{"id":5187,"date":"2014-10-22T10:00:38","date_gmt":"2014-10-22T08:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=5187"},"modified":"2015-11-03T23:30:01","modified_gmt":"2015-11-03T22:30:01","slug":"inder-indianer-und-indier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/22\/inder-indianer-und-indier\/","title":{"rendered":"Inder, Indianer und Indier"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahre 1808 erschien Friedrich von Schlegels bedeutendes Buch \u201eUeber die Sprache und Weisheit der Indier\u201c. Von <i>Indiern<\/i> zu sprechen finden wir kurios und reichlich veraltet, denn im heutigen Sprachgebrauch kennen wir nur <i>Inder.<\/i> Auf einem anderen Kontinent sprechen wir dagegen, Columbus und seinen Zeitgenossen sei Dank, von <i>Indianern<\/i>.<\/p>\n<div style=\"width: 250px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Christoffel_Columbus\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"    \" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/c\/c1\/Christopher_Columbus_Face.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"331\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Christoph Columbus (ndl. Christoffel Columbus) auf einem Gem\u00e4lde von Alejo Fern\u00e1ndez (Foto: Manuel Rosa, PD)<\/p><\/div>\n<p>Im Niederl\u00e4ndischen gibt es bis heute regul\u00e4r den <i>Indi\u00ebr <\/i>als Einwohner Indiens. Ein Angeh\u00f6riger der indigenen Bev\u00f6lkerung Nordamerikas ist hingegen ein <i>Indiaan <\/i>(die Frage nach der politischen Korrektheit des Begriffes einmal au\u00dfen vor). \u00a0Bei den Adjektiven steckt der Teufel im Detail: Auf Deutsch kann man <i>indisch <\/i>und <i>indianisch <\/i>mithilfe der zus\u00e4tzlichen Silben einigerma\u00dfen auseinanderhalten. Die niederl\u00e4ndischen Formen <i>Indiaas <\/i>(das heutige Indien betreffend) und <i>Indiaans<\/i> (indianisch) machen es einem schwerer.<\/p>\n<p>\u00dcber genau diesen Unterschied stolperte der neu ernannte belgische Staatssekret\u00e4r Theo Francken (N-VA), der in einem Facebook-Post die \u201eIndiaanse diaspora\u201c in den USA als vorbildliche Einwanderergruppe darstellte, im Gegensatz zu angeblich \u00f6konomisch unrentablen Marokkanern oder Kongolesen in Belgien. Die \u00c4u\u00dferung war zwar schon \u00e4lter, ist aber in diesem Amt mehr als nur Provokation und schuf entsprechend <a href=\"https:\/\/www.standaard.be\/cnt\/dmf20141015_01323478\" target=\"_blank\">starke Reaktionen<\/a>. Der Irrtum in der Bezeichnung war m\u00f6glicherweise nur ein Tippfehler. Ironisch ist er trotzdem, schlie\u00dflich sind die Ureinwohner Nordamerikas wirklich die Einzigen, die dort historisch gesehen nicht in der Diaspora sind.<\/p>\n<p>Angesichts solcher Meinungen ist die Eignung Franckens als Staatssekret\u00e4r f\u00fcr Migration fraglich. Man kann sie aber auch deshalb anzweifeln, weil ihm offenbar im entscheidenden Moment die Konzentration fehlt, um zwischen den Einwohnern verschiedener Kontinente zu unterscheiden. So kann ein geographisches Missverst\u00e4ndnis der Seefahrt vor gut 500 Jahren mit ihren sprachlichen Folgen bis heute die Karriere von Politikern ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Inzwischen hat Francken sich <a href=\"\/\/www.demorgen.be\/binnenland\/volg-live-theo-francken-verontschuldigt-zich-in-de-kamer-a2091661\/\" target=\"_blank\">entschuldigt<\/a> und damit <a href=\"https:\/\/www.demorgen.be\/opinie\/theo-francken-zal-aangeschoten-wild-blijven-a2091876\/\" target=\"_blank\">vorerst<\/a> seinen Kopf aus der Schlinge gezogen. Die sprachlichen Verwicklungen sind damit aber noch lange nicht sortiert. Als Belgier h\u00e4tte ihm die Verwechslung zwischen <i>Indiaas <\/i>und\u00a0<i>Indiaans<\/i> gar nicht passieren m\u00fcssen. Das Niederl\u00e4ndische in Belgien kennt n\u00e4mlich durchaus auch den Ausdruck <i>Indisch <\/i>als Adjektiv mit Bezug zum heutigen Indien.<\/p>\n<div style=\"width: 313px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Peper\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/65\/Pfeffer-Gew%C3%BCrz.jpg\" alt=\"\" width=\"303\" height=\"211\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Pfefferk\u00f6rner (Foto: Rainer Zenz, GNU FDL)<\/p><\/div>\n<p>In den Niederlanden bezieht sich <i>Indisch<\/i> normalerweise vornehmlich auf die ehemaligen Kolonialgebiete, also insbesondere auf Niederl\u00e4ndisch-Indien, oder als <i>West-Indisch<\/i> auf die Antillen (f\u00fcr die auch im Englischen weiterhin der Begriff <i>West Indies<\/i> gebr\u00e4uchlich ist). <i>Indi\u00eb <\/i>umfasste historisch im Grunde den gesamten s\u00fcd- und s\u00fcdostasiatischen Raum, insbesondere die niederl\u00e4ndisch kontrollierten Gebiete. Dort war die <i>Verenigde Oostindische Compagnie <\/i>unterwegs, um beispielsweise Gew\u00fcrze wie Pfeffer, Zimt oder Nelken nach Europa zu bringen.<\/p>\n<p>Beim gegenw\u00e4rtigen Indonesien (ehemals <i>Nederlands-Indi\u00eb<\/i>, heute <i>Indonesi\u00eb<\/i>) mit dem Adjektiv <i>Indonesisch<\/i> sind sich Belgier und Niederl\u00e4nder wieder einig. \u00dcbersichtliche Ratschl\u00e4ge zu diesem zerkl\u00fcfteten Wortfeld gibt es bei der <a href=\"https:\/\/taaladvies.net\/taal\/advies\/vraag\/1569\/indische_indiase_mensen\/\" target=\"_blank\">Taalunie<\/a> oder beim <a href=\"https:\/\/www.vrt.be\/taal\/india-indi%C3%AB\" target=\"_blank\">fl\u00e4mischen Rundfunk<\/a>.<\/p>\n<p>Vielleicht hat Francken demn\u00e4chst Zeit, sich schlau zu machen, falls seine Haltung ihn doch das Amt kostet und die W\u00e4hler ihn dorthin schicken, wo der Pfeffer w\u00e4chst (ndl. <i>iemand naar het peperland zenden<\/i>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 1808 erschien Friedrich von Schlegels bedeutendes Buch \u201eUeber die Sprache und Weisheit der Indier\u201c. 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