{"id":18493,"date":"2020-10-05T15:50:00","date_gmt":"2020-10-05T13:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18493"},"modified":"2020-10-05T19:40:39","modified_gmt":"2020-10-05T17:40:39","slug":"vom-shitstorm-zum-pogrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2020\/10\/05\/vom-shitstorm-zum-pogrom\/","title":{"rendered":"Vom Shitstorm zum &#8222;Pogrom&#8220;?"},"content":{"rendered":"\n<p>Englische Lehnw\u00f6rter erregen seit vielen Jahrzehnten Aufregung, in der deutschen Sprachgemeinschaft vielleicht noch etwas mehr als in der niederl\u00e4ndischen. \u00dcber ein russisches Lehnwort regt sich kaum jemand auf &#8211; bis jetzt. Nicht etwa, weil das Russische pl\u00f6tzlich unsere Sprachen mit Fremdausdr\u00fccken \u00fcberfluten w\u00fcrde, wie es dem Englischen gerne vorgeworfen wird. Verglichen mit Anglizismen sind Russizismen bislang echte Rarit\u00e4ten. So rar, dass der Begriff <em>Russizismus<\/em> selbst schon ungewohnt klingt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Wort aus dem Russischen ist jedoch fest etabliert, auf Deutsch wie auf Niederl\u00e4ndisch, n\u00e4mlich das Wort <em>Pogrom<\/em>. Bislang war es in seiner Bedeutung und Verwendung klar begrenzt auf Taten von h\u00f6chster Gewalt mit einer fanatischen Vernichtungsabsicht. Im Niederl\u00e4ndischen scheint sich das nun ein wenig zu \u00e4ndern:<\/p>\n\n\n\n<p>Ton den Boon, Chefredakteur des Van Dale tr\u00e4gt <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.taalbank.nl\/2020\/10\/05\/toetsenbordpogrom\/\" target=\"_blank\">einige neue Verwendungsweisen zusammen<\/a>, und zwar in der Regel als Komposita. Belegt ist etwa das <em>twitterpogrom<\/em> oder auch das <em>toetsenbordpogrom. <\/em>Gemeint ist damit das, was bisher als <em>Shitstorm <\/em>bekannt war: Eine \u00fcberw\u00e4ltigende Welle an Widerspruch, oft durchsetzt mit Beleidigungen oder Drohungen, die auf kontroverse \u00c4u\u00dferungen in sozialen Medien folgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Boon beschreibt das Ph\u00e4nomen zun\u00e4chst ganz n\u00fcchtern als Bedeutungsausdehnung des Wortes, das nun auch im \u00fcbertragenen Sinne verwendet wird. Im Deutschen w\u00e4re eine solche N\u00fcchternheit gerade bei diesem Begriff selbstverst\u00e4ndlich nicht denkbar. Das zeigte sich vor wenigen Wochen, als der Comedian <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/uebermedien.de\/53371\/dieter-nuhr-fackeln-im-shitstorm\/\" target=\"_blank\">Dieter Nuhr behauptete,<\/a> der Shitstorm in sozialen Medien sei die &#8222;humane Variante des Pogroms&#8220;. Damit l\u00f6ste er wiederum einen berechtigten Shitstorm aus, denn die Verharmlosung von Massenmord und Genozid kann in der \u00f6ffentlichen Debatte in Deutschland nicht unwidersprochen stehenbleiben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Social_Media_Marketing_Strategy.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/7\/72\/Social_Media_Marketing_Strategy.jpg\/640px-Social_Media_Marketing_Strategy.jpg\" alt=\"\" width=\"357\" height=\"191\" \/><\/a><figcaption>Eine Tastatur, aber ganz sicher keine Massenvernichtungswaffe. (TodayTesting, CC-BY-SA 4.0)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Interessant ist, dass der Begriff derart parallel in beiden Sprachen exakt zum gleichen Zeitpunkt in den Diskus \u00fcber das Verhalten in sozialen Medien einflie\u00dft &#8211; und mit welchen Hintergr\u00fcnden. Es ist kein Zufall, dass Dieter Nuhr seit einiger Zeit vor allem aus dem rechten Lager viel Zustimmung erf\u00e4hrt f\u00fcr seine Ansicht, die Meinungsfreiheit sei durch so etwas wie &#8218;Gesinnungskontrolle&#8216; eingeschr\u00e4nkt. Er ist in Deutschland sicher einer der prominensten Vertreter derjenigen, die sich von <em>cancel culture <\/em>geg\u00e4ngelt f\u00fchlen. Dem rechten Diskurs die Gelegenheit zu bieten, einen mit der historischen Verantwortung derart klar verkn\u00fcpften Begriff wie <em>Pogrom <\/em>f\u00fcr Relativierungen zug\u00e4nglich zu machen, wird dankbar aufgegriffen von all jenen, die sich gegen &#8218;Sprechverbote&#8216; wehren m\u00f6chten.  Eines der wichtigsten Mittel dabei ist es, sich selbst als Opfer darstellen zu k\u00f6nnen &#8211; mit der Darstellung, man sei Ziel eines Pogroms, und sei es nur im \u00fcbertragenen Sinne, erzielt man dabei einen besonders drastischen Effekt. Dass so zugleich auch noch ein Anglizismus ersetzt werden kann (durch ein anderes Lehnwort, was soll&#8217;s), ist dabei wohl ein willkommener Nebeneffekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff <em>toetsenbordpogrom <\/em>fiel <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2020\/10\/03\/wie-mag-grapperhaus-bekeuren-en-wanneer-a4014522\" target=\"_blank\">in den Niederlanden<\/a> im Zusammenhang mit einem Aktivisten, der sich gegen Corona-Schutzma\u00dfnahmen wendet und diese allumfassend als unzul\u00e4ssige Einschr\u00e4nkung seiner Freiheiten bek\u00e4mpft. Die \u00dcberschneidung solcher Haltungen mit dem Milieu, das sich auch sprachlich oder moralisch in den Freiheiten beschnitten sieht, ist un\u00fcbersehbar und in Deutschland ebenfalls bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den Niederlanden scheint man sich an der verharmlosenden Begriffsverwendung an sich bisher nicht allzu sehr zu st\u00f6ren. Der historische Kontext ist ganz bestimmt ein wichtiger Unterschied &#8211; schlie\u00dflich ging weder von den Niederlanden noch von Flandern das grausamste Pogrom der Menschheitsgeschichte aus. M\u00f6glicherweise ist die auff\u00e4llige Entspanntheit gegen\u00fcber dieser Verwendungsweise von <em>pogrom <\/em>aber auch der Tatsache geschuldet, dass in den Niederlanden der Gew\u00f6hnungseffekt an rechte Diskurse schon weiter fortgeschritten ist als in Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Englische Lehnw\u00f6rter erregen seit vielen Jahrzehnten Aufregung, in der deutschen Sprachgemeinschaft vielleicht noch etwas mehr als in der niederl\u00e4ndischen. \u00dcber ein russisches Lehnwort regt sich kaum jemand auf &#8211; bis jetzt. Nicht etwa, weil das Russische pl\u00f6tzlich unsere Sprachen mit Fremdausdr\u00fccken \u00fcberfluten w\u00fcrde, wie es dem Englischen gerne vorgeworfen wird. Verglichen mit Anglizismen sind Russizismen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[720,3099,6940],"tags":[44141,71813,116],"class_list":["post-18493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch","tag-lehnwoerter","tag-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18493"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18493\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18504,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18493\/revisions\/18504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}