Englisch beschr\u00e4nkt ist, vermag ich nicht einzusch\u00e4tzen. Die \u00e4ltesten Belege stammen jedenfalls laut OED aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, also der Zeit, in der das Verb ins Niederl\u00e4ndische und ins Deutsche \u00fcbernommen worden ist. Die transitive Verwendung ist dagegen sehr viel \u00e4lter, das OED f\u00fchrt Belege seit der Mitte des 18. Jahrhunderts auf.<\/p>\n<p>Unklar ist, ob die SprecherInnen des Niederl\u00e4ndischen die intransitive Konstruktion gleich mitentlehnt haben oder aber (unter Einfluss des amerikanischen Englisch?) selber entwickelt haben. Und warum haben die Sprecher des Deutschen diese M\u00f6glichkeit nicht genutzt? Fragen, die wahrscheinlich nicht zu beantworten sind. Interessant sind sie trotzdem.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Corona-Zeiten kann man in sprachlicher Hinsicht nicht nur seltsame Anglizismen (wie \u2018social distancing\u2019) oder v\u00f6llig unpassende Neupr\u00e4gungen wie \u2018Kontaktverbot\u2019 beobachten, auch ganz \u2018normale\u2019 W\u00f6rter dr\u00e4ngen ins Scheinwerferlicht. Und manchmal fallen dabei dann auch wieder kontrastiv interessante Beobachtungen ab. 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