{"id":6653,"date":"2015-01-20T09:30:10","date_gmt":"2015-01-20T08:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=6653"},"modified":"2015-01-19T07:21:55","modified_gmt":"2015-01-19T06:21:55","slug":"vollekenbond","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/01\/20\/vollekenbond\/","title":{"rendered":"Vollekenbond"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen stand ich vor der Herausforderung, einer Kollegin eine Zusammenfassung der Geschichte des Saarlandes zu geben. Immer wieder wurde es zwischen den Nachbarn hin- und hergespielt wie <a title=\"Wie slaat de bal mis?\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/16\/slagen-vs-slaan\/\" target=\"_blank\">ein Ball<\/a>, man hat gewisserma\u00dfen mit ihm V\u00f6lkerball gespielt (nl. <em>trefbal<\/em>, bei dem Begriff sind sich <a href=\"https:\/\/www.spelensite.be\/spel\/trefbal\" target=\"_blank\">Belgier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.jeugdatleet.nl\/oefenvormen\/onderdeel\/balwerpen\/balspelletjes\/trefbal.htm\" target=\"_blank\">Niederl\u00e4nder<\/a> offenbar weitgehend einig, auch wenn das Spiel sonst weltweit die verschiedensten Namen tr\u00e4gt.) Zwischen den Weltkriegen stand das damalige Saargebiet wieder einmal unter franz\u00f6sischer Kontrolle, gedeckt von einem Mandat des V\u00f6lkerbunds. Gemeinsam stie\u00dfen wir auf die Frage, wie der V\u00f6lkerbund denn auf Niederl\u00e4ndisch hei\u00dft. Die Antwort ist so naheliegend wie simpel: Man spricht vom <em>Volkenbond <\/em>oder <em>Volkerenbond<\/em>. Das ist aus deutscher Perspektive nicht so \u00fcberraschend. Trotzdem ist es bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in den meisten anderen Sprachen beispielsweise von der <em>Leage of Nations<\/em> oder der <em>Soci\u00e9t\u00e9 des Nations <\/em>die Rede ist. In der Logik des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts verschmolzen <em>Volk <\/em>und <em>Nation <\/em>eben noch zu einem vermeintlich austauschbaren Begriff. Auf die internationale Politik hatten dabei die V\u00f6lker wohl am wenigsten Einfluss. Interessanterweise ist die Benennung mit <em>Volk<\/em> in den germanischen Sprachen zwar verbreitet, aber keineswegs v\u00f6llig einheitlich. Neben der <em>League of Nations<\/em> auf Englisch sagt man etwa auf Schwedisch <em>Nationernas f\u00f6rbund, <\/em>w\u00e4hrend die norwegische und d\u00e4nische Variante wiederum <em>Folkeforbundet <\/em>ist.<\/p>\n<p>Im Deutschen finden wir <em>Volk <\/em>als Begriff einigerma\u00dfen ambig und nehmen ihn nicht mehr so gerne in den Mund. Beide deutsche Diktaturen hatten ihn sich allzu sehr zu eigen gemacht, so dass wir h\u00f6chstens noch in Komposita wie <em>Wahlvolk<\/em>, wo eindeutig der demokratische Zusammenhang klar wird, bedenkenlos damit hantieren. Selbst der einst so wichtige Slogan <em>Wir sind das Volk<\/em> aus der Zeit der friedlichen Revolution 1989 erscheint inzwischen kontaminiert durch die fremdenfeindlichen Parolen der \u201ePegida\u201c, die den Spruch aufgreift und umdeutet. Dass am Reichstagsgeb\u00e4ude in Berlin die Widmung &#8222;Dem deutschen Volke&#8220; angebracht ist, rief schon so manche Kritik hervor. Manchen kam es rechtslastig vor, andere waren der Meinung, es schlie\u00dfe einen Teil der Einwohner Deutschlands aus. Als Alternative wurde in einem Innenhof des Geb\u00e4udes ein Kunstwerk mit dem Schriftzug &#8222;<a href=\"https:\/\/www.derbevoelkerung.de\/\" target=\"_blank\">Der Bev\u00f6lkerung<\/a>&#8220; angebracht.<\/p>\n<p>Eine Ausnahme bei diesem lexikosemantischen Unwohlsein sind offenbar Zeitungsnamen. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte niemand zur\u00fcck zum <em>V\u00f6lkischen Beobachter<\/em>, und die Adjektivform <em>v\u00f6lkisch<\/em> ist zweifelsohne au\u00dferhalb der rechtsextremen Szene v\u00f6llig tabu. Mit der altehrw\u00fcrdigen <em>Volkskrant <\/em>hat in den Niederlanden aber wohl kaum jemand ein Problem, ebenso wenig in Deutschland mit der <em>Leipziger Volkszeitung<\/em>, die schon seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert so hei\u00dft. Wie dehnbar <em>Volk <\/em>sein kann, zeigen die beiden Bl\u00e4tter, die einmal unter dem Titel <em>Het Volk <\/em>erschienen waren:<\/p>\n<div style=\"width: 271px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Leest_het_dagblad_Het_Volk.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/9c\/Leest_het_dagblad_Het_Volk.jpg\" alt=\"\" width=\"261\" height=\"336\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Werbung f\u00fcr &#8222;Het Volk&#8220; in den Niederlanden im fr\u00fchen 20. Jahrhundert. (Entwurf von Albert Hahn, upload: Tekstman, PD.)