{"id":6186,"date":"2014-12-24T10:12:31","date_gmt":"2014-12-24T09:12:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=6186"},"modified":"2019-07-19T14:00:22","modified_gmt":"2019-07-19T12:00:22","slug":"cariolisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/24\/cariolisch\/","title":{"rendered":"Cariolisch"},"content":{"rendered":"<p>Rund um die Weihnachtszeit ist im niederl\u00e4ndischen Sprachraum wieder einmal Saison f\u00fcr Debatten \u00fcber politische Korrektheit. Vermeiden wir lieber <a title=\"Braaf geweest, lieve kinderen?\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/05\/braaf-geweest-lieve-kinderen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">erneut<\/a> den schwarz angemalten <i>elephant in the room <\/i>und k\u00fcmmern wir uns um unsere eigene Disziplin: Die Linguistik hat durchaus auch ihre Leichen im Keller (nl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.buurtaal.de\/blog\/ausdruecke-und-sprichwoerter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>een lijk in de kast hebben<\/em>)<\/a> und nutzt gelegentlich noch ziemlich ungeschminkte Bezeichnungen f\u00fcr so manche Sprache.<\/p>\n<p>Bei ausgestorbenen Sprachen kann man beispielsweise die Sprechergemeinschaft nicht um ihre Meinung bitten. Es hilft f\u00fcr die Gegenwart also nur eine innere Gewissenspr\u00fcfung. Die scheint bei der Bezeichnung <i>Negerhollands<\/i> noch auszustehen. Wohl ist man sich in der Linguistik bewusst, dass der Begriff h\u00e4ssliche Konnotationen mit sich bringt. Dennoch sind bessere Vorschl\u00e4ge bisher rar. Dabei ist nicht nur der erste Teil der gegenw\u00e4rtigen Sprachbezeichnung problematisch, sondern auch der Anteil <i>-hollands<\/i>. Immerhin spielten bei der Entwicklung dieser Sprache vor allem die Dialekte Seelands und <a href=\"https:\/\/www.radio1.be\/programmas\/nieuwe-feiten\/wuk-west-vlamsch-ip-de-moahdeneilanden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Westflanderns<\/a> eine bedeutende Rolle, weniger die holl\u00e4ndischen. (Sehr ausf\u00fchrliche Ressourcen \u00fcber die Sprache gibt es <a href=\"https:\/\/diecreoltaal.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">bei den Kollegen in Nijmegen<\/a>.) Sicherlich kann man <i>Negerhollands<\/i> als historische Terminologie sehen. Diese Bezeichnung kam aber erst im 19. Jahrhundert auf \u2013 als Produkt einer Zeit, in der Rassedenken und Sprachreflexion enge Verbindungen eingingen. \u00c4ltere Quellen sprechen dagegen einfach nur von <i>Kreolisch <\/i>(in verschiedenen Schreibweisen, etwa dt. als <i>cariolisch<\/i>, nl. als <i>carriols<\/i>). In der Gegenwart ist oft die Rede von <em>Virgin Islands Dutch Creole<\/em>, kurz VIDC. Das ist akkurat und eindeutig, allerdings auch sperrig und l\u00e4sst sich nur holprig in andere Sprachen \u00fcbertragen oder etwa zum Adjektiv umformen.<\/p>\n<p>Zugegebenerma\u00dfen ist die Suche nach einer besseren Terminologie schwierig. Bei der ebenfalls ausgestorbenen Kreolsprache <i>Berbice-Nederlands <\/i>(oft auch <i>Berbice Dutch<\/i>)<i> <\/i>im heutigen Guyana greift man wieder auf ein Toponym zur\u00fcck.<i> Jungfrauinselisch<\/i> oder <i>Maagdeneilands <\/i>klingt allerdings schr\u00e4g und ist zudem ungenau, denn man hat es nur mit den heutigen Amerikanischen Jungferninseln zu tun, die von den Britischen Jungferninseln unterschieden werden m\u00fcssen. (<a href=\"https:\/\/taaladvies.net\/taal\/aardrijkskundige_namen\/land\/VI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Taaladvies<\/a> wei\u00df auch keinen Rat zur Adjektivierung der Jungferninseln und empfiehlt entwaffnend ehrlich: Umschreiben.) Es waren nur einzelne Inseln des Archipels relativ kurzzeitig unter Kontrolle der Niederl\u00e4ndischen Westindienkompanie, und bis zum Verkauf an die USA waren die f\u00fcr das Kreolische bedeutsamen Inseln d\u00e4nische Kolonien. Zudem gibt es auf den Jungferninseln neben der niederl\u00e4ndisch-basierten auch noch eine englisch-basierte Kreolsprache, die eine getrennte Bezeichnung braucht. Da die niederl\u00e4ndisch-basierte Sprache au\u00dferdem \u00fcber drei Inseln verteilt war, kann man auch daraus schwer einen einzelnen Begriff ableiten.