{"id":18640,"date":"2021-11-27T09:15:00","date_gmt":"2021-11-27T08:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=18640"},"modified":"2021-11-26T23:23:43","modified_gmt":"2021-11-26T22:23:43","slug":"de-oost-the-movie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2021\/11\/27\/de-oost-the-movie\/","title":{"rendered":"De Oost &#8211; the movie"},"content":{"rendered":"\n<p>Schon wieder zuhause bleiben, schon wieder Kontakte reduzieren? Die Routine kennen wir: Mediatheken und Streamingdienste sind noch lange nicht leer geschaut. Im letzten Jahr erschien ein niederl\u00e4ndischer Film, der seit einigen Monaten auch in Deutschland im Angebot von Amazon Prime verf\u00fcgbar ist (ja, ist ja richtig, Amazon\u2026). Vorteil dabei, den wir im deutschen Linearfernsehen selten genie\u00dfen: Originalsprache. Lohnt der Film, und was steckt sprachlich drin?<br>Der Film hei\u00dft <em>De Oost<\/em> und er handelt genau davon, n\u00e4mlich vom Unabh\u00e4ngigkeitskrieg der Kolonie Niederl\u00e4ndisch-Indien, heute Indonesien. Nun ist <em>de Oost <\/em>im Niederl\u00e4ndischen als Bezeichnung f\u00fcr die ehemalige Kolonie ein etablierter Begriff im Unterschied zu <em>het oosten <\/em>f\u00fcr die Himmelsrichtung (dazu mehr <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/11\/24\/en-de-oost\/\" target=\"_blank\">in diesem Beitrag<\/a>). Die \u00dcbersetzung des Titels im Online-Angebot von Amazon als <em>The East<\/em> ist deshalb etwas ungeschickt. In welcher Hinsicht hier vom \u201aOsten\u2018 die Rede ist und warum das ein Gegenst\u00fcck zu <em>de West <\/em>ist, d\u00fcrfte sich vielen nicht auf Anhieb erschlie\u00dfen. Das internationale Publikum denkt vielleicht eher an Osteuropa, den Nahen Osten oder Ostasien, das deutsche wom\u00f6glich gar an unseren \u201aOsten\u2018.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der niederl\u00e4ndischen Kolonialgeschichte ein Film gewidmet wird, der nicht mit sanften T\u00f6nen die Handels- und Seefahrernation glorifiziert, ist nat\u00fcrlich grunds\u00e4tzlich lobenswert. Es wird versucht, Verbrechen und Gewalt der Kolonialmacht zu verdeutlichen, bisweilen mit brutal-blutigen Bildern. Die Hauptfigur ist ein niederl\u00e4ndischer Soldat, der nicht nur mit der Willk\u00fcrherrschaft in der Kolonie hadert, sondern auch mit dem l\u00e4ngst nicht \u00fcberwundenen Erbe der direkt vorangegangenen deutschen Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Indonesische_Onafhankelijkheidsoorlog\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/59\/COLLECTIE_TROPENMUSEUM_Militaire_kolonne_tijdens_de_eerste_politionele_actie_TMnr_10029135.jpg\" alt=\"\" width=\"327\" height=\"229\" \/><\/a><figcaption>Niederl\u00e4ndische Truppen in Indonesien im Jahr 1947. (Collectie Tropenmuseum, CC-BY-SA-3.0)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Beil\u00e4ufig und autodidaktisch lernt der Soldat Indonesisch sprechen. Wie lange er daf\u00fcr braucht, wird nicht ganz klar, jedenfalls funktioniert die Verst\u00e4ndigung mit der lokalen Bev\u00f6lkerung erstaunlich schnell v\u00f6llig reibungslos. Dass Niederl\u00e4ndisch au\u00dferhalb der Kasernen und Kolonialvillen nicht allzu weit tr\u00e4gt, ist durchaus akkurat. Anders als in Suriname hat sich das Niederl\u00e4ndische in Indonesien nicht auf Dauer in der Breite der Bev\u00f6lkerung gefestigt und es wurde auch nicht durchgesetzt, sondern diente eher als Zugangsschranke f\u00fcr bestimmte Positionen in der Gesellschaft. Indonesisch wird in dem Film also durchaus des \u00d6fteren gesprochen. Schon deshalb lohnt es sich, ihn in der Originalfassung zu sehen.<br>Was der Film dagegen nicht thematisiert, ist die vielf\u00e4ltige Mehrsprachigkeit Indonesiens. Wie realistisch w\u00e4re es gewesen, dass ein Soldat mit Indonesisch-Kenntnissen in den 1940er Jahren auf Java und sp\u00e4ter in der Handlung auch auf Celebes problemlos mit allen kommunizieren kann, obwohl dort andere Sprachen deutlich pr\u00e4senter waren?<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr wohl thematisiert wird der tief verinnerlichte Rassismus und auch Sexismus der Soldaten in der Kolonialarmee. Einerseits muss man anerkennen, dass genau diese ideologischen Grundlagen des Kolonialismus offengelegt werden, andererseits kann man getrost sagen: Bisweilen suhlt sich der Film darin. Das entsprechende Vokabular der niederl\u00e4ndischen Sprache ist entsprechend in voller Spannweite zu h\u00f6ren. Diese Dimension auszublenden w\u00e4re aber sicherlich keine empfehlenswerte L\u00f6sung gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weniger zu h\u00f6ren und zu sehen ist dagegen die indonesische Bev\u00f6lkerung selbst. Im Mittelpunkt stehen gutaussehende wei\u00dfe blonde niederl\u00e4ndische Soldaten. Die Kolonisierten selbst kommen stets nur am Rande vor \u2013 zutreffenderweise oft als Opfer der kolonialen Gewalt, aber eben praktisch nie als eigenst\u00e4ndige Charaktere, die als Figuren eine gr\u00f6\u00dfere Geschichte erz\u00e4hlen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr dass in den 1940er Jahren die Dialekte in den Niederlanden noch viel verbreiteter waren, treten auch die Soldaten sprachlich ziemlich homogen in Erscheinung. Die regionale Herkunft ist gelegentlich Gegenstand der Handlung, h\u00f6rbar wird sie kaum. Dass das Milit\u00e4r mit kreuz und quer gemischten Angeh\u00f6rigen aus allen Regionen auch sprachlich uniformierter auftritt als der Durchschnitt in Stadt und Dorf, liegt allerdings auch auf der Hand.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer zwei Stunden mit einem wenig im Film behandelten Thema f\u00fcllen m\u00f6chte, das kinotauglich aufbereitet ist, kann sich <em>de Oost <\/em>einmal anschauen. Der Film dient im Zweifelsfall eher als Impuls, sich mit den historischen Hintergr\u00fcnden noch einmal n\u00e4her auseinanderzusetzen. Ein nuanciertes Lehrst\u00fcck \u00fcber den Anfang vom Ende der niederl\u00e4ndischen Kolonialherrschaft in S\u00fcdostasien ist der Film eher nicht. Und schon gar nicht ist er ein leidenschaftlich antikoloniales Manifest \u2013 das m\u00f6chte er erkennbar sein, aber in der Verarbeitung bleiben noch einige Reflexe \u00fcbrig. Der n\u00e4chste Film zum Thema muss vielleicht g\u00e4nzlich in Indonesien gemacht werden und nicht nur, wie der niederl\u00e4ndische Produzent betont, als Co-Produktion mit lokaler Beteiligung und Beratung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon wieder zuhause bleiben, schon wieder Kontakte reduzieren? Die Routine kennen wir: Mediatheken und Streamingdienste sind noch lange nicht leer geschaut. 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