{"id":6432,"date":"2015-01-10T09:00:58","date_gmt":"2015-01-10T08:00:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=6432"},"modified":"2015-12-01T16:12:54","modified_gmt":"2015-12-01T15:12:54","slug":"beherzt-zugreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/01\/10\/beherzt-zugreifen\/","title":{"rendered":"Beherzt zugreifen"},"content":{"rendered":"<p>Leopold II. hatte richtig Lust auf Afrika. Der zweite\u00a0<a title=\"Drei belgische K\u00f6niginnen und zwei belgische K\u00f6nige\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/06\/drei-belgische-koeniginnen-und-zwei-belgische-koenige\/\" target=\"_blank\">K\u00f6nig der Belgier<\/a> im 19. Jahrhundert wollte sich, im Gegensatz zu seinem eher skeptischen Vater, am Rennen der europ\u00e4ischen M\u00e4chte um die <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/01\/04\/een-verzameling-van-congressen\/\" target=\"_blank\">Aufteilung Afrikas<\/a> beteiligen. Plausibel, k\u00f6nnte man denken \u2013 ein Leo geh\u00f6rt doch nach Afrika!<\/p>\n<p>Doch mit dieser etymologischen Spekulation liegt man mehr oder weniger daneben, denn der Name wurde vermutlich erst\u00a0<a href=\"https:\/\/www.meertens.knaw.nl\/nvb\/verklaring\/naam\/Leopold\" target=\"_blank\">nachtr\u00e4glich<\/a> mit L\u00f6wen in Verbindung gebracht. Urspr\u00fcnglich war er wohl ein abgewandelter Luitpold, und damit ein \u201eTapferer aus dem Volk\u201c. Der Bestandteil <i>Luit-<\/i> geht zur\u00fcck auf die Wurzel, aus der wir auch <i>Leute<\/i>, <i>lieden<\/i> oder <i>lui<\/i> kennen. Der zweite Teil <i>\u2013pold<\/i> kommt uns aus dem englischen <i>bold<\/i> oder dem niederl\u00e4ndischen <i>boud <\/i>bekannt vor und steht f\u00fcr <i>tapfer <\/i>oder <i>k\u00fchn<\/i>. Etymologisch sind die belgischen Monarchen nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig kreativ, denn dieselbe Wortherkunft hat auch der erste Namensteil von\u00a0<a title=\"Wie man belgische Dinge beim Namen nennt\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/16\/wie-man-belgische-dinge-beim-namen-nennt\/\" target=\"_blank\">Boudewijn<\/a>.<\/p>\n<p>Einigerma\u00dfen k\u00fchn und beherzt hat Leopold II. tats\u00e4chlich zugegriffen, als er sich die Rechte \u00fcber den Kongo in Afrika sicherte. Eine klassische Kolonie war es nicht, denn als sei es ein Waldst\u00fcck hinter dem Schloss galt der Kongo als privates Besitztum des K\u00f6nigs. Die Formulierung <i>zich van iets meester maken<\/i> (dt. <i>von etwas Besitz ergreifen,<\/i> auch im \u00fcbertragenen Sinne <i>sich etwas zu eigen machen<\/i>) passt nirgends besser als im kolonialen Zusammenhang. Anders als ein Schlossgarten hatte das Land bereits rechtm\u00e4\u00dfige Bewohner. Leopold waren die Menschen gerade gut genug, um bei der Ausbeutung des Landes zu helfen, etwa als Kautschukzapfer (nl. <i>rubbertappers<\/i>). Wer nicht funktionierte, wurde brutal aus dem Weg ger\u00e4umt. Wie vom Teufel besessen (nl. <i>van de <a href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/01\/06\/kussen\/\" target=\"_blank\">duivel<\/a><\/i><i> bezeten<\/i>) lie\u00df Leopold die Ressourcen des Kongobeckens ausschlachten.