{"id":18484,"date":"2020-09-02T10:20:00","date_gmt":"2020-09-02T08:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18484"},"modified":"2020-09-22T23:05:51","modified_gmt":"2020-09-22T21:05:51","slug":"vokale-im-joghurt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2020\/09\/02\/vokale-im-joghurt\/","title":{"rendered":"Vokale im Joghurt"},"content":{"rendered":"\n<p>In Luxemburg soll eine neue Joghurtfabrik entstehen. Lokal verursacht das Vorhaben etwas Aufregung etwa um Wasserverbrauch und \u2013verschmutzung: Soll man so ein Projekt genehmigen? Internationales Aufsehen wird das wohl eher nicht erregen. Linguistisches Interesse dagegen schon, denn auf Luxemburgisch geht es um eine <em>Jugurtsfabrick.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Fugen-S soll uns dabei nicht weiter st\u00f6ren; auch im Deutschen und Niederl\u00e4ndischen finden wir bei Fugenelementen viel Variation. Aber das erste &lt;u&gt; in <em>Jugurt <\/em>f\u00e4llt auf. H\u00f6rt man in die Nachrichten aus Luxemburg <a href=\"https:\/\/100komma7.lu\/article\/aktualiteit\/kritik-u-jugurtsfabrick\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">im Radio<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.rtl.lu\/news\/national\/a\/1563781.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">im Fernsehen<\/a> hinein, muss man ein wenig die Ohren spitzen. Vermutlich h\u00e4tte ich den Vokal selbst nicht als [\u028a] identifiziert, wenn ich nicht zuvor die Schreibweise gesehen h\u00e4tte. Bei der Off-Sprecherin im Beitrag von RTL h\u00f6rt man es allerdings doch relativ deutlich.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Yoghurt_and_Soy_Yoghurt_red.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/f\/f2\/Yoghurt_and_Soy_Yoghurt_red.JPG\/640px-Yoghurt_and_Soy_Yoghurt_red.JPG\" alt=\"\" width=\"252\" height=\"189\" \/><\/a><figcaption>Joghurtsorten (Feuerrabe, CC-BY-3.0 DE)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nun ist der Weg von O zu U kein besonders weiter und der Wandelprozess dahinter ist nicht allzu spektakul\u00e4r. Trotzdem ist er ein kleines bisschen ungew\u00f6hnlich. Die germanischen Sprachen haben n\u00e4mlich sonst oft die Angewohnheit der sogenannten Nebensilbenabschw\u00e4chung:<\/p>\n\n\n\n<p>Wo \u00e4ltere Wortformen in unbetonten Silben einen vollen Vokal hatten, bleibt heute meist nur noch ein Schwa [\u0259]. Das gilt f\u00fcr den alten germanischen Wortschatz, aber auch f\u00fcr Entlehnungen. Aus dem vorn betonten lateinischen Lehnwort <em>tegula<\/em> wurde beispielsweise dt. <em>Ziegel <\/em>und nl. <em>tegel<\/em>: Die unbetonte Endsilbe ist ganz geschwunden, das \/u\/ ist zum Schwa abgeschw\u00e4cht. Das passiert bei neueren Lehnw\u00f6rtern nach und nach, beim Joghurt ist das nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Deutschen sind wir noch nicht ganz so weit, auch wenn ich aus dem Dialekt zumindest die Form [jo\u02d0g\u0254\u0250t] kenne \u2013 der Vokal bewegt sich schon in Richtung Schwa. Die komplett abgeschw\u00e4chte Variante wird sicher auch hier und da schon realisiert, ist aber jedenfalls noch nicht allgemein verbreitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen kennt man dagegen f\u00fcr <em>yoghurt<\/em> als Aussprachevariante neben [j\u0254\u00ad\u03c7\u028frt] auch die Form [j\u0254\u00ad\u0263\u0259rt]. Was die \u201arichtige\u2018 Aussprache ist, dar\u00fcber l\u00e4sst sich <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2016\/05\/01\/waffeleisenjoghurt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">leidenschaftlich diskutieren<\/a> (und zumeist ergebnislos). Der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/vrttaal.net\/taaladvies-uitspraak\/yoghurt\" target=\"_blank\">fl\u00e4mische Rundfunk<\/a> entscheidet sich f\u00fcr die zweite Form mit Schwa. Im Van Dale sind beide verzeichnet, dazu aber noch eine dritte, die in Belgien verbreitet ist: [ju\u00ad\u0263urt].<\/p>\n\n\n\n<p>Damit sind sich nun Belgien und Luxemburg wieder \u00fcberraschend einig. Sie haben n\u00e4mlich ein anderes Verfahren gew\u00e4hlt, um mit den Vokalen umzugehen: die Assimilierung. Weil O und U einander ohnehin relativ \u00e4hnlich sind, gleicht sich der Laut in der betonten Silbe der unbetonten an. Das schlie\u00dft nicht aus, dass sp\u00e4ter trotzdem die Nebensilbe noch ihren Vollvokal verliert, dann sprechen wir m\u00f6glicherweise irgendwann vom <em>Juchert.<\/em> Vorerst war aber die Anpassung offenbar st\u00e4rker. Bis es soweit ist, d\u00fcrfte noch viel joghurtverseuchtes Wasser die Alzette hinunterflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>[Um das Kapitel abzuschlie\u00dfen: Ende September 2020 hat das Unternehmen beschlossen, sein Vorhaben zur\u00fcckzuziehen. In Luxemburg wird also keine Joghurtfabrik gebaut, das Wasser bleibt sauber. Die Vokale d\u00fcrfen sich selbstverst\u00e4ndlich weiter wandeln wie sie m\u00f6chten.]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Luxemburg soll eine neue Joghurtfabrik entstehen. Lokal verursacht das Vorhaben etwas Aufregung etwa um Wasserverbrauch und \u2013verschmutzung: Soll man so ein Projekt genehmigen? Internationales Aufsehen wird das wohl eher nicht erregen. Linguistisches Interesse dagegen schon, denn auf Luxemburgisch geht es um eine Jugurtsfabrick. 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