<\/p><\/div>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/vandaagindegeschiedenis.nl\/2-april\/\" target=\"_blank\">niederl\u00e4ndische Tageszeitung<\/a> <em>Het Volk<\/em> war dezidiert links und nannte sich deshalb im Untertitel <em>Dagblad voor de Arbeiderspartij<\/em>. Die <a href=\"https:\/\/www.odis.be\/pls\/odis\/opacuvw.toon_uvw_2?CHK=PB_9920\" target=\"_blank\">fl\u00e4mische Tageszeitung<\/a> <em>Het Volk<\/em> ging dagegen aus dem politisch-katholischen Milieu hervor und trug einige Zeit lang den Untertitel <em>Antisocialistisch dagblad<\/em>. Sie organisierte lange Zeit ein bekanntes Radrennen, das nach dem Zeitungstitel <em>Omloop het Volk <\/em>hei\u00df, bis die Zeitung aufgekauft und der Wettbewerb in <em>Omloop het Nieuwsblad <\/em>umbenannt wurde. Schaut man sich die <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Omloop_Het_Nieuwsblad\" target=\"_blank\">Liste der bisherigen Gewinner<\/a> an, k\u00f6nnte man fast den Eindruck bekommen, dass das belgische Volk das Rennen unter sich ausmacht.<\/p>\n<p>Politisch gemeint ist der Begriff <em>Volk <\/em>auch bei der <a href=\"https:\/\/zlv.lu\/\" target=\"_blank\"><em>Zeitung vum L\u00ebtzebuerger Vollek<\/em><\/a>, die sich bis heute als marxistisches Blatt positioniert. In diesem Namen d\u00fcrften sich \u2013 unabh\u00e4ngig von der politischen Einstellung \u2013 viele Sprecher niederl\u00e4ndischer Dialekte wiederfinden. F\u00fcr sie ist <em>vollek<\/em> mit einem <a href=\"https:\/\/www.meertens.knaw.nl\/medewerkers\/marc.van.oostendorp\/propedeuse\/5.stomme-e.html\" target=\"_blank\">epenthetischen Vokal<\/a> eine sehr g\u00e4ngige Aussprachevariante. Und bei Johan van Paffendorp liest man im Jahr 1676 in seinem Gedichtband (S. 62): <em>Is hy dat niet? \u2019t is de man selfs, hoe later op den dag hoe schoonder vollik <\/em>(Dt.: <em>Je sp\u00e4ter der Abend, desto sch\u00f6ner die G\u00e4ste<\/em>)<em>.<\/em> Das Ph\u00e4nomen ist in den germanischen Sprachen also keineswegs auf Flandern begrenzt, sondern findet sich in \u00e4hnlichen Positionen auch im Luxemburgischen und in Dialekten des Deutschen (in <a title=\"Amesterd\u00e3o\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/12\/03\/amesterdao\/\" target=\"_blank\">anderen Sprachen<\/a> ebenso). Beim dialektalen <em>mellek <\/em>f\u00fcr <em>melk <\/em>und \u00e4hnlichen Formen findet sich der Vokal schon in viel \u00e4lteren Sprachstufen und gibt noch <a href=\"https:\/\/www.etymologiebank.nl\/trefwoord\/melk1\" target=\"_blank\">so manches R\u00e4tsel<\/a> auf. In Erinnerung ist mir die Beschwerde meiner Tante, sie wolle endlich wieder einmal frisch gemolkene Milch anstelle der <em>Fawwerikmillich<\/em> aus dem Supermarkt. Versp\u00fcrten mehr Verbraucher solche Gel\u00fcste nach frischer Milch, m\u00fcsste man sich um das Landvolk wohl keine Sorgen machen. Das h\u00e4tte dann sicher mehr <em>in de melk te brokke(le)n\u00a0 <\/em>(Dt. <em>in die Milch zu br\u00f6ckeln<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.dbnl.org\/tekst\/stoe002nede01_01\/stoe002nede01_01_1540.php#v1497\" target=\"_blank\">gemeint ist<\/a>: sie w\u00e4ren besser dran).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Tagen stand ich vor der Herausforderung, einer Kollegin eine Zusammenfassung der Geschichte des Saarlandes zu geben. Immer wieder wurde es zwischen den Nachbarn hin- und hergespielt wie ein Ball, man hat gewisserma\u00dfen mit ihm V\u00f6lkerball gespielt (nl. trefbal, bei dem Begriff sind sich Belgier und Niederl\u00e4nder offenbar weitgehend einig, auch wenn das Spiel [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2044,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2983,10102,23484,720,6940],"tags":[44141],"class_list":["post-6653","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-belgien","category-etymologie","category-idiom","category-niederlande","category-wortschatz","tag-beitraege-auf-deutsch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6653","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2044"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6653"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6653\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6688,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6653\/revisions\/6688"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}