{"id":5670,"date":"2014-11-23T10:00:25","date_gmt":"2014-11-23T09:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=5670"},"modified":"2014-11-19T21:15:21","modified_gmt":"2014-11-19T20:15:21","slug":"buchstaben-mit-loechern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/11\/23\/buchstaben-mit-loechern\/","title":{"rendered":"Buchstaben mit L\u00f6chern"},"content":{"rendered":"<p>Wer Niederl\u00e4ndisch oder Deutsch schreibt, muss immer wieder an die L\u00f6cher denken: Im Deutschen brauchen wir sie \u00fcber den Vokalen f\u00fcr die Umlaute, im Niederl\u00e4ndischen gelegentlich als Trema. <i>Trema<\/i> ist vom altgriechischen Wort f\u00fcr <i>Loch<\/i> abgeleitet. Eine plausible Bezeichnung, wenn man bedenkt, wie die alten Griechen schrieben. Nat\u00fcrlich gab es Papyrus und sp\u00e4ter Pergament, aber viele Schriftzeugnisse wurden auch in Stein gepr\u00e4gt oder in Tont\u00e4felchen geritzt. Man kann sich bildlich vorstellen, wie Punkte als L\u00f6cher in das Material hineingebohrt wurden. Auch beim W\u00fcrfel (ndl. <em>dobbelsteen<\/em> oder <em>teerling<\/em>) sprachen die alten Griechen von <em>tremata<\/em> f\u00fcr die Punkte, die bis heute meist im Material vertieft sind.<\/p>\n<p>Punktesammeln ist im Niederl\u00e4ndischen und Deutschen aber nicht so leicht und zuf\u00e4llig wie beim W\u00fcrfelspiel. Auf Deutsch kennen wir vor allem die Vokale <i>\u00e4<\/i>, <i>\u00f6<\/i> und <i>\u00fc<\/i>. In anderen Kombinationen sind die zwei Punkte so selten wie auf dem Marienk\u00e4fer (ndl. <em>lieveheersbeestje<\/em>, oder regional in zahllosen <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Lieveheersbeestjes#Etymologie\" target=\"_blank\">anderen Bezeichnungen<\/a>). Auf den deutschen Vokalen sind die Punkte haupts\u00e4chlich daf\u00fcr zust\u00e4ndig, die Vokalqualit\u00e4t zu unterscheiden: Zwischen \/u\/ und \/y\/, zwischen \/o\/ und \/\u00f8\/ usw.<\/p>\n<p>Das niederl\u00e4ndische Trema sieht typographisch genauso aus, hat aber eine ganz andere Funktion und entsprechend auch eine andere Geschichte. Es dient dazu, Vokale voneinander zu trennen, die sonst als lange Vokale oder Diphthonge verbunden w\u00fcrden. \u00c4hnlich bildlich wie bei den L\u00f6chern trifft dies der sch\u00f6ne Begriff <a href=\"https:\/\/www.vrt.be\/taal\/botsende-klinkers\" target=\"_blank\"><i>botsende klinkers<\/i><\/a>. Man kann sich wunderbar ausmalen, wie die Vokale aufeinandertreffen und voneinander abprallen. Dies kann prinzipiell mit allen Vokalen passieren. Aus deutscher Perspektive ist das gelegentlich verwirrend, wenn es Vokale betrifft, die wir als Umlaut kennen, etwa bei <i><a href=\"https:\/\/nl.forvo.com\/word\/co%C3%B6rdineren\/#nl\" target=\"_blank\">co\u00f6rdineren<\/a>.<\/i> Deutschsprecher, die kein Niederl\u00e4ndisch k\u00f6nnen, lesen hier wahrscheinlich intuitiv ein \/o\/ und ein \/\u00f8\/ hintereinander.<\/p>\n<div id=\"attachment_5675\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2014\/11\/HeiligGeistKapelle02.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5675\" class=\"size-medium wp-image-5675 \" alt=\"\" src=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2014\/11\/HeiligGeistKapelle02-248x300.jpg\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2014\/11\/HeiligGeistKapelle02-248x300.jpg 248w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2014\/11\/HeiligGeistKapelle02-848x1024.jpg 848w, https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/files\/2014\/11\/HeiligGeistKapelle02.jpg 1857w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5675\" class=\"wp-caption-text\">Typographische Seltenheit: &#8222;\u00c4g\u00ffpten&#8220; statt &#8222;\u00c4gypten&#8220; in einem Fenster der Heilig-Geist-Kapelle Blieskastel\/Saar (Foto: PK)<\/p><\/div>\n<p>Aber selbst bei guter Kenntnis des Niederl\u00e4ndischen hat das Trema seine T\u00fccken, zum Beispiel wenn drei Vokale in Folge geschrieben werden. Dann gilt die <a href=\"https:\/\/woordenlijst.org\/leidraad\/7\/4\/\" target=\"_blank\">Faustregel<\/a>: Das Trema steht auf dem Vokal, mit dem die neue Silbe beginnt. Ist dies ein doppelt geschriebener Vokal, steht das Trema auf dem ersten der beiden.