{"id":7135,"date":"2015-03-03T08:08:53","date_gmt":"2015-03-03T07:08:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/?p=7135"},"modified":"2015-03-03T09:57:39","modified_gmt":"2015-03-03T08:57:39","slug":"vokalchaos-in-antwerpen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2015\/03\/03\/vokalchaos-in-antwerpen\/","title":{"rendered":"Vokalchaos in Antwerpen"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Finland\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b0\/Animated-Flag-Finland.gif\" alt=\"\" width=\"33\" height=\"22\" \/><\/a> Korrespondentenbericht aus Finnland*, Teil I.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist schon zwei Monate her, da ist die franz\u00f6sisch-belgische <a title=\"Wie man belgische Dinge beim Namen nennt\" href=\"https:\/\/blogs.fu-berlin.de\/nederlands\/2014\/10\/16\/wie-man-belgische-dinge-beim-namen-nennt\/\" target=\"_blank\">Exonymfalle<\/a> ist wieder zugeschnappt. Opfer dieses Mal: Die gr\u00f6\u00dfte finnische Tageszeitung <em>Helsingin Sanomat <\/em>(<em>Helsinkier Nachrichten<\/em>). Diese <a href=\"https:\/\/www.hs.fi\/ulkomaat\/a1421462348200\" target=\"_blank\">berichtete \u00fcber Soldatenpatrouillen<\/a> in Br\u00fcssel und \u201eAnvers in Nordbelgien\u201c. Quelle war eine Meldung der franz\u00f6sischen Nachrichtenagentur AFP. Es gab ein paar emp\u00f6rte Antworten in der Kommentarspalte, und man hat die Zeile halbwegs repariert:<\/p>\n<blockquote><p>Pohjois-Belgiassa sijaitsevassa Antwerpeniss\u00e4 on suuri juutalaisv\u00e4hemmist\u00f6.<\/p>\n<p>In Antwerpen, das in Nord-Belgien liegt, gibt es eine gro\u00dfe j\u00fcdische Minderheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die seltsame Art, statt Flandern \u201eNord-Belgien\u201c zu schreiben, ist nichts Finnisches, sondern Spezialstil von AFP. Finnische Spezialgrammatik ist dagegen die Form <em>Antwerpeniss\u00e4<\/em>. Das Suffix <em>\u2013ss\u00e4<\/em> steht f\u00fcr<em> in Antwerpen<\/em>. Im Deutschen k\u00f6nnen wir in eingeschr\u00e4nktem Umfang auch Eigennamen deklinieren, wenn man zum Beispiel <em>Antwerpen<strong>s<\/strong> Hafen <\/em>sagt. Auf Niederl\u00e4ndisch funktioniert das bei Personennamen noch einigerma\u00dfen, man l\u00e4sst es aber bei Toponymen eher bleiben und sagt <em>de haven van Antwerpen<\/em>, oder man greift zu einem Adjektiv: <em>de Antwerpse haven<\/em>.<\/p>\n<div style=\"width: 239px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Fins#Klinkerharmonie\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/e\/e3\/Finnish_vowel_harmony_Venn_diagram.svg\" alt=\"\" width=\"229\" height=\"158\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Finnische Vokalharmonie als Schema. (Grafik: Mysid, PD.)<\/p><\/div>\n<p>Das finnische Suffix l\u00e4sst sich zus\u00e4tzlich von seinem Nomen beeinflussen, denn es muss sich danach richten, welche Vokale in dem Wort vorkommen, an das es angef\u00fcgt wird. Das ist beim finnischen Wortschatz sehr rigoros: <em>y<\/em>, <em>\u00f6<\/em> und <em>\u00e4<\/em> mischen sich nicht mit <em>a<\/em>, <em>o<\/em> und <em>u<\/em>. Eine lexikalische Einheit kann immer nur Vokale einer dieser beiden Gruppen beinhalten und zieht dann die Endung <em>\u2013ss\u00e4<\/em> oder <em>\u2013ssa<\/em> nach sich. Nur <em>e<\/em> und <em>i<\/em> sind neutral, sie k\u00f6nnen mit beiden Vokalgruppen kombiniert werden.<\/p>\n<p>Wieso dann aber nicht <em>Antwerpenissa <\/em>statt <em>Antwerpeniss\u00e4<\/em>? Tats\u00e4chlich findet man die beiden Formen\u00a0bei einer Google-Suche etwa gleich oft. Fremde Toponyme halten die finnische Harmonieregel oft nicht ein, im oben verlinkten Artikel zum Beispiel der Landesname <em>Syyria <\/em>in der Form <em>Syyriasta<\/em> (<em>aus Syrien zur\u00fcck<\/em>). Provisorisch hat man sich nach dem letzten Vokal im Wort gerichtet, um sich aus dem Widerspruch zu befreien. M\u00f6glicherweise ist auch bei <em>Antwerpen <\/em>genau dies passiert. Obwohl es eigentlich den Vokalregeln entspricht, bekommt es die Endung <em>\u2013ss\u00e4<\/em>. Das anf\u00e4ngliche <em>a <\/em>wird ignoriert, \u00fcbrig bleiben nur neutrale Vokale \u2013 und bei W\u00f6rtern, die ausschlie\u00dflich neutrale Vokale enthalten, benutzt man die <em>\u00e4-Endungen<\/em>. Man hat <em>Antwerpen<\/em> zus\u00e4tzlich ein <em>i <\/em>geschenkt, das als neutraler Vokal vielen finnischen Lehnw\u00f6rtern beigef\u00fcgt wird, um sie leichter deklinierbar zu machen.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt beispielsweise der <em>p\u00e4\u00e4ministeri<\/em>, also der Premierminister. Endete der <em>Minister<\/em> auf <em>\u2013r<\/em>, w\u00fcrden viele Suffixe damit kollidieren. Mit dem \u2013<em>i <\/em>kann man sie besser verfugen. Morphologisch funktioniert dieses Wort \u00fcbrigens genauso, wie wir es aus den germanischen Sprachen kennen: <em>P\u00e4\u00e4 <\/em>bedeutet <em>Kopf<\/em>, aber eben auch <em>Haupt <\/em>oder <em>haupt-<\/em>. Wir k\u00f6nnten ebenso vom <em>hoofdminister <\/em>oder <em>Hauptminister <\/em>sprechen. Aber dass wir Deutsch- oder Niederl\u00e4ndischsprecher die finnischen Kasus- und Vokalregeln auf Anhieb verstehen w\u00fcrden, das k\u00f6nnen wir uns aus dem Kopf schlagen (nl. <em>uit ons hoofd zetten<\/em>).<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"color: #999999\">* W\u00e4hrend eines Aufenthalts in Finnland in den kommenden beiden Wochen widme ich einige Beitr\u00e4ge meinen Beobachtungen zur finnischen Sprache, zum Teil nat\u00fcrlich mit Bezug zum Niederl\u00e4ndischen und Deutschen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Korrespondentenbericht aus Finnland*, Teil I. Es ist schon zwei Monate her, da ist die franz\u00f6sisch-belgische Exonymfalle ist wieder zugeschnappt. Opfer dieses Mal: Die gr\u00f6\u00dfte finnische Tageszeitung Helsingin Sanomat (Helsinkier Nachrichten). Diese berichtete \u00fcber Soldatenpatrouillen in Br\u00fcssel und \u201eAnvers in Nordbelgien\u201c. Quelle war eine Meldung der franz\u00f6sischen Nachrichtenagentur AFP. 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