{"id":18628,"date":"2021-11-15T14:59:54","date_gmt":"2021-11-15T13:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18628"},"modified":"2021-11-15T15:18:28","modified_gmt":"2021-11-15T14:18:28","slug":"impf-dich-ga-je-boosteren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2021\/11\/15\/impf-dich-ga-je-boosteren\/","title":{"rendered":"Impf dich! Ga je boosteren!"},"content":{"rendered":"\n<p>Die vierte Corona-Welle hat Deutschland und die Niederlande fest im Griff. Gerade Deutschland hat ein dramatisches Problem mit viel zu niedrigen Impfquoten. Das liegt unter anderem daran, dass der Staat zu wenig Impulse gesetzt hat. An informellen Aufrufen zum Impfen fehlt es dabei nicht, man findet sie zum Beispiel in sozialen Netzwerken \u2013 auf Deutsch, aber nat\u00fcrlich auch auf Niederl\u00e4ndisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist ein wundersamer Vorgang geschehen: Die Verben <em>impfen <\/em>und <em>vaccineren<\/em> haben neue Kr\u00e4fte entwickelt. Zun\u00e4chst ist <em>vaccineren<\/em> auch intransitiv geworden, darauf wies Marc van Oostendorp <a href=\"https:\/\/neerlandistiek.nl\/2021\/05\/ik-vaccineer\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">schon vor einigen Monaten<\/a> hin: <em>ik vaccineer<\/em>&nbsp;kann \u201aich impfe\u2018 oder \u201aich lasse mich impfen\u2018 bedeuten. Auf Deutsch funktioniert das nach meiner Wahrnehmung bisher noch nicht:<em> Ich impfe<\/em> oder <em>Komm, wir impfen! <\/em>w\u00fcrde ich eher nicht so interpretieren, dass die Sprechenden auch die Injektion empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber in beiden Sprachen geht, Marc van Oostendorp schneidet es f\u00fcr das Niederl\u00e4ndische am Rande an: Die Verben sind reflexiv geworden. <em>Impft euch! <\/em>oder <em>Ga je vaccineren! <\/em>findet man allerorten. Auch die Gegenseite greift zur reflexiven Form:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-twitter wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/twitter.com\/AK300576\/status\/1453067022481375234?s=20\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-18631\" width=\"205\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-169x300.jpg 169w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-768x1365.jpg 768w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-864x1536.jpg 864w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-1152x2048.jpg 1152w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2021\/11\/DSC_4498-scaled.jpg 1440w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a><figcaption>&#8222;Vaccinons-nous!&#8220; &#8211; &#8222;Impfen wir uns!&#8220; ruft dieses Plakat in Toulouse auf. (Foto: PK)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Woher kommt es, dass das Verb neuerdings reflexiv ist? Eine Hypothese: Es h\u00e4ngt von der \u201aImpfgewalt\u2018 ab, wie es Kollegin Theresa Heyd k\u00fcrzlich so elegant ausdr\u00fcckte. Nat\u00fcrlich ist es selten, dass wir uns selbst die Injektion geben, das \u00fcberlassen wir lieber Fachkundigen. Aber die Entscheidung liegt bei uns, wir bestimmen den Zeitpunkt, m\u00fcssen dazu selbst zur Praxis oder ins Impfzentrum fahren, dort wird ein Vorgang an unserem eigenen K\u00f6rper ausgef\u00fchrt. \u00c4hnlich funktioniert es beim Friseurbesuch: Oft sagen wir <em>Hast du dir die Haare geschnitten? <\/em>\u2013 ohne dabei notwendigerweise zu unterstellen, dass die angesprochen Person selbst zur Schere gegriffen hat. Wollen wir das explizit machen, w\u00fcrden wir eher <em>Hast du dir die Haare selbst geschnitten? <\/em>sagen. Ebenso ist <a href=\"https:\/\/historiek.net\/langharig-tuig-ajax-tirana-1970\/137640\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">auf Niederl\u00e4ndisch<\/a> <em>zich knippen<\/em>&nbsp;m\u00f6glich, auf Norwegisch ist <em>\u00e5 klippe seg<\/em> \u00fcberhaupt die g\u00e4ngigste Bezeichnung f\u00fcr einen Haarschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass <em>impfen<\/em> reflexiv geworden ist, mag auch damit zusammenh\u00e4ngen, dass es so viele Debatten um Impf(un)willen gab, die Entscheidung daf\u00fcr oder dagegen also mit viel \u00dcberlegung \u00fcber das Selbst und das eigene Wohlergehen getroffen wird. Diese Reflexivit\u00e4t funktioniert auch in weiteren Sprachen, etwa auf Franz\u00f6sisch beim Aufruf <em>vaccinez-vous!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Neben der Reflexivit\u00e4t finden wir auch transitive Formen gerade bei F\u00e4llen, in denen die \u201aImpfgewalt\u2018 \u00fcber andere ausge\u00fcbt wird, etwa wenn Eltern dar\u00fcber entscheiden, ob ihre Kinder geimpft werden: <em>Ik vaccineer mijn kinderen<\/em> oder <em>Ich impfe mein Kind auf keinen Fall!<\/em> Auch hier wird in aller Regel auf qualifizierte Hilfe zur\u00fcckgegriffen oder verzichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als im Deutschen finden wir im Niederl\u00e4ndischen einen noch gr\u00f6\u00dferen Formenreichtum f\u00fcr das Impfen. Das ist erstens durch die Variation des Pronomens bedingt, so ist zum Beispiel im s\u00fcdlichen Sprachraum die Form <em>vaccineer u! <\/em>auffindbar.