<\/p>\n<p>Daher beispielsweise der Unterschied zwischen <a href=\"https:\/\/nl.forvo.com\/word\/idee%C3%ABn\/#nl\" target=\"_blank\"><i>idee\u00ebn<\/i><\/a> (Silbengrenze idee-en) und <a href=\"https:\/\/nl.forvo.com\/word\/re%C3%ABel\/#nl\" target=\"_blank\"><i>re\u00ebel <\/i><\/a>(Silbengrenze re-eel)<i>. <\/i>Nur auf dem <i>y<\/i> ist das Trema praktisch nie anzutreffen. Einerseits weil es ohnehin haupts\u00e4chlich in Lehnw\u00f6rtern vorkommt und dabei selten mit anderen Vokalen <i>botst<\/i>, andererseits weil es dem Digraph <i>ij<\/i> sehr \u00e4hnelt. Im Afrikaans hat man sich anstelle des <i>ij <\/i>deshalb gleich ganz f\u00fcr das <i>y <\/i>entschieden \u2013 typographisch ist es schade um das anmutige <i>\u00ff<\/i>.<\/p>\n<p>Auch in anderen Sprachen haben zwei Punkte l\u00e4ngst orthographische Erfolgsgeschichte geschrieben. Schwedisch, Finnisch oder T\u00fcrkisch kennen sie f\u00fcr Vokale, die jenen im Deutschen \u00e4hnlich sind. Im Franz\u00f6sischen dient das Trema wie im Niederl\u00e4ndischen zur Vermeidung von Diphthongen. Was \u00fcbrigens meiner Erfahrung nach nicht funktioniert, ist der Versuch, einen Umlaut als Vokal mit Trema auszugeben. Schon oft scheiterte ich in Frankreich mit dem Trick, das <i>\u00e4 <\/i>in meinem Familiennamen als \u201ea mit Trema\u201c zu buchstabieren. Auf dem Papier stand am Ende meist <i>Kra\u00ebmer<\/i>. Im Franz\u00f6sischen geh\u00f6ren die Punkte eben nicht irgendwohin, sondern auf ein <i>e<\/i> oder <i>i<\/i>. Nur im Luxemburgischen ist man pragmatisch und nutzt einerseits die Umlaute wie im Deutschen, schreibt andererseits aber auch <i>\u00eb<\/i> f\u00fcr einen Schwa mit leichter Rundung zum \/\u00f8\/, wie etwa in <i>L\u00ebtzebuerg<\/i>.<\/p>\n<p>Wenn es noch eine letzte Regel sein darf: Egal auf welchem Vokal die Punkte stehen, und wie auch immer man sie sprechen m\u00f6chte, sie machen aus jedem Bandnamen unverkennbar eine Heavy-Metal-Gruppe. Sie sehen schlie\u00dflich <a href=\"https:\/\/linguistikforum.tumblr.com\/post\/76539129129\/zwischen-foreign-branding-und-heavy-metal\" target=\"_blank\">eisenhart und irgendwie germanisch<\/a> aus. Bekannt sind die sogenannten <i>metal dots<\/i> oder der <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Metalumlaut\" target=\"_blank\"><i>metalumlaut<\/i><\/a><i> <\/i>etwa bei Mot\u00f6rhead oder M\u00f6tley Cr\u00fce. Aus linguistischer Perspektive ist diese Regel von allen die spannendste, denn sie ist weder etymologisch noch phonographisch begr\u00fcndet, sondern im Grunde \u2013 ja was eigentlich? Am ehesten semantisch oder gar semiotisch? Zwei kleine L\u00f6cher, aber eine gro\u00dfe Forschungsl\u00fccke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Niederl\u00e4ndisch oder Deutsch schreibt, muss immer wieder an die L\u00f6cher denken: Im Deutschen brauchen wir sie \u00fcber den Vokalen f\u00fcr die Umlaute, im Niederl\u00e4ndischen gelegentlich als Trema. Trema ist vom altgriechischen Wort f\u00fcr Loch abgeleitet. Eine plausible Bezeichnung, wenn man bedenkt, wie die alten Griechen schrieben. 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