{"id":5708,"date":"2014-12-03T10:00:59","date_gmt":"2014-12-03T09:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=5708"},"modified":"2014-12-02T15:47:58","modified_gmt":"2014-12-02T14:47:58","slug":"amesterdao","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/03\/amesterdao\/","title":{"rendered":"Amesterd\u00e3o"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem namenkundlichen <a title=\"Wie man belgische Dinge beim Namen nennt\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/16\/wie-man-belgische-dinge-beim-namen-nennt\/\" target=\"_blank\">Ausflug nach Belgien<\/a> bieten nat\u00fcrlich auch die Niederlande ausreichend Verwunderliches an Exonymen in anderen Sprachen. K\u00fcrzlich stie\u00df ich auf \u00a0eine Abhandlung von Gottfried Wilhelm Leibniz aus dem Jahre 1715, deren f\u00fcnfzeiligen lateinischen Titel ich aus Platzgr\u00fcnden verschweige. Interessanter ist der Erscheinungsort des Werks: <i>Amstelaedami<\/i>. Man kann allein \u00fcber diese Form und ihre Grammatik viel nachdenken, ebenso \u00fcber andere lateinische Varianten wie <i>Amsterodamum<\/i>. Wenn man, wie ich, wenig Bezug zum Lateinischen hat, \u00fcberl\u00e4sst man das lieber den Fachkundigen. Mich erinnerte dieser Ortsname aber an eine andere Anekdote:<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit kam ich, \u00fcber Schiphol reisend, in Lissabon am Flughafen an. Der Bildschirm \u00fcber meinem Gep\u00e4ckband nannte den Abflugort: <i>Amesterd\u00e3o<\/i>. Was f\u00fcr eine wunderbar lusitanisierte Bezeichnung! Man findet darin das epenthetische \/e\/, das die iberoromanischen Sprachen so lieben, um hier zum Beispiel das uns\u00e4gliche wie unsagbare Konsonantencluster \/m\u0283t\/ aufzul\u00f6sen. Die im Portugiesischen als Allzweckwaffe gebr\u00e4uchliche Endung \u2013\u00e3o entfaltet ihre Superkr\u00e4fte, mit der sie jede Menge verschiedener Suffixe im praktischen Einheitsmodell aufgehen l\u00e4sst. Meist sind das ehemalige lateinische Formen, die wir an Endungen wie \u2013tion,\u00a0 \u2013on oder \u2013an im Deutschen oder\u00a0\u2013tie im Niederl\u00e4ndischen erkennen: Lat. <em>natio <\/em>wird zu dt. <em>Nation <\/em>und ndl. <em>natie <\/em>oder zu pt. <em>na\u00e7\u00e3o<\/em>.<\/p>\n<div style=\"width: 343px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Tilde_honey_2.png?uselang=de\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  \" alt=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/4\/4b\/Tilde_honey_2.png?uselang=de\" width=\"333\" height=\"223\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Ob aus Honig oder gedruckt: Wo Portugiesisch ist, ist die Tilde nicht weit. (Foto: Lrlrlrlrlrl, PD)<\/p><\/div>\n<p>Als Ersatz f\u00fcr \u2013am ist die universelle Endung genauso gut geeignet. Aber Moment: In Brasilien sieht man die Dinge offenbar ganz anders. Dort schreibt man lieber <i>Amsterd\u00e3<\/i>. Am Wortende ist noch die Nasalierung \u00fcbrig, ausgel\u00f6st vom verschwundenen \/m\/ und sichtbar an der Tilde auf dem <em>a.<\/em> Zus\u00e4tzliche Buchstaben m\u00f6chte man der Stadt aber nicht zumuten. Dabei ist im brasilianischen Portugiesisch die Kombination \/mst\/ auch nicht viel einfacher, und man f\u00fcgt in der gesprochenen Sprache an solchen Stellen gerne einen Schwa ein.<\/p>\n<p>Variationsfreudig wie das Portugiesische ist, liefert es gleich auch Kompromissl\u00f6sungen. Man trifft daher auch die Formen <a href=\"https:\/\/www.opodo.pt\/img\/offers\/opodo.pt\/voo-LIS-AMS.jpg\" target=\"_blank\"><i>Amsterd\u00e3o<\/i><\/a> oder <i>Amesterd\u00e3<\/i> an. Nahezu fanatisch gerecht sind <a href=\"https:\/\/pt.wikipedia.org\/wiki\/Amsterdam_Centraal\" target=\"_blank\">manche Wikipedia-Autoren<\/a> mit der Schreibweise <i>Amesterd\u00e3(o)<\/i>.<\/p>\n<p>Die Hafenstadt Rotterdam bekommt leider nichts geschenkt: Als <i>Roterd\u00e3o <\/i>oder <i>Roterd\u00e3<\/i> muss sie sogar ein <em>t<\/em> einb\u00fc\u00dfen. Wie so h\u00e4ufig d\u00fcrfen kleinere Orte ihre Bezeichnungen auch in anderen Sprachen behalten: Volendam, Edam, Zaandam bleiben von der Aoisierung \u00fcblicherweise verschont (Potsdam \u00fcbrigens auch). Oder, mit den Worten eines <a href=\"https:\/\/cestdeboncoeur.blogspot.de\/2006\/11\/o-primeiro-dia-e-idade.html\" target=\"_blank\">anderen Blogautors<\/a>: \u201eEigentlich m\u00fcsste man es <i>Volend\u00e3o<\/i>\u00a0nennen, aber das klingt doch furchtbar!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem namenkundlichen Ausflug nach Belgien bieten nat\u00fcrlich auch die Niederlande ausreichend Verwunderliches an Exonymen in anderen Sprachen. K\u00fcrzlich stie\u00df ich auf \u00a0eine Abhandlung von Gottfried Wilhelm Leibniz aus dem Jahre 1715, deren f\u00fcnfzeiligen lateinischen Titel ich aus Platzgr\u00fcnden verschweige. Interessanter ist der Erscheinungsort des Werks: Amstelaedami. 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