<\/p>\n<div style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kongogr%C3%A4uel\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"   \" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/52\/MutilatedChildrenFromCongo.jpg\" alt=\"\" width=\"249\" height=\"381\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Besonders zynisch: W\u00e4hrend Leopold II. in die Vollen griff, hackte man in der Kolonie als systematische Strafe H\u00e4nde ab. (Foto: Alice Harris in &#8222;K\u00f6nig Leopolds Selbstgespr\u00e4ch&#8220; von Mark Twain, upload: Denis Barthel, PD.)<\/p><\/div>\n<p>Mark Twain klagte dies in seinem Pamphlet <a href=\"https:\/\/msuweb.montclair.edu\/~furrg\/i2l\/kls.html\" target=\"_blank\"><i>K\u00f6nig Leopolds Selbstgespr\u00e4ch<\/i><\/a> ironisch an. Er legte dem K\u00f6nig eine Beschwerde \u00fcber Amerikaner, Briten und \u201eblabbingblabbing Belgian-born traitor officials\u201c in den Mund. Schon f\u00fcr die Sch\u00f6pfung dieser Alliteration geb\u00fchrt Twain gro\u00dfe Anerkennung. Leopold nun emp\u00f6rt sich, in der Ich-Form des Selbstgespr\u00e4chs, diese Missg\u00fcnstigen w\u00fcrfen ihm Gewalttaten im Kongo vor, \u201eseizing and holding the State as my personal property\u201c und \u201eclaiming and holding its millions of people as my private property, my serfs, my slaves\u201c.<\/p>\n<p>Mark Twain hatte luzide erkannt, was in Afrika vor sich ging. Er wusste aber noch nicht, dass dieses Land unter dem Namen Zaire sp\u00e4ter erneut in die H\u00e4nde eines Menschen fallen w\u00fcrden, der es quasi als sein Eigentum ansah. Mit einem Putsch kam nach der Unabh\u00e4ngigkeit bald Mobutu an die Macht. Auf Niederl\u00e4ndisch spricht man von einem <i>staatsgreep<\/i>, was die Geschehnisse bei einem Staatsstreich wieder bestens auf den Punkt bringt. Im Deutschen kennen wir den Ausdruck <i>Machtergreifung<\/i>, der aber sehr eingeschr\u00e4nkt vor allem f\u00fcr die Errichtung der NS-Diktatur gebraucht wird. Der niederl\u00e4ndische Begriff <em>coup <\/em>f\u00fcr einen Staatsstreich ist f\u00fcr Deutschsprachige nicht v\u00f6llig unbekannt, klingt aber durch die N\u00e4he zur Wendung <em>einen Coup landen<\/em> im Sinne von<em> auf spektakul\u00e4re Weise Erfolg haben<\/em> oft zu verharmlosend.<\/p>\n<p>Deutlich j\u00fcngeren Datums als die Ereignisse in Afrika ist im niederl\u00e4ndischsprachigen Raum der <i>staatsgreep <\/i>in Suriname, der unter dem Begriff <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sergeantencoup\" target=\"_blank\">Sergeantencoup<\/a> in die Geschichte einging. Die zahlreichen ergreifenden (ndl. <i>aangrijpende<\/i>) Schicksale und die unbegreiflichen (ndl. <i>onbegrijpelijke<\/i>) Verbrechen der kolonialen, faschistischen und postkolonialen Regime\/s (dt. pl. <em>die Regime<\/em> mit h\u00f6rbarem Schwa oder <em>die Regimes<\/em>, ndl. pl. immer\u00a0<em>regimes<\/em>) sind jedenfalls noch lange nicht zu Ende erz\u00e4hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leopold II. hatte richtig Lust auf Afrika. Der zweite\u00a0K\u00f6nig der Belgier im 19. Jahrhundert wollte sich, im Gegensatz zu seinem eher skeptischen Vater, am Rennen der europ\u00e4ischen M\u00e4chte um die Aufteilung Afrikas beteiligen. Plausibel, k\u00f6nnte man denken \u2013 ein Leo geh\u00f6rt doch nach Afrika! 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