{"id":18602,"date":"2021-05-17T17:46:38","date_gmt":"2021-05-17T15:46:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18602"},"modified":"2021-05-17T18:09:05","modified_gmt":"2021-05-17T16:09:05","slug":"misogynoir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2021\/05\/17\/misogynoir\/","title":{"rendered":"Misogynoir"},"content":{"rendered":"\n<p>Die niederl\u00e4ndische Politik ist momentan, das kann man nicht anders sagen: <em>een puinhoop<\/em>. Anfang des Jahres trat die Regierung von Mark Rutte wegen der sogenannten <em>toeslagenaffaire<\/em> zur\u00fcck. Rutte blieb aber gesch\u00e4ftsf\u00fchrend im Amt und trat sogar bei der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Tweede_Kamerverkiezingen_2021\" target=\"_blank\">Parlamentswahl<\/a> im vergangenen M\u00e4rz wieder an. Noch immer h\u00e4lt er an dem Posten fest, obwohl seine kleinen und gro\u00dfen Verfehlungen im politischen Betrieb sich fast t\u00e4glich weiter ansammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Im neu gew\u00e4hlten Parlament nagen an Ruttes Autorit\u00e4t die Zweifel seiner bisherigen politischen Verb\u00fcndeten und die Kritik der neu gew\u00e4hlten Abgeordneten. In den Debatten zeigt sich immer wieder: Rutte hat ein Problem mit kritischen Nachfragen, vor allem wenn sie von rhetorisch gewandten Frauen kommen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:BLM-NL-Utrecht-Myrthe-Minnaert-4-crop.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/1\/19\/BLM-NL-Utrecht-Myrthe-Minnaert-4-crop.jpg\/357px-BLM-NL-Utrecht-Myrthe-Minnaert-4-crop.jpg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"231\" \/><\/a><figcaption>Sylvana Simons (Myrthe Minnaert, CC-BY-SA 3.0)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Zu denen geh\u00f6rt auch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sylvana_Simons\" target=\"_blank\">Sylvana Simons<\/a>, die schon l\u00e4nger politisch aktiv ist, nun aber erstmals einen Sitz in der Tweede Kamer erlangt hat. Ihr warf Rutte in einer Parlamentsdebatte vor, sie sei immer so leicht reizbar. Eine Bemerkung, die ganz klar Stereotype bedient, n\u00e4mlich die lange gepflegte Darstellung von Frauen und auch Schwarzen &#8211; und erst recht von Schwarzen Frauen &#8211; als emotional, irrational oder hysterisch. Simons kritisierte Rutte daf\u00fcr scharf und <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/twitter.com\/Buitenhoftv\/status\/1394201020184604673?s=20\" target=\"_blank\">warf ihm unter anderem vor<\/a>, <em>misogynoir<\/em> zu sein. Sie erkl\u00e4rte den Begriff nicht weiter, auch wenn er im Niederl\u00e4ndischen dem breiteren Publikum wahrscheinlich noch nicht allzu gel\u00e4ufig sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezeichnet werden damit Haltungen, bei denen speziell Schwarzen Frauen feindlich begegnet wird. Er kommt eigentlich aus der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Misogynoir\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">anglophonen kritischen Wissenschaft<\/a> und hat ein paar interessante Eigenschaften. Das Wort wurde gebildet aus <em>misogyn<\/em> f\u00fcr \u201afrauenfeindlich\u2018 und <em>noir <\/em>f\u00fcr \u201aSchwarz\u2018. Damit hat das Niederl\u00e4ndische einen Begriff mit griechisch-franz\u00f6sischer Zusammensetzung aus dem Englischen \u00fcbernommen. Aber warum Franz\u00f6sisch?<\/p>\n\n\n\n<p>In der Struktur ist es ein klassisches <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Porte-manteauwoord\" target=\"_blank\">Kofferwort<\/a>: Bestimmte Teile, hier das <em>N<\/em>, werden sozusagen doppelt genutzt, damit sich die verkoppelten Teile an dieser Stelle \u00fcberschneiden. Das N ist durch den Schlusslaut von <em>misogyn <\/em>vorgegeben und f\u00fcr diese Wortbildungsform n\u00f6tig. Im Englischen, Deutschen und auch Niederl\u00e4ndischen sind aber ausgerechnet die N-W\u00f6rter diejenigen, die stark rassistisch konnotiert sind. Sie fallen als M\u00f6glichkeit also weg. <em>Noir<\/em> ist dagegen durchaus verwendbar. Hier sind die sogenannten Dubletten des Franz\u00f6sischen n\u00fctzlich: Es haben sich Formen aus dem Lateinischen lautlich entwickelt, so wurde aus <em>nigrum<\/em> also <em>noir<\/em> \u2013 oft wurden dann aber sp\u00e4ter lateinische W\u00f6rter noch einmal neu entlehnt und stehen in konservativerer Lautform mit anderer Bedeutung daneben. Dies ist der Fall bei all den rassistisch konnotierten N-W\u00f6rtern. Im Unterschied zum Franz\u00f6sischen beginnen in den germanischen Sprachen parallel dazu mit <em>Zwart<\/em>, <em>Black<\/em> oder <em>Schwarz<\/em> die nicht-rassistischen Alternative nicht auf N. Zudem sind die Anfangslaute und -buchstaben jeweils unterschiedlich, was eine sprach\u00fcbergreifend einheitliche Terminologie zus\u00e4tzlich erschwert. (Wobei selbstverst\u00e4ndlich eine komplette Entlehnung etwa aus dem Englischen unkompliziert w\u00e4re, wie es ja oft getan wird.)<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem Hintergrund als Historiker d\u00fcrfte Rutte genug klassische Bildung haben, um den Begriff trotz der komplexen Entlehnungsgeschichte zu entschl\u00fcsseln. Ob er wirklich versteht, was ihm vorgeworfen wird und warum, ist eine andere Frage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die niederl\u00e4ndische Politik ist momentan, das kann man nicht anders sagen: een puinhoop. Anfang des Jahres trat die Regierung von Mark Rutte wegen der sogenannten toeslagenaffaire zur\u00fcck. Rutte blieb aber gesch\u00e4ftsf\u00fchrend im Amt und trat sogar bei der Parlamentswahl im vergangenen M\u00e4rz wieder an. 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