<\/p>\n<div style=\"width: 379px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Magens_Bay\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b0\/Magens_Bay%2C_St._Thomas%2C_USVI.jpg\" alt=\"\" width=\"369\" height=\"217\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Magens Bay auf St. Thomas. Die erste cariolische Grammatik schrieb der D\u00e4ne Jochum Melchior Magens. Er selbst ist nicht Namensgeber der Bucht, aber dar\u00fcber kann man angesichts der Landschaft hinwegsehen. (Foto: dbking, CC-BY-2.0)<\/p><\/div>\n<p>Saint Thomas, Saint Croix und Saint John (oder die jeweils entsprechenden niederl\u00e4ndischen und d\u00e4nischen Namen) geben nur morphologisch schwer verdauliches Material her. Unverf\u00e4nglich und quellenhistorisch naheliegend w\u00e4re vielleicht tats\u00e4chlich der Begriff <i>Cariolisch <\/i>bzw. <i>Carriols<\/i>, der sich auch als <i>Cariole <\/i>problemlos anglisieren l\u00e4sst \u2013 kein unbedeutendes Kriterium f\u00fcr die Linguistik der Gegenwart. Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich daraus nicht mehr ablesen, dass es sich um eine niederl\u00e4ndisch-basierte Kreolsprache handelt und wo sie gesprochen wurde. Aus <i>Papiamentu<\/i>, <i>Patu\u00e1 <\/i>oder <i>Kriol<\/i> geht das allerdings auch nicht hervor, und diese Sprachen leben gut damit. In der Hoffnung auf bessere Ideen sei dieser Vorschlag also einfach einmal in den virtuellen Raum gestellt.<\/p>\n<p>Doch wie benennt man Sprachen oder Variet\u00e4ten, die nicht mit dem Beistand historischer Quellen im R\u00fccken daherkommen? Im Augenblick l\u00e4sst sich dieses Problem in Europa \u00fcberall da beobachten, wo neue multiethnische Jugendsprachen entstehen. Mit <i>Kiezdeutsch<\/i> ist schon eine tragbare L\u00f6sung f\u00fcr die deutsche Jugendsprache gefunden, so dass alte und abwertende Begriffe wie <i>T\u00fcrkendeutsch<\/i> oder <i>Kanaksprak<\/i> so gut wie \u00fcberwunden sind. (Bei der deutsch-basierten Kreolsprache <em>Unserdeutsch <\/em>war die Benennung von Anfang an erstaunlich unverf\u00e4nglich.) Die Pendants des Niederl\u00e4ndischen bei multiethnischen Jugensprachen wie <i>Straattaal<\/i>\u00a0 oder <i>Cit\u00e9s <\/i>verweisen ebenso auf den st\u00e4dtischen Raum, in dem die Sprachform ihren Kern hat. Sie tragen damit zu der Debatte bei, inwiefern st\u00e4dtische Jugendsprachen Dialekte im engeren Sinne sind, also Erscheinungen raumgebundener Variation. Die vorgeschlagene Benennung <i>Murks<\/i> f\u00fcr kontaktgepr\u00e4gte niederl\u00e4ndische Jugendsprache unter Nicht-Migranten wirkt f\u00fcr Deutschsprecher zun\u00e4chst befremdlich und erinnert an dt. <i>Murks <\/i>im Sinne von <i>mangelhafte Arbeit<\/i>. Dahinter verbirgt sich aber ein Kofferwort, das aus <i>Marokkaans <\/i>und <i>Turks<\/i> zusammengezogen ist und damit auf zwei wichtige Einwanderersprachen verweist.<\/p>\n<p>Mit diesen griffigen und wenig pejorativ konnotierten Bezeichnungen sind der deutsche und der niederl\u00e4ndische Sprachraum anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern voraus. <i>London Multicultural English<\/i> oder <i>K\u00f8benhavnsk multietnolekt<\/i> kommen sachlich und professionell daher, wirken deshalb aber zugleich technisch und sperrig. In Norwegen h\u00e4lt sich der Begriff <i>Kebabnorsk<\/i> hartn\u00e4ckig, Alternativen wie <i>Holmliansk <\/i>nach einem einwandererstarken Stadtteil Oslos konnten sich noch nicht durchsetzen. M\u00f6glicherweise weil der Verweis auf ein einzelnes Stadtviertel zu einengend ist, \u00e4hnlich wie etwa die schwedische Bezeichnung <i>Rinkebysvenska<\/i>. Der Schwedische Sprachrat empfiehlt deshalb <i>Shobresvenska<\/i>, nach der Gru\u00dfformel \u201eSho bre!\u201c, oder auch einfach <i>Vorortschwedisch<\/i>. Letzteres ist eine sehr geschickte und enorm skandinavisch-egalit\u00e4re Wahl, weil mit <i>Vorort <\/i>eine Plattenbausiedlung genauso gemeint sein kann wie eine Gartenstadt mit Einfamilienh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Allen F\u00e4llen gemein ist die Suche nach einem Begriff, der nicht als diskriminierendes Label missbraucht werden kann und au\u00dferdem f\u00fcr linguistische wie allgemeine metasprachliche Behandlungen des Gegenstands tauglich sind. Eines ist sicher: Die Hoffnung auf einfache L\u00f6sungen kann man sich in diesem heiklen Bereich abschminken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rund um die Weihnachtszeit ist im niederl\u00e4ndischen Sprachraum wieder einmal Saison f\u00fcr Debatten \u00fcber politische Korrektheit. 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