{"id":18328,"date":"2020-05-03T08:35:25","date_gmt":"2020-05-03T06:35:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18328"},"modified":"2020-05-02T21:28:28","modified_gmt":"2020-05-02T19:28:28","slug":"corona-tulpen-pommes-und-nationale-identitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2020\/05\/03\/corona-tulpen-pommes-und-nationale-identitaeten\/","title":{"rendered":"Corona, Tulpen, Pommes und nationale Identit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"<p>Erst ging das gro\u00dfe Tulpen-Schreddern durch die Presse: <a href=\"https:\/\/www.absatzwirtschaft.de\/tulpen-fuer-die-tonne-das-blumen-business-in-zeiten-von-corona-171333\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tulpen f\u00fcr die Tonne \u2013 Corona zerst\u00f6rt das Blumen-Business<\/a> hie\u00df es, oder <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/niederlande-blumen-corona-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201cKauft Blumen, nicht Klopapier!\u201d<\/a>. Ein niederl\u00e4ndisches Exportprodukt mit Symbolcharakter ist gerade zum Opfer der Pandemie geworden. Und jetzt hat es auch Belgien erwischt. Seit einigen Tagen ruft die belgische Kartoffelindustrie dazu auf, mehr Pommes Frites zu essen. Dem <em>Spiegel<\/em> ist das am 1. Mai ein Video wert: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/coronavirus-kartoffelindustrie-in-belgien-bricht-ein-a-58968185-ad6f-4fcb-8787-311190077f76\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201cHilfe, eine Extraportion Pommes, bitte!\u201d<\/a>. Die BelgierInnen werden von der Kartoffel-Lobby gebeten, das Nationalgericht doch bitte zuhause selber zu frittieren \u201coder sich an Frittenbuden zu versorgen\u201d; schlie\u00dflich seien die ja vom Lockdown ausgenommen.<\/p>\n<p>Soweit der <em>Spiegel<\/em>-Beitrag. Und mit dem Wort <em>Fritten<\/em> w\u00e4re es dann geschafft, und wir sind wieder mitten in der Variationslinguistik \ud83d\ude42<br \/>\nDie aus dem Franz\u00f6sischen \u00fcbernommene Bezeichnung <em>Pommes Frites<\/em> wird im deutschen Sprachraum in der Regel zu <em>Pommes<\/em> verk\u00fcrzt, wobei das Wort dann an die deutsche Aussprache angepasst und zweisilbig (und daher auch mit auslautendem [s]) ausgesprochen wird. Daneben finden wir im S\u00fcden (vor allem in der Schweiz) die an das Franz\u00f6sische angelehnte Aussprache <em>Pommfritt<\/em>. Und im Rheinland hat sich das Wort <em>Fritten<\/em> eingeb\u00fcrgert. Die Verteilung der verschiedenen Varianten zeigt sehr sch\u00f6n der <a href=\"https:\/\/www.atlas-alltagssprache.de\/runde-1\/f06\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Atlas zur deutschen Alltagssprache<\/em><\/a>:<\/p>\n<div style=\"width: 509px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/www.atlas-alltagssprache.de\/runde-1\/f06\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.atlas-alltagssprache.de\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/f1_06.jpg\" alt=\"\" width=\"499\" height=\"363\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Pommes oder Fritten: Atlas zur deutschen Alltagssprache<\/p><\/div>\n<p>Es wird kein Zufall sein, dass das <em>Fritten<\/em>-Gebiet entlang der Grenze zu Belgien angesiedelt ist, denn im niederl\u00e4ndischsprachigen Belgien ist <em>friet<\/em> oder <em>frieten<\/em> die normale Bezeichnung f\u00fcr die Pommes Frites. Als Langform gibt es im belgischen Franz\u00f6sich auch die <em>patat frites<\/em>, aus denen sich im Norden des niederl\u00e4ndischen Sprachgebiets die Bezeichnung <em>patat<\/em> entwickelt hat (vgl. in diesem Zusammenhang auch unseren Beitrag <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/01\/18\/essen-wie-gott-in-holland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Essen wie Gott in \u2026 Holland<\/em><\/a> aus dem Jahr 2014).<\/p>\n<div style=\"width: 342px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Patat-frietgrens#\/media\/Bestand:Kaart_patat_friet_frieten.svg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/46\/Kaart_patat_friet_frieten.svg\/505px-Kaart_patat_friet_frieten.svg.png\" alt=\"\" width=\"332\" height=\"315\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Die bekannte \u2018Patates frites\u2019-Kaart von Jan Stroop (1972), bearbeitet von Cavit (Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)<\/p><\/div>\n<p><em>Een patatje met<\/em> w\u00e4re im Norden die ad\u00e4quate Art, eine \u2018Pommes mit Mayo\u2019 zu bestellen. Die diversen Serviervarianten erspare ich Ihnen jetzt; der kulinarische H\u00f6hepunkt ist aber nat\u00fcrlich das <em>patatje oorlog<\/em>, w\u00f6rtlich \u2018Pommes Krieg\u2019 (also Pommes mit Mayonnaise und Erdnussso\u00dfe und meist auch noch Zwiebeln, eventuell angereichert mit Curry und Ketchup).<\/p>\n<p>BelgierInnen sch\u00fcttelt es wohl eher bei dieser Kombination. Zumal sie ja eh der Meinung sind, dass die Pommes Frites eine belgische Erfindung sind, zumindest die \u2018echten\u2019, aus frischen Kartoffeln und zweimal frittierten. Diese <em>frieten<\/em> oder \u2013 als Singularwort auch <em>friet<\/em> \u2013 geh\u00f6ren zum Bild einer nationalen Identit\u00e4t (wenn es die denn in Belgien \u00fcberhaupt gibt) und sie sind immer wieder Anlass f\u00fcr halbernste aber dennoch leidenschaftlich gef\u00fchrte Diskussionen und Streiterein \u00fcber die \u2018richtige\u2019 Bezeichnung mit den Nachbarn im Norden.<\/p>\n<p>Jedenfalls ist die Vorstellung, dass man <em>frieten, <\/em>dieses nationale Symbol, in Corona-Zeiten als Abfall entsorgen muss, f\u00fcr die BelgierInnen mindestens ebenso erschreckend wie das Tulpenschreddern f\u00fcr die Holl\u00e4nder. Oder aber das ist alles Quatsch, und das ganze Identit\u00e4tsgerede ist letztlich nur leeres Marketinggeschw\u00e4tz. Vielleicht geht&#8217;s wieder einmal nur ums Geld, um ein paar Millionen Euro Einbu\u00dfen. <em>It\u2019s the economy, stupid<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erst ging das gro\u00dfe Tulpen-Schreddern durch die Presse: Tulpen f\u00fcr die Tonne \u2013 Corona zerst\u00f6rt das Blumen-Business hie\u00df es, oder \u201cKauft Blumen, nicht Klopapier!\u201d. Ein niederl\u00e4ndisches Exportprodukt mit Symbolcharakter ist gerade zum Opfer der Pandemie geworden. Und jetzt hat es auch Belgien erwischt. 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