{"id":2245,"date":"2014-05-19T16:15:18","date_gmt":"2014-05-19T14:15:18","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=2245"},"modified":"2015-12-01T16:17:41","modified_gmt":"2015-12-01T15:17:41","slug":"genitive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/05\/19\/genitive\/","title":{"rendered":"Genitive"},"content":{"rendered":"<p>Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Niederl\u00e4ndischen und dem Deutschen besteht in dem viel st\u00e4rkeren Abbau der Flexion im Niederl\u00e4ndischen. W\u00e4hrend beispielsweise das Kasussystem im Deutschen noch halbwegs intakt ist, ist es im Niederl\u00e4ndischen fast komplett verschwunden. Reste finden sich insbesondere noch in idiomatischen Wendungen (wie <em>de heer des huizes<\/em>).<\/p>\n<p>Vielfach sind die Funktionen der Kasusflexion durch Umschreibungen mit Pr\u00e4positionen ersetzt worden. So verwendet das Niederl\u00e4ndische <em>van<\/em> statt des deutschen Genitivs, um Besitz und Zugeh\u00f6rigkeit auszudr\u00fccken:<\/p>\n<ul>\n<li><em>de tuin van mijn buren<\/em> &#8211; &#8218;der Garten meiner Nachbarn&#8216;<\/li>\n<li><em>de bril van de vrouw<\/em> &#8211; &#8218;die Brille der Frau&#8216;<\/li>\n<li><em>een gevoel van machteloosheid<\/em> &#8211; &#8218;ein Gef\u00fchl der Ohnmacht&#8216;<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"https:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/v\/germanic-genitives\/\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/v\/germanic-genitives\/bild_Plakat_Germanic-Genitives2\/Plakat_Germanic-Genitives_546.jpg?1397730169\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"382\" \/><\/a><br \/>\nF\u00fcr viele germanischen Sprachen gilt, dass das Genitiv-s der letzte lebende Rest des urspr\u00fcnglichen Kasussystems ist. So auch im Niederl\u00e4ndischen, wo dieses -s insbesondere nach Eigennamen verwendet wird, um ein Besitzverh\u00e4ltnis anzuzeigen: <em>Jans boek<\/em>, <em>Jannekes bril<\/em>. Auch bei nahen Verwandtschaftsbezeichnungen kommt es vor: <em>mijn moeders auto<\/em>. Endet der Eigenname auf einen Vokal oder auf s bzw. z, dann wird ein Apostroph verwendet: <em>Otto&#8217;s bed, Rubens&#8216; schilderijen, Truus&#8216; schoenen<\/em>.<\/p>\n<p>In diesen F\u00e4llen l\u00e4sst sich das Besitzverh\u00e4ltnis (umgangssprachlich) auch durch ein Possessivpronomen ausdr\u00fccken: <em>Otto z&#8217;n bed, Rubens z&#8217;n schilderijen<\/em>. Die weibliche Form ist <em>haar<\/em> bzw. <em>d&#8217;r<\/em>: <em>Janneke d&#8217;r bril<\/em>. Auf Deutsch kommen diese Umschreibungen auch vor, sie sind aber regional und stilistisch sehr markiert: <em>Otto sein Bett<\/em> und <em>Janneke ihre Brille<\/em> gelten nicht als standardsprachlich.<\/p>\n<p>Durch die Beschr\u00e4nkung des -s auf (im Wesentlichen) Eigennamen unterscheidet sich das Niederl\u00e4ndische vom Englischen, wo die Verwendungsm\u00f6glichkeiten viel gr\u00f6\u00dfer sind:<\/p>\n<ul>\n<li><em>the government&#8217;s decisions &#8211; de besluiten van de regering &#8211; die Beschl\u00fcsse der Regierung<\/em><\/li>\n<li><em>Parkinson&#8217;s disease &#8211; de ziekte van Parkinson &#8211; die Parkinsonsche Krankheit<\/em><\/li>\n<li><em>my new car&#8217;s brakes &#8211; de remmen van mijn nieuwe auto &#8211; die Bremsen meines neuen Autos<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Das letzte Beispiel zeigt, warum man das englische -s nicht mehr in erster Linie als Flexionsendung sieht, sondern eher als ein &#8218;phrasal affix&#8216;, das dazu dient, Besitz und Zugeh\u00f6rigkeit auszudr\u00fccken (<em>the old man who lives next door&#8217;s wife<\/em>).<\/p>\n<p>\u00c4hnlich funktioniert das possessive W\u00f6rtchen <em>se<\/em> im Afrikaans (Beispiele aus Donaldson, <em>A Grammar of Afrikaans<\/em>, 1993):<\/p>\n<ul>\n<li><em>ons bure se vriende se seun<\/em> &#8211; &#8218;der Sohn der Freunde unserer Nachbarn&#8216; (engl. <em>our neighbours&#8216; friends&#8216; son<\/em>)<\/li>\n<li><em>ek het niemand se geld gesteel nie<\/em> &#8211; &#8218;ich habe niemandes Geld gestohlen&#8216; (engl. <em>I stole nobody&#8217;s money<\/em>)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese wenigen Beispiele m\u00f6gen reichen, um zu zeigen, dass der Genitiv (und seine Nachfolger) ein h\u00f6chst spannendes Thema darstellt, gerade auch in sprachvergleichender Hinsicht. Daher haben unsere germanistischen Kollegen eine Tagung zu diesem Thema organisiert, die von Donnerstag bis Samstag an der FU stattfinden wird. Interessierte sind willkommen.<\/p>\n<p>Infos zum Workshop \u00fcber <strong><em>Germanic Genitives<\/em><\/strong> finden sich auf der <a href=\"https:\/\/www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de\/v\/germanic-genitives\/\" target=\"_blank\">Tagungswebsite<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Niederl\u00e4ndischen und dem Deutschen besteht in dem viel st\u00e4rkeren Abbau der Flexion im Niederl\u00e4ndischen. W\u00e4hrend beispielsweise das Kasussystem im Deutschen noch halbwegs intakt ist, ist es im Niederl\u00e4ndischen fast komplett verschwunden. Reste finden sich insbesondere noch in idiomatischen Wendungen (wie de heer des huizes). 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