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-twitter wp-block-embed is-type-rich is-provider-twitter\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"500\" data-dnt=\"true\"><p lang=\"nl\" dir=\"ltr\">Conclusie: vaccinatie werkt, maar we moeten toch waakzaam blijven, en waar we kunnen wat bijsturen qua maatregelen (en handhaving van de bestaande maatregelen). En de boodschap voor de niet-gevaccineerden blijft dezelfde: vaccineer u, alstublieft.<\/p>&mdash; Marc Van Ranst (@vanranstmarc) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/vanranstmarc\/status\/1459294155893612544?ref_src=twsrc%5Etfw\">November 12, 2021<\/a><\/blockquote><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Norden nat\u00fcrlich kommt das nat\u00fcrlich durchaus auch vor, es h\u00e4ngt wie immer von den Verwendungsunterschieden von <em>u <\/em>ab. Zweitens kennt das Niederl\u00e4ndische neben <em>vaccineren<\/em> noch das Verb <em>inenten<\/em>. Die Aufforderung <em>ent je in! <\/em>l\u00e4sst sich interessanterweise kaum auffinden. Wom\u00f6glich liegt das daran, dass man ein ohnehin nicht allzu gel\u00e4ufiges Verb syntaktisch trennt und damit eine ziemlich ungew\u00f6hnliche Form entstehen w\u00fcrde. Was aber hin und wieder vorkommt, ist die Form <em>ga je inenten! <\/em>\u2013 gefunden etwa <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/docplayer.nl\/38896822-Wan-spoiti-no-sari-beleidsvorming-bij-de-introductie-van-het-hepatitis-b-vaccin-in-suriname-surinaams-voor-een-spuitje-geen-medelijden.html\" target=\"_blank\">hier in einem Beispiel aus Suriname<\/a>, wo Periphrasen mit <em>gaan<\/em> ja sowieso sehr produktiv sind. Das deutsche Pendant <em>geht euch impfen! <\/em>ist selbstverst\u00e4ndlich auch tausendfach vorhanden. Logisch, die Wenigsten impfen sich zuhause, das macht den \u00dcbergang zu <em>gehen<\/em>-Konstruktionen leicht. Und siehe da, mit der Unterst\u00fctzung des zus\u00e4tzlichen Verbs kann nun auch das Deutsche intransitiv und ohne reflexive Form impfen: <em>Geht impfen! <\/em>liest man allerorten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich schon zweimal geimpft hat, steht bald vor der dritten Spritze: <em>Boostern<\/em>\u00a0ist angesagt. Auf Deutsch finden wir parallel noch <em>boosten<\/em>, aber das scheint die seltenere Form zu werden. Der Entstehungsweg von engl. <em>to boost <\/em>\u00fcber das Substantiv <em>b\/Booster<\/em> und zur\u00fcck zu einem Verb <em>boostern<\/em> ist offenbar st\u00e4rker, als innerhalb des Verbbestandes direkt von <em>to boost<\/em> zu <em>boosten<\/em> zu gehen. Dass das durchaus m\u00f6glich ist, sieht man daran, dass diese Form in vielen Kontexten abseits der Corona-Impfung durchaus vorkommt. Was passiert auf Niederl\u00e4ndisch? Noch erstaunlich wenig: Im Zusammenhang mit Corona findet man <em>boosteren<\/em> nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig oft, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nrc.nl\/nieuws\/2021\/11\/10\/overal-is-er-al-een-boostercampagne-waarom-nog-niet-in-nederland-a4065068\" target=\"_blank\">im NRC steht es<\/a> beispielsweise noch in Anf\u00fchrungszeichen und ist damit als ungew\u00f6hnlich markiert. Das Substantiv <em>booster<\/em> dagegen ist absolut gel\u00e4ufig &#8211; \u00e4hnlich wie wohl auch im Deutschen diese Substantivform pr\u00e4gend war, bevor das Verb neu daraus abgeleitet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Beide Sprachen sind sich inzwischen also zwar einig, dass man sich impfen kann, ohne sich selbst zu impfen. Aber ob nun <em>ich impfe<\/em> oder <em>wij boosteren<\/em>: An einigen Stellen sind die Abwehrkr\u00e4fte im Verbsystem recht hartn\u00e4ckig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vierte Corona-Welle hat Deutschland und die Niederlande fest im Griff. Gerade Deutschland hat ein dramatisches Problem mit viel zu niedrigen Impfquoten. Das liegt unter anderem daran, dass der Staat zu wenig Impulse gesetzt hat. An informellen Aufrufen zum Impfen fehlt es dabei nicht, man findet sie zum Beispiel in sozialen Netzwerken \u2013 auf Deutsch, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[23489,720,3099,71808,6940],"tags":[44141,44152],"class_list":["post-18628","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grammatik","category-niederlande","category-sprachvergleich","category-syntax","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch","tag-der-menschliche-koerper"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18628","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=18628"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18628\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18630,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/18628\/revisions\/18630"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=18628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=18628"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